Guerlain ist eines der letzten Parfumhäuser, die ihre Düfte selbst herstellen
"Riechen Sie mal! Woran erinnert Sie das?" Der Inhalt des kleinen Tiegels ähnelt Walderde mit Rehbemmerln, und er riecht auch so.
Das altehrwürdige französische "Maison de Parfum" Guerlain hat seine eigene und weltweit einzige Fabrik in Orphin, einem kleinen Ort unweit von Paris.
Im Rohstofflager werden interessante Düfte gesucht und gesammelt. Diese sind nicht automatisch angenehm, können aber eine wichtige Note im Parfum ausmachen. So könnten die vermeintlichen Rehbemmerln die Quintessenz einer berühmten Guerlain'schen Duftkreation sein. Oder auch nicht. Das Wissen darum ist geheim und bleibt wohlbehütet.
Seit 1828 macht Guerlain Parfum. Über vier Generationen hinweg funktionierte das Unternehmen als Familienbetrieb, 2008 folgte der Parfümeur Thierry Wasser Jean-Paul Guerlain nach. Guerlain ist eines der wenigen Parfumhäuser, die die Produktion nicht "outsourcen". Nicht selten sei es die Arbeit mit den Rohstoffen, die zu einem Parfum inspiriert.
Der Schweizer Wasser gehört der fünften Parfümeur-Generation des Hauses an. Im goldfunkelnden Maison Guerlain auf den Pariser Champs-Élysées präsentiert er seine Neukreation "Shalimar Parfum Initial" - ausgehend von dem Guerlain-Duft von 1925.
In Orphin werden die Rohstoffe entgegengenommen, aufbereitet und gelagert. 700 verschiedene Substanzen aller Konsistenzen und Farben werden sortiert, nach ihrer Qualität beschnüffelt und in Eprouvetten, Flakons und schließlich Tonnen gefüllt. Kleine Stahlrohre verschnörkseln sich aus den riesigen Behältern in verschiedenste Richtungen und ermöglichen das tröpfchengenaue Mischen. Der edle Tropfen wird nach der Rezeptur des Parfümeurs vermengt und durch laufendes Probe-Riechen kontrolliert. Der fertige Duft kommt schließlich zum Reifen in den eindrucksvollen "Parfumkeller". Hier ist es kalt. Durch den vielen reinen Alkohol, der in der Parfumherstellung notwendig ist, herrsche schon bei 16 Grad Celsius Explosionsgefahr. In endlosen Reihen silberner Fässer schlafen die wohlriechenden Werke, bis sie, abermals durch eines der unüberschaubar vielen Rohre, direkt in den Flakon kommen. 1,3 Millionen Liter Guerlain-Parfum fließen hier jährlich. So gleiten auch abertausende Shalimar-Fläschchen über das Fließband. Die Neuinterpretation mit Natalia Vodianova als entblößter Muse auf dem Werbeplakat kommt an.
Vorwürfe des Rassismus
Weniger mundete der französischen Öffentlichkeit ein Fernsehinterview der alten "Nase" Jean-Paul Guerlain. Er zog Vorwürfe des Rassismus auf sich, als er den Ausdruck "schuften wie ein Neger" verwendete. Dies sei eine "unpassende Entgleisung" gewesen, spiegle aber nicht sein Gedankengut wider, rechtfertigte sich der 71-Jährige. Im Februar kommenden Jahres wird er sich vor Gericht dafür verantworten müssen.
Am Ursprung des neuen Shalimars stand aber eine ganz andere Muse als das russische Supermodel, das nun die edlen Plakate schmückt, erzählt Thierry Wasser. Seine 17-jährige Nichte habe ihn um "ihr eigenes Shalimar" gebeten.
Exklusivität ist bei Guerlain Programm. Die Produkte gibt es nur in eigenen Boutiquen zu kaufen - in Paris existieren lediglich elf davon. Dennoch scheint die Familienbetriebs-Idee noch präsent zu sein. Das Metier habe durchaus eine handwerkliche und künstlerische Seite, auch wenn es nicht unmittelbar so wahrgenommen würde, sagt Wasser.
Wasser ist charismatisch und eloquent. Die "Kunst der Kommunikation" und das richtige Marketing gehören zum Parfümeur-Dasein dazu. So ist die Body-Linie zum neuen Shalimar noch im Entstehen, vor Weihnachten kommt sie aber bestimmt - "wir mögen alle Künstler sein, aber wir schauen auch auf die Zahlen".
Geschichten erzählen
Der Stellenwert von Parfum hat sich substanziell geändert. Wasser erzählt gerne die Anekdote, wie Madame Guerlain in den Zwanzigerjahren auf einer Reise nach New York, das damals brandneue Shalimar tragend, ein ganzes Schiff in Aufregung versetzte - jeder fragte nach ihrem Duft, und die Schiffsmusiker hätten sogar ein eigenes Shalimar-Stück komponiert. "Heute werden wir mit einem neuen Parfum kein Schiff mehr anhalten", gibt Wasser zu. Dass die exquisiten Düfte "nicht mehr zum Träumen anregen", ist nach seiner Ansicht die Schuld von Marketing und Werbung. In der Parfümerie gehe es darum, Geschichten zu erzählen.
Auch wenn seine Düfte heute keine ganzen Schiffe mehr aus dem Häuschen bringen, der Star-Parfümeur kann sich eines großen Glücksgefühls nicht erwehren, erriecht er eine eigene Duftkreation auf der Straße oder in der Metro. Zumindest er fängt dann an zu träumen. (Julia Grillmayr/Der Standard/rondo/26/08/2011)