Auch 40 Jahre nach ihrem Tod gibt es noch immer viele Fragezeichen im Leben der legendären französischen Designerin
Im vergangenen Jahr kamen gleich zwei Filme über die legendäre Coco Chanel ins heimische Kino. Der eine handelte davon, wie aus einem armen Mädchen aus dem Waisenhaus die berühmteste Modeschöpferin der Welt wurde (Coco avant Chanel), der andere von ihrer Liebschaft mit dem Komponisten Igor Strawinsky (Coco Chanel & Igor Stravinsky). In beiden Filmen ging es um Liebe, Leidenschaft und Intrigen. Von den vielen dunklen Flecken in Chanels Leben handelten sie nicht.
Im heurigen Jahr kommt jetzt gleich eine ganze Flut an neuen Biografien über die französische Modeschöpferin in den Buchhandel - als könne man das weichgezeichnete Bild auf den Leinwänden so nicht stehen lassen. Auch vierzig Jahre nach dem Tod von Chanel gibt es nämlich noch eine ganze Reihe an Ungewissheiten und Rätsel im Leben der wohl berühmtesten Modedesignerin des 20. Jahrhunderts. Über vieles hat Chanel die Nachwelt bewusst im Dunkeln gehalten, vieles hat sie verschwiegen und nachträglich umzudeuten versucht.
"Operation Modellhut"
Das beginnt bei ihrer Herkunft aus ärmlichen Verhältnissen und ihrer Zeit im Waisenhaus, über ihre Affäre mit dem deutschen Besatzungsoffizier Günther von Dincklage, ihre Beteiligung bei der sogenannten "Operation Modellhut" bis hin zu ihrer angeblichen Bisexualität und zu ihrem Antisemitismus. In den Biografien, die in der Vergangenheit erschienen sind, werden diese Punkte in den meisten Fällen aufgerollt. Ausgeführt werden sie aber kaum, schlüssige Erklärungen oder Beweise finden sich noch seltener.
Das ist auch der Fall bei dem vor kurzem erschienenen Schmöker von Justine Picardie, der in Karl Lagerfelds Reihe bei Prestel herausgekommen ist und mit Zeichnungen des Chanel-Modeschöpfers versehen ist. Trotz großen Detailreichtums bleiben am Ende mehr Fragen offen, als beantwortet werden. "Coco war nicht nur eine Designerin - sie war auch eine Frau ihrer Zeit", sagte Lagerfeld einmal. Davon, welche Rollen sie wirklich spielte, nachdem sie Frauen von der einzwängenden Garderobe des 19. Jahrhunderts befreit hatte, und durch ihre beinahe zehnjährige Beziehung mit dem damals reichsten Mann Englands, dem Herzog von Westminster, auch in höhere sozialen Kreise aufstieg, beschleicht einem aber höchstens eine Ahnung.
Nazi-Sympathisantin, Kollaborateurin und Spionin
Diese Rolle zu ergründen nimmt sich dagegen der vergangene Woche erschienene Band Der schwarze Engel: Ein Leben als Nazi-Agentin des amerikanischen Journalisten Hal Vaughan vor. Im Mittelpunkt steht hier Chanels Affäre mit Günther von Dincklage, deretwegen die Modemacherin nach der Befreiung von Paris zur geächteten Person wurde.
Chanel wäre allerdings nicht nur eine Nazi-Sympathisantin und Kollaborateurin gewesen, behauptet das Buch, sondern auch eine Spionin mit dem Decknamen "Westminster". Als Beweis werden Reisen nach Madrid und Berlin angeführt (In der Vergangenheit konnte nur jene nach Madrid dokumentiert werden). In Madrid sollte sich Chanel mit ihrem alten Freund Winston Churchill in Verbindung setzen, um ihn zu informieren, dass deutsche Befehlshaber das Ende des Krieges anstrebten.
Bisexualität und Drogenkonsum
Der zweite Vorwurf, den Hal Vaughan gegen Chanel erhebt, ist ihr angeblicher Antisemitismus, der auch in der Vergangenheit bereits öfters Thema war. Während der Besatzungszeit versuchte Chanel der jüdischen Familie Wertheimer die Lizenz an No. 5 zu entziehen, dem finanziellen Motor ihres (damals stillgelegten) Imperiums. Verteidiger der Modemacherin argumentieren allerdings, dass Chanel kaum so viele jüdische Freunde gehabt hätte und auch nicht mit der Familie Rothschild so eng verbunden gewesen wäre, wäre sie antisemitisch gewesen.
Neue Details zu Chanels kolportierter Bisexualität und ihrem Drogenkonsum will dagegen die im November erscheinende Biografie An Intimate Life von Lisa Chaney (Viking) entdeckt haben, Mitte September kommt dagegen schon Intimate Chanel (Rizzoli) auf den Markt, ein Band, an dem Chanels Großnichte mitgeschrieben hat. So schnell werden die Diskussionen über Coco Chanel also kein Ende finden. (Stephan Hilpold/Der Standard/rondo/26/08/2011)