Design & Architektur

Neuform statt Reform

19. August 2011, 09:57
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    foto: ken kirkwood, gregory gibbons
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    Für seine Ausstellung über Buckminster Fuller ließ Kurator Norman Foster das Dymaxion Car # 4 in Smaragdgrün nachbauen.

Dem Visionär, Designer und Architekten Buckminster Fuller widmet das Marta-Museum in Herford zwei Ausstellungen

Rechtzeitig zur Mondlandung erschien im Juni 1969 das Buch Operating Manual for Spaceship Earth von Richard Buckminster Fuller. Während die gesamte Welt gebannt zum Erdtrabanten Mond blickte, nahm Fuller bereits die Astronauten-Perspektive ein und appellierte ans Publikum, die Erde ganzheitlich wahrzunehmen und zu begreifen. Es ist einer der typischen Perspektivwechsel, mit denen Fuller (1895-1983) sein Publikum zu begeistern verstand. Eine Weltkarte, die die Verteilung der Land- und Seemassen, aber auch die Polkappen erstmals realistisch darstellte, war schon 1943 eines seiner Projekte.

Die Erde als Ganzes dachte er als Behausung, so wie das Haus eines Einzelnen. Zu Beginn der 1960er-Jahre, als Kennedy den Wettlauf zum Mond in Angriff nahm, rief Fuller eine weltweite Design-Initiative ins Leben. Er propagierte die Entwicklung einer Design-Wissenschaft, "die sich zumindest in den nächsten zehn Jahren" der Aufgabe zu widmen habe, "durch kompetentes, industriell produzierbares Design 100 Prozent der Menschheit mit den gesamten Ressourcen der Welt auf einem höheren Lebensstandard zu versorgen als bisher."

"Neu-Former" statt Reformer

Richard Buckminster Fuller stand für eine andere Sicht auf die Welt, er wollte Technik nutzbar machen, eingreifen zugunsten einer Dynamik der Erneuerung, in der mit weniger Materialeinsatz mehr zu erreichen sei. Er begriff sich nicht als Reformer, sondern als "Neu-Former".

Gleich zwei Ausstellungen im Marta, dem 2005 eröffneten Ausstellungsge- bilde von Frank O. Gehry im ostwestfälischen Städtchen Herford widmen sich nun dem Architekten, Designer, Kritiker und Visionär Fuller. Die eine, Bucky Fuller & Spaceship Earth, hat den Denker und Gestalter im Blick. Gesehen und interpretiert mit den Augen eines Fans, Freundes und gestalterischen Partners, denn als Kurator fungiert kein geringerer als der weltbekannte Architekt Norman Foster. 1971, zu Beginn von Fosters Karriere und auf dem Höhepunkt von Fullers, trafen die beiden zusammen. Buckminster Fuller und Foster verbanden gemeinsame Vorstellungen von der Umgestaltung und Verbesserung der Welt durch eine neuartige Architektur.

Gestaltung der Welt

Fuller wuchs in Massachusetts auf, seine Großtante war die bekannte Frauenrechtlerin Margaret Fuller. Seit 1740 hatten alle männlichen Mitglieder der Familie in Harvard studiert. Fuller Jr. aber flog gleich zweimal von der Universität. Später, mit über 60 Jahren, wurde er zum gefragten Vortragsreisenden, der die größten Hörsäle füllte.

Am Anfang aber stand die existentielle Krise: Fuller war 1927 als Geschäftsführer der Baufirma seines Schwiegervaters gescheitert. Ein Jahr lang zog sich Fuller zurück, plante, verwarf, suchte den Ansatzpunkt für seinen Beitrag zur Gestaltung der Welt. Einen "kosmografischen Ansatz des Wohnbaus" nennt sein Biograph Joachim Krausse, was Fuller anschließend schuf. Zeichnungen und Skizzen, ein persönlicher Weltplan, der auch biographische Ereignisse wie die Geburt seiner Tochter sechs Monate zuvor, vermerkte. Aber auch vertikale Strukturen vom Leuchtturm über das konstruktive Tragwerk bis zum Hochhaus zeichnet Fuller zu Beginn umfassender Entwurfsreihen und Ausarbeitungen. Seine Hausentwürfe sind nicht die üblichen Unikate eines Architekten, der sich langsam beweisen und etablieren muss. Sie sollten nach dem Vorbild der Autoindustrie als Serienprodukte im Großmaßstab hergestellt werden.

Aufgespießter Apfel

1948 schreibt der Spiegel über die Fuller'sche Hausplanung: Das erste Modell von 1927 sähe aus wie ein "auf einen langen Stab gespießter Apfel", ein "luftiges Gebilde mit eingebauten Möbeln, aber zu teuer." Aber nicht mit seinen industriellen Hausentwürfen, sondern mit "geo- dätischen Kuppeln" reüssierte Fuller. Bis 1954 entwarf und installierte er etwa 1000 davon, für unterschiedlichste Zwecke. Als Konzerthalle fanden sie Verwendung, aber auch das US-Militär nutzte sie und selbst Hippie-Kommunen bauten sie begeistert nach. Den bekanntesten geodätischen Dom errichtete Fuller 1967 als US-Pavillon für die Weltausstellung in Montreal.

Nicht nur fürs Bauen, auch für die beginnende Mobilität lieferte Buckminster Fuller grundlegend neue Beiträge. Wie die Häuser präsentierte er auch seine Autoentwürfe unter dem Begriff "Dymaxion". Das Kunstwort aus dynamisch, maximal und Ion hatte ein Werbetexter für Fuller entwickelt. Das Dymaxion Car, 1933 erstmals präsentiert, basiert auf einem herkömmlichen Ford-Motor. Durch seine effiziente Dreirad-Konstruktion mit Hinterradlenkung und Stromlinienkarosserie verbrauchte der im Heck montierte Ford-V8-Motor nur 7,8 Liter pro 100 Kilometer. Nach einem Unfall, bei dem der Fahrer zu Tode kam, hatte das Projekt keine Chancen auf Serienproduktion. Und doch beeinflusste das Dymaxion Car spätere Automodelle, vom ersten Fiat Multipla über den VW Bulli bis zu den ersten Vans.

Effiziente Konstruktion

Im Kontext der Ausstellung, die 2010 zuerst in Madrid gezeigt wurde, ließ Norman Foster nach alten Plänen und Zeichnungen von Buckminster Fuller ein neues Fahrzeug konstruieren. Anders als die ursprünglich silbern oder schwarz lackierten Prototypen, leuchtet das in Herford ausgestellte Dymaxion Car #4 in britischem Smaragdgrün.

Als eigener Beitrag des Marta Herford ist Wir sind alle Astronauten zu sehen. Die ergänzende Schau widmet sich unter Beteiligung namhafter Künstler dem "Universum Richard Buckminster Fuller im Spiegel zeitgenössischer Kunst". Ein naheliegendes Thema, da Fuller schon zu seinen Lebzeiten Künstler wie John Cage, Jasper Johns, Peter Smithson oder Jean Tinguely beeinflusste. (Der Standard/rondo/19/08/2011)

Kommentar posten
11 Postings
dr.no3
21
20.8.2011, 13:48
der kann nur menschen täuschen

die keinerlei technisches verständnis haben

es gibt schon sehr gute gründe warum wir nicht in einer kuppel hocken
und mit dreiradlern herumfahren

Quatremère
10
21.8.2011, 18:09

das auto ist sicherlich unfahrbar. wenn man hinten lenkt muss man ja jede kurve anders angehen. und die rundumsicht zum zurückschieben ist sicherlich erstklassig. hübsch ist es halt irgendwie, auf eine seltsame art.

rispentomate
42
20.8.2011, 02:06
Wie unverantwortlich ist es, einen Wagen zu bauen,

bei dem die Person am Lenkrad bei fast jedem Unfall mit hoher Sicherheit zu Schaden kommt - was dann tragischerweise auch geschehen ist. Schuld hat - mindestens teilweise - der Konstrukteur.

Ästhetik ohne Beachtung der Funktion statt Ästhetik im Einklang mit Funktion.

Auch die Hinterradlenkung ist ein Unding - schnelle Richtungsänderungen, zB um auszuweichen, sind unmöglich. Sie wird aus gutem Grund nur bei Sonderfahrzeugen wie Gabelstaplern verwendet.

Dieser Entwurf ist ein Lehrbeispiel, wie Design NICHT sein soll: hier ist es - obwohl optisch interessant - sogar lebensgefährlich.

turi knecht
00
20.8.2011, 21:00
form follows function...

heisst der zauberspruch. trifft in diesem fall bestimmt nicdazu. das ding sieht aus wie ne kastrierte rakete aus nem roger ramjet film. irgendwie cool aber doch nicht. ein typisches nerd mobil...

Jene Grüne Straßenkatze
03
20.8.2011, 09:54
...

Man kann es auch so sehen: Ein Fahrzeug, bei dem der Fahrer verwundbar ist, wird viel eher zu verantwortungsbewusstem Fahren führen als eines, mit dem er andere gefährden kann ohne selbst bedroht zu sein.

Lex Barker jun.
01
19.8.2011, 19:08
Die Ausstellung läuft schon seit mehr als sechs Wochen!

Bitte um rechtzeitige Ankündigung!

Ronald Tekener
01
19.8.2011, 12:00

Sehr geehrte Redaktion, dürfte ich Sie höflichst auf den Rechtschreibfehler im vorletzen Absatz hinweisen: ".., lies Norman Foster..." - es sollte wohl "ließ" heißen, da das Wort nichts mit "lesen" zu tun hat.

Misko
 
13
19.8.2011, 10:39
"Und doch beeinflusste das Dymaxion Car spätere Automodelle, vom ersten Fiat Multipla über den VW Bulli bis zu den ersten Vans."

Gewagte Theorie. Der Volkswagen Typ 2 (VW-Bus) wurde vom niederländischen Autoimporteur Ben Pon initiert, nachdem er die intern im Werk genutzten Plattformwagen gesehen hatte. Ob er jemals vom Dymaxion gehört hatte, wage ich zu bezweifeln.

turi knecht
00
21.8.2011, 18:33
d'accord

zum multipla gibt's ne parallele, sehn beide beschissen aus. ziemlich beschissen.

wizardofoz
02
19.8.2011, 10:09

schade so weit weg...

fand fullers entwürfe schon sehr innovativ und visionär... der hätte am liebsten die ganze welt verkuppelt und verkugelt ;-)

Quatremère
00
21.8.2011, 18:12

heute hamma bald die ganze welt vergoogelt. ob ihn das gefreut hätte?

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