Man kann sich die Welt schön reden, Reden und Denken schließen sich aber eher aus
"Führende amerikanische Wissenschafter haben jetzt herausgefunden, dass positiv denken gar nicht geht. Irgendwie hat man sich das zwar immer schon gedacht, aber die Erklärung dafür ist ebenso einfach wie verblüffend: Wenn man nämlich positiv denkt, muss man immer genau zu jenem Zeitpunkt zu denken aufhören, an dem es interessant wird. Sonst rutscht man von der Habenseite in den roten Bereich - und man sieht alles nur noch schwarz.
Man kann sich die Welt also relativ einfach schön reden. Dass sich aber Reden und Denken gegenseitig nicht ergänzen, sondern eher ausschließen, darf man ab einem gewissen Alter auch als bekannt voraussetzen. Wenn man jetzt damit beginnt zu denken, dass alles sei super und darauf hofft, dass tatsächlich alles gut werden wird, hat sich das Denken schon längst in den Dämmerschlaf der Vernunft zurückgezogen und das Großhirn auf Politikerrede umgeschaltet. Denken heißt Zweifeln. Der Zweifel ist der Tod des Glaubens. Er sagt: Ich glaube nicht, dass das einmal gut ausgehen wird. Wer positiv denkt, denkt also im Wesentlichen gar nicht. Positives Denken, also de facto Nichtdenken, scheint eine esoterische Beschwichtigungsideologie für bürgerliche Strickgruppen zu sein, deren Gewaltpotenzial man seitens der herrschenden Klasse nicht unbedingt ausloten will."
Stopp. Aus. Um Himmels Willen!
Wenn man als allwissender Autor einmal heimlich tief in den Bubi hineinschaut, kann es ganz schön entrisch werden. Aber ansatzweise hat er mit dem positiven Denken natürlich recht. (Christian Schachinger, Rondo, DER STANDARD, 19.08.2011)