Großkalibrige Motorräder, Leder, Bärte oder Heavy Metal sollen vor jenen Anfechtungen schützen, die das ängstliche Kind im Manne bloßstellen könnten
Wenn im Dasein alles darauf ausgerichtet ist, Angst zu vermeiden, nennt man das einen kontraphobischen Lebensstil. Dieser manifestiert sich unter anderem darin, dass man den Anfechtungen des Alltags mit einer gewissen Härte begegnet. Härte soll Schwachstellen und Angriffspunkte verbergen. Sie schlägt sich also unter anderem äußerlich darin nieder, dass man sich als besonders unwirsch gibt. Das führt bei einem Teil der richtigen Männer dazu, dass man sich mit großkalibrigen Motorrädern, Leder, Bärten oder Heavy Metal vor jenen Anfechtungen schützen will, die das ängstliche Kind im Manne bloßstellen könnten.
Andere legen angesichts der schon bei Kierkegaard als "Schwindel der Freiheit" verorteten Angst Wert darauf, schlicht und einfach keine zu haben. Nichts darf sich verändern, alles muss anders bleiben, mein Lebensstil gehört mir. Wir sind zwar wilde Hunde, daheim müssen allerdings die Bleistifte auf dem Schreibtisch genau so liegen wie immer. Sonst drehen wir durch.
Der Dichterfürst denkt: Darüber könnte man ja auch einmal nachdenken. Bevor man sich zu weit hinauslehnt, bleibt man lieber verzagt. Mit aller Härte.
Bevor jemand fragt: Der Dichterfürst hat in den sozialen Medien einen alten Freund entdeckt, der plötzlich auf schweren Maschinen herumsitzt und auch sonst so tut, als wäre er noch unter den Hells Angels gebaut worden. Nur den Sonderpunkt mit der Sternfahrt für die sozial Schwachen und der Motorradweihe durch den hohen Herrn aus der Angstkirche muss er noch einmal überdenken. (Christian Schachinger, Rondo, DER STANDARD, 12.08.2011)