Die Zäune nieder!

9. August 2011, 16:31
  • Gartenzäune sind okay, solange man über sie hinweg kommunizieren - oder auch nur spechteln kann.
    foto: corbis / philip harvey

    Gartenzäune sind okay, solange man über sie hinweg kommunizieren - oder auch nur spechteln kann.

Wieso wohl Gartenbesitzer in Wien-Pötzleinsdorf so ganz anders ticken als der Rest der Menschheit, rätselt Gregor Fauma

Der britische Geograf Jay Appleton war bestimmt nicht in der Pötzleinsdorfer Cottage spazieren, als er seine Prospect-Refuge-Theorie entwickelte. Sie besagt, dass die Menschen im Zuge der Evolution ganz bestimmte ästhetische Vorlieben entwickelt hätten, was die Ausstattung ihres Heims betrifft. Unsereins homo sapiens sapiens, so Appleton, bevorzuge Wohnorte, von welchen wir einen unverstellten Blick hinaus ins weite Land hätten.

Das böte den Vorteil, Feinde schon früh ausmachen zu können und so weniger Zeitdruck zu haben, um Handlungsoptionen abzuwägen, Entscheidungen zu fällen und schlussendlich diesen Folge zu leisten. Aber es ist nicht nur prospect, also Ausblick allein, nein, auch refuge: Schutz muss die Niederlassung bieten, Rückzugsmöglichkeiten, um selbst nicht gesehen zu werden. Wir wollen also spechteln, aber dabei nicht erwischt werden - so in etwa könnte man die Prospect-Refuge-Theorie zusammenfassen.

Zentren der Kommunikation

Der homo sapiens poetzleinsdorferiensis tickt da aber anders oder hatte halt seinerzeit andere Selektionsbedingungen. Denn er kastelt sich ein. Er setzt grüne Hecken rund um seine Behausungen, die so dicht wachsen, dass nicht einmal Captain Kirks Phaser in Stufe 2 diese durchdringen könnte. Nur von ersten Frühjahrsspaziergängen weiß ich, wie schön diese nun den Blicken verborgenen Gärten sind. Da waren die Hecken noch bar jeder Belaubung, und man sah Menschen bei der Gartenarbeit, sah schöne Frühjahrsbeete, konnte sich Anregungen holen, blieb für einen Tratsch über Dickmaulrüssler kurz stehen oder blickte verstohlen weg, wenn man zu Intimes bezeugen hätte können.

Gerade Gärten sind Zentren der Kommunikation. Meist der mit einem selbst, aber gerne auch jener mit Passanten, die lobend stehen bleiben, die die Pracht zu schätzen wissen, die mit Kennerblick die darbende Nina Weibull beseufzen und Tipps geben, in welcher Gärtnerei das Kilo Surfinien gerade sehr wenig koste. Was nützt die ganze Pracht, wenn ich sie wegsperre? Wenn ich sie hinter Liguster-, Kirschlorbeer- oder gar Thujenhecken verberge? Und wie unbefriedigend ist es andererseits (und zwar buchstäblich!), zu wissen, dass draußen am Zaun Menschen vorbeigehen, ohne erkennen zu können, wes Habitus sie sind?

Strategien für und gegen das Spechteln

Das passt doch vorn und hinten nicht zusammen. Leute, lest Euren Appleton, reißt die Hecken nieder und gebt die cottageoise Pracht Eurer Gärten frei! Für den Refuge-Aspekt kann man ja auch gewitzte, gärtnerische Lösungen entwickeln. Man schiebe seine Liege unter die Hängebirke, verfrachte den Lieblingslehnstuhl unter die lang herabhängenden Blätter der Weide, oder bastle sich aus immer kleiner werdenden Torbögen, Ramblerrosen und Clematen einen höhlenartigen Ort des Rückzugs, von dem aus man unbeobachtet aus dem Garten hinausspechteln und den Passanten hinterherspucken kann.

Die schönste Form des Rückzugsortes habe ich in Rossatz gesehen. Da ließ der Bewohner eine große Fläche Rasen ungemäht stehen und stellte da seinen Liegestuhl hinein. Niemand konnte ihn sehen, und wenn er vom Nickerchen erwacht die Augen öffnete, sah er bunte Blumen sein Blickfeld abgrenzen, Bienen tanzen und zentral einen azurblauen Himmel mit weißen Wattewolken, auf denen Heidi jodelnd über die Länder zog. Und: Jeder Garten hat uneinsehbare Winkel, in denen man dann all die Sachen machen kann, die niemand sehen soll. Aber Vorsicht! Hören kann man sie eventuell trotzdem. Also, seid einsichtig und gewährt Einsicht! (Gregor Fauma/Der Standard/rondo/05/08/2011)

  • Fauma & Flora

    Seit Heintje in den Charts [3]

    TitelbildDie deutsche Rosenzüchtung Westerland ist seit über 40 Jahren ein Hit. Zu Recht, denn wer sie nur ein bisserl aufpapperlt und ihr beim Ranken hilft, wird mit üppigen Duft- und Farberuptionen belohnt, weiß Gregor Fauma.

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    Trau keinem Tau auf Rosen! [7]

    TitelbildJetzt ist der Moment, um Rosen an Land auf Pilzbefall zu untersuchen und für neue Seerosen ein passendes Gewässer zu finden

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    Ein Beet als Blütenwand [5]

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    Aus die Laus! [14]

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    Mit einem Hochbeet auf Augenhöhe gärtnern [59]

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    Flink zum Fink [8]

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    Mangoldgrube [4]

    TitelbildViel Platz unter der Sonne und reichlich Wasser will der Krautstiel - Er dankt's dem Beilagenesser mehrfach in einer Saison mit üppigen Ernten, weiß Gregor Fauma

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    Das Rückgrat der Fisole [4]

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    Kopfnuss im Erdbeerland [1]

    TitelbildWie feucht und sandig mag's die Fragaria? Die Antwort auf genau diese Frage ist eine süße Denksportaufgabe, meint Gregor Fauma

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    Süßsaurer Mai [25]

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    Anamnese vor dem Wildwuchs [12]

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    Eingeborene sind selten Eingefrorene

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  • Fauma & Flora

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    Komposthaufen: Lasagne alle verdure [3]

    TitelbildSchicht für Schicht abwechselnd Trocken- und Grünzeug übereinanderlegen: Das hat sich auch beim Komposthaufen bewährt - Faule Tricks von Gregor Fauma

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15 Postings
Horror für den Österreicher

freundliche Kommunikation mit Mitmenschen, das eigene Reich (vermutlich begehrlichen) Blicken preis geben... furchtbar. Ein Horror für den durschnittlich wohlhabenden Österreicher. Richtig entspannt sind in der meistens nur jene, die wirklich wenig oder wirklich viel haben.

zur ehrenrettung der pötzleinsdorfer

kann man auch sagen, dass die thujenhecken generell sehr gerne in österreich als sichtschutz eingesetzt werden. in der nähe von gehwegen und straßen verständlicher als dort wo man sich die sicht auf einen bach, berg, ebene, wald etc. verstellt.

Der Autor hätte also Freude daran, in den Lebensbereich wildfremder Menschen einzusehen bzw. seinen Senf dazu zu geben. Soll so sein. Dass er aber voraussetzt, die Menschen hätten ein Interesse am Gespräch mit Fremden, welche in ihre Gärten stieren bzw. eine Freude daran Vorbeigeher zu begaffen, befremdet mich. Den Menschen dient der eigene Garten zur persönlichsten Erbauung. Was Andere, ja Fremde davon halten, ist einem Genießer wurscht. Wessen Urteil gewünscht und anerkannt wird, der wird zur Geselligkeit in den Garten geladen.

Was bitte ist "fauma"?

eine mischung aus fauna, fata morgana und 1001 nacht..
im ernst:
der name vom autor - ein familienname mit "rechtschreibfehler", exakt passend für diese kolumne.
gregor & flora wär nur halb so lustig, und keiner würde fragen :-)

ich dachte auch an "fama" ...

... danke übrigens für die aufklärung!
das hat man davon, wenn man artikel nicht bis zum bitteren ende liest.

mit vorder und hintergarten (letzterer uneinsichtig) wärs möglich - sowie tlw. in england - wobei ja nicht alle zeigefreudig sind.
wir sitzen tlw. auch im vordergarten - hinter einem nicht blickdichten zaun - im dorf weiss also jeder alles was wir da tun - uns störts nicht, aber nicht jedermanns/fraus sache.

Freie Bahn für Hundeschei**e.

Weiss ich noch gut, wies war, als ich noch keinen Zaun hatte...
Jede Woche einen vollen Kübel.

hier im dorf waren wirklich die hunde der grund dass einige hinten ihre immer offenen gärten (früher als felder genutzt) einzäunten.
bei uns waran es weniger die hundstrümmerln als die streunenden hunde die sich in unserem biotob badeten, beim rauskraxeln aus dem wasser schäden anrichteten. ausserdem hatten die kinder angst wenn plötzlich ein grosser fremder hund vor ihnen steht und bellt. weiters schäden in den gemüsebeeten durch graben und zertreten wie das totpinkeln einzelner bäumchen....

träume ... :)

tja, warum gibt es wohl das schöne alte deutsche wort ein"friedung" ... ;-)

aber zugegeben: es ist schade, dass leute auch den vorgarten, in dem sie sich meist eh nicht aufhalten, blickdicht machen. gerade diese zone böte sich den passanten als blickfang an. man sieht manchmal in tourismusgebieten völlig geschlossene, meterhohe umzäunungen, sowas ist dem ortsbild sicher abträglich.

blickdichte, meterhohe umzäunungen

Auch in Wien an der alten Donau gibt so was mittlerweilen. Normalerweise inklusive Überwachungskamera.

Ich finde, so was schaut ganz grausam und furchtbar nach neureich aus. Und stört wirklich sehr das Ortbild. Ich fühle mich unwohl an solchen Orten und irgendwie auch unerewünscht.

Weil, sobald etwas nicht eingezäunt ist, es als Allgemeingut gilt. Hätte ich einen Garten, ich würde nicht wollen, dass bis an meine Haustüre heran fremde Hunde kacken, Leute durch den Vorgarten trampeln usw. Passierte meine Eltern früher öfters, bis sie einen Zaun hatten. Ganz zu schweigen vom Verlust der Privatsphäre, wenn jeder sofort sehne kann, was sich am Grundstück alles abspielt. So gesehen halte ich Faumas Argumente für nicht stichhaltig.

Zu wenig und zu viel ...

Wer spricht denn von "keinem" Zaun? Höhe, Blickdichte usw. sind ja justierbar.

Gibt es einen Gregor Fauma2?

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