Auf Grille statt Griller schwört Gregor Fauma in seinem Garten - Denn nur das Tierchen zaubert mediterrane Nächte
Juli. Grelles Licht und sengende Hitze tauschen nächtens mit schwül stehender Luft und leuchtendem Sternenhimmel. Dumpf dampft der Boden im Dunkeln die bleierne Schwüle ab, die vom Morgen an in ihn hineingestrahlt wurde. Die zu Tageszeiten noch schlapp hängenden Pflanzen atmen, wenn die Sonne schon ein paar Stunden untergegangen ist, deutlich hörbar auf. Fensterläden werden geöffnet, Rollläden hochgefahren, und die Sommermenschen lüften ihre stickigen Zimmer hinaus in die Nacht.
Alle erwachen. Menschen, Pflanzen, Nacktschnecken, und selbst die haarigen Riesenhausspinnen wagen sich knisternd aus ihren sinistren Verstecken. Manche behauptet, sie seien so groß, dass man sie deutlich über das Parkett trippeln höre. Fledermäuse ziehen geräuschlos ihre nervösen Loops & Backflips in den Himmel, und Glühwürmchen leuchten einander den Weg zueinander. Und trotzdem, irgendetwas fehlt.
Geld gegen Leben
Den anderen. Denn ich habe vorgesorgt. Rechtzeitig wurde ich beim Zootandler meiner Wahl vorstellig. Aber diesmal nicht, um nach einem Nannostomus marilynae Ausschau zu halten, sondern um in der Reptilienabteilung mein Geld gegen Leben zu tauschen. Ja, natürlich könnte ich Geckos kaufen und die Wände zu den Nachbarn raufjagen - aber danach ist mir vielleicht erst nächstes Jahr.
Dieses wie auch in den letzten Jahren ist mir nach dem Sound des Sommers, dem mediterranen Geräuschteppich, dem provencalischen Dauerfeuer, nach dem Zirpen der Grillen und Heimchen. Und man möchte es nicht glauben - es gibt nicht nur die Sorte "Grille", sondern der geneigte Reptilientandler führt eine breite Selektion unterschiedlichster Jahrgangsgrillen in seinem Sortiment.
Zirpende Auswahl
Gryllus assimilis, die Steppengrille, und Acheta domestica, das Heimchen, bilden den Grundstock eines vernünftigen Einkaufs. Dazu kann man dann noch Gryllus bimaculatus, die Zweifleckgrille, die Wüstenheuschrecke Schistozerca gregaria und die Wanderheuschrecke Locusta migratoria in den Einkaufskorb schlichten. In jeder der Schachteln befinden sich ein bis zwei Handvoll Tiere, die man am besten mit ein wenig Abstand zur Wohnungstür abends freilässt. Abends deswegen, damit nicht gleich sämtliches Vogelvieh den Einkauf verputzt. Und los geht es.
Erst beginnen die Steppengrillen mit einem ganz leisen sssrrrrt, und sukzessive setzen dann die anderen Musikanten unter den lichtscheuen und nachtaktiven Haxeltieren ein. So verschaffen sie der nächtlichen Terrasse genau jene mediterrane Soundatmo, nach der mich so giert. Zu Gesicht bekommt man sie kaum mehr. Nur jene Exemplare, die sich in die Wohnung verirrt haben, tauchen plötzlich auf, um im Bad oder im Küchenkastl für akustisch deutliche Schrecksekunden bei La Gattin zu sorgen.
Schrecksekunden bei La Gattin
Den ganzen Sommer lang kann nun der gesamte Bezirk das Balzen der Männchen um die Weibchen hören; hören, wie sie gegenüber Konkurrenten ihre Reviere abstecken, und die Freude ist grenzenlos, wenn sich ein paar Exemplare gut geschützt über den Winter retten und in den ersten wirklich warmen Nächten ihren Gesang anstimmen. Ich denke, das mit dem Gecko werde ich noch einmal überdenken müssen - am Ende ist er ein musikfeindlicher Geselle, der mein Orchester in wenigen Tagen wegputzt. Weiß eigentlich wer, wo man Zikaden kaufen kann?
(Gregor Fauma/Der Standard/rondo/22/06/2011)