Verlangen und Ekel

21. Juli 2011, 17:13
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Rufus Wainwright veröffentlicht sein bisheriges Lebenswerk in der Sammlung "House of Rufus"

Mit kaulquappigen 37 Jahren legt Rufus Wainwright eine Sammlung seines Gesamtwerks vor. Man gönnt sich ja sonst nichts. In roten Samt gehüllt veröffentlicht er das üppige Boxset House of Rufus. Es beinhaltet neun Originalalben, sechs DVDs und noch einmal vier CDs mit Raritäten, Kollaborationen mit Freunden, Familienmitgliedern und Demos - dazu Drucke, Zeichnungen und das Leben des Rufus in fünf Akten in einem fetten Buch. Schon der Umfang dieser Sammlung wirkt maßlos und kokett, aber so ist er. Ein kapriziöser Songwriter, ein unaufgeräumter Bohemien, dem die Logen des Wiener Opernhauses ebenso Heimat sind wie Amsterdamer Hafenkneipen.

Rufus ist der Sohn der Folkmusiker Kate McGarrigle und Loudon Wainwright III. und Bruder der Folksängerin Martha. Er beherrscht spartanische wie opulente Arrangements, die er gerne mit beschwipster Nonchalance durchwandelt.

Seit seinem Debüt 1998 war klar, dass Wainwright nicht nur ein begnadeter Musiker und Sänger ist, er verkörperte einen Typus, der im modernen Pop rar geworden ist: den genialen Exzentriker. Einen, dem die guten Kontakte des Herrn Papa in der Musikindustrie die Möglichkeit schufen, herrlich verschrobene Alben für große Verlage aufzunehmen. So wie vor ihm in den diesbezüglich goldenen 1970er-Jahren Typen wie Van Dyke Parks - selbst ein schräges Genie -, der Wainwrights Karriere früh unterstützte. Rufus war aber nicht bloß Günstling und Protektionskind, er produzierte immer wieder kleinere Hits, Songs, die in Filmen Einsatz fanden, und etablierte über seine Auftritte bald eine ergebene Fangemeinde, die sich nach der Musik und der Person dieses Gay Messiah - so heißt einer seiner bekanntesten Songs - verzehrte. Dass dieser schwule Erlöser mitunter Krachlederne trägt, unterstreicht nur die Primadonna.

House of Rufus, das eher eine Kathedrale ist, bildet all dies ab. Wo aber beginnt man? Vielleicht mit dem Album Rufus Family & Friends. Das zeigt den innersten Kern dieses Kreativzentrums. Neben Arbeiten mit seinen Eltern und seiner Schwester sind hier Songs zu hören, die er mit David Byrne, Antony Hegarty, den Pet Shop Boys oder Joan As Policewoman aufgenommen hat - Exzentriker wie er, Geistes- und Seelenverwandte. Man hört getragene wie beseelte Balladenkunst, lässig hingeschlenzt, zwischen Verlangen und Ekel, der Königsdisziplin dieser Erscheinung. (Karl Fluch, DER STANDARD/RONDO - Printausgabe, 22. Juli 2011) 

  • Rufus Wainwright blickt zurück, ins "House of Rufus".
    foto: universal

    Rufus Wainwright blickt zurück, ins "House of Rufus".

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