Von Längen und Spitzen

22. Juli 2011, 17:07
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Wie viel Packung braucht das Haar? Nach Sonne und Salzwasser ist diese Frage tatsächlich hochaktuell, hat Karin Pollack erfahren.

Die mitunter entscheidenden Dinge passieren vollkommen unbemerkt - sogar beim Friseur. Wer sich dort auf dem Sessel niederlässt, um zu besprechen, "was diesmal gemacht werden soll", befindet sich in einer diagnostischen Situation. Denn wenn Markus Güpner scheinbar nebenbei durch die Haare fährt, prüft er deren Zustand. Wenn sich das Haar "wattig und wie ein nasser Angorapullover anfühlt", fällt die Diagnose negativ aus.

Sein Salzburger Kollege Andreas Paischner beschreibt eine andere Art von kaputtem Haar als "irgendwie knusprig, fast wie Heu". In beiden Fällen ist Folgendes geschehen: Die schützende Schicht aus Keratinschuppen rund um jedes einzelne Haar ist aufgeraut, einzelne Schuppen fehlen. Wie man das merkt: kein Glanz und die Tendenz zur Verfilzung. "Die Haarstruktur ähnelt einem Tannenzapfen", beschreibt es Ludger Neumann, wissenschaftlicher Direktor von L'Oréal. Er und sein Team entwickeln Produkte, die diese aufgerauten Haarstruktur wieder schließen und das Haar geschmeidig, glänzend und gut durchfrisierbar machen sollen.

Das klingt zwar simpel, doch die Produktvielfalt macht die Wahl (fast) zur Wissenschaft. Einmal ganz abgesehen von einem Shampoo, das einfach nur den Schmutz bindet und ihn ausspült, geht es um maßgeschneiderte Pflege. Ein Shampoo allein ist längst nicht genug, ein Conditioner (auch als Haarspülung, -balsam oder -balm bezeichnet) sollte Teil der Haarpflegeroutine sein. 

Kosmetik für die Haare

Alle zwei bis drei Wochen sollte das Programm durch eine Haarmaske (auch Haarpackung oder -kur) komplettiert werden. Das sei ähnlich wie in der Kosmetik, meint Güpner, "ein Conditioner ist so etwas wie eine Tagescreme, ein Haarkur eher eine Pflegemaske", erklärt er anschaulich. Conditioner bilden eine Schutzschicht rund um das Haar, "gerade im Sommer ist das wichtig, weil die Sonne das Haar schädigt", sagt er.

Vor allem dann, wenn es ohnehin durch Dauerwelle, Farbe, Tönung oder Blondierung strapaziert ist. Insofern sind die neuen UV-Schutz-Sprays für die Haare ein nicht unwesentliches Reiseutensil, meint Andreas Paischner, vor allem für alle, die ihren Urlaub im Süden am Strand verbringen, "auch Salzwasser greift das Haar an, lässt es austrocknen, und wir sehen dann im Herbst abgebrochene Haarspitzen und Spliss".

Gebündelte Locken und glattes Haar ohne Spliss

Bei der Entscheidung für die richtige Produktfamilie ist die Beschaffenheit der Haare ausschlaggebend. Wer Locken hat, will sie zähmen - das schaffen vor allem ölhaltige Produkte mit Polymeren, die die Locken bündeln. Wer hingegen glattes oder feines Haar hat, wünscht sich meistens mehr Volumen, was mit den Anlagern von Pflegestoffen an der Haaroberfläche bewerkstelligt wird.

Allerdings: Öle sind auch für glattes Haar mit Spliss eine Option, "dann aber nur in den Längen und Spitzen verwenden", rät Güpner. Ganz allgemein gehe der Trend allerdings zu Kombinationsprodukten, also Reinigung und Pflege in einem, ortet Neumann von L'Oréal. Das ist insofern eine Herausforderung, als man bei diesen neuen Kombinationsprodukten rein chemisch gesehen einen "Spagat schaffen muss", erklärt er. Haarpackungen hingegen sollen tief in die Haare eindringen und dort die Haarschuppen außen mit den Keratinfasern innen wieder besser verbinden. Diese Kittsubstanz mag Lipide, in hochwertigen Packungen sind manchmal bis zu 20 Inhaltsstoffe enthalten.

Leave-in oder Rinse-off

Was die Anwendungsformen betrifft, hat sich in der Haarpflege-Welt in den letzten Jahren eine eigenständige Terminologie entwickelt. Ob man ein Leave-in- oder Rinse-off-Produkt bevorzugt, sollten haarbewusste Konsumentinnen wissen. Für Neueinsteiger: In ersterem Fall bleibt das Pflegeprodukt drinnen, in letzterem wird es ausgewaschen, Leave-in sei aber der Trend, meinen beide Friseure. Auch Anti-Frizz, also die Abwesenheit von verfilztem Haar, ist erstrebenswert, je hochwertiger die Inhaltsstoffe, umso besser gelingt dies. Allerdings: "Übertrieben viel Pflege ist auch nicht gut, denn das Haar gewöhnt sich daran, und die Wirkung lässt nach", warnt Güpner. (Karin Pollack/Der Standard/rondo/22/06/2011)

>>> Zur Ansichtssache: Reichlich Pflege

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    foto: hersteller
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