Was Anis für Sie tun kann, erläutert Luzia Schrampf
Pastis ist der neue Aperol, hieß es zu Frühlingsbeginn. Die Hoffnung, die bei Aperol-Genervten respektive Anisgetränk-Fans aufkeimte, verflüchtigte sich allerdings. Tatsache ist, dass Pastis bei weitem nicht so flächendeckend zu finden ist wie Aperol, was schade ist.
Wer je in Südfrankreich geurlaubt hat, wird kaum an Pastis vorbei gekommen sein. Serviert wird eine kleine Menge eines transparenten Getränks und eine riesige Karaffe Wasser. Gießt man Wasser hinein, wird die Flüssigkeit gelblich trüb und weißlich mit zunehmendem Verdünnungsgrad, wofür es sogar einen eigenen Begriff gibt: den Louche-Effekt. Pastis ist äußerst erfrischend durch den kühlen Kräutermix, in dem der Geschmack von Anis dominiert.
Gegner sprechen von Hustensaft
Und genau der polarisiert. Gegner von Pastis sprechen von Hustensaft. Zu Recht, Anis ist seit der Antike als Heilpflanze bekannt und soll antibakteriell, krampflösend und tonisierend wirken. Manche Quellen sprechen auch von aphrodisierenden Effekten, Schutz vor schlechten Träumen und sogar Abhilfe gegen den bösen Blick - na bitte!
In der Produktion wird Anis heute oft durch den aus Asien stammenden Sternanis ersetzt, der - weder verwandt oder verschwägert - ähnlich schmeckt und billiger herzustellen ist, weil er als Pflanze ergiebiger ist. Dass Anis im östlichen Mittelmeerraum zu Hause war, erklärt, weshalb man in der Türkei Raki und in Griechenland Ouzo schlürft, und das seit vielen Jahrhunderten. Bei beiden Destillaten liefert Anis in einer zweiten Brennrunde den Grundgeschmack.
Urfranzösisches Produkt
Bei Pastis beruft man sich darauf, ein urfranzösisches Produkt wie Baguette zu haben, weil es aus der Brenntradition der Provence entstand. Herr Pernod begann Anfang des 19. Jahrhunderts an der französisch-schweizerischen Grenze im Zuge des Absinth-Brennens mit seinen Anis-Versuchen, Herr Ricard in den 1930ern in Marseille.
Beide fusionierten und wurden zu einem der größten Getränkekonzerne weltweit, der heute beide Marken unter einem Dach hält. Unbekanntere Namen zu probieren, sofern man ihrer habhaft wird, lohnt sich dennoch, da dahinter oft feinste Qualität steckt.
Nicht zu vergessen sind die Meriten von Pastis beim Kochen. Miesmuscheln im Sud oder eine Bouillabaisse mit einem Schluck Pastis holen einem mit einem Schuss Pastis Südfrankreich ins Haus. Ganz ohne Baguette. (Luzia Schrampf/Der Standard/rondo/15/07/2011)