Marx und der Gameboy

15. Juli 2011, 17:14
  • Drei Volksschüler 1983 und ein Spiel, das heute wohl nur noch in einem Computerspielemuseum zu finden ist. In Berlin gibt es nun endlich eines.
    foto: d & p valenti / classicstock / corbis

    Drei Volksschüler 1983 und ein Spiel, das heute wohl nur noch in einem Computerspielemuseum zu finden ist. In Berlin gibt es nun endlich eines.

In Berlin wurde das Computerspielemuseum eröffnet, eine längst überfällige Institution, wie Ingo Petz meint

Der Ort ist schon einmal gut gewählt. Denn Karl Marx und Computerspiele haben vielleicht mehr gemein, als der gemeine Gamer annehmen kann. "Computerspiele besitzen objektiv Tendenzen, die Ideen und Werte des Sozialismus durch die Kinder über Spiel und Romantik aneignen zu lassen", belehrte DDR-Forschungskollektivleiter Gerd Hutterer. Der Spruch ist an einer Wand im hinteren Teil des "Computerspielemuseums" zu lesen, eines Museums, das seine Heimat in den Räumen des einstigen Café Warschau an der Berliner Karl-Marx-Allee gefunden hat. Das tatsächlich höchst interessante Kapitel über Computer- und Videospiele in der DDR, in dem die Ost-Pacman-Variante "Hase und Wolf" und die einzige Sozi-Spielekonsole BSS 01 zu sehen sind, interessiert an diesem Tag allerdings kaum jemanden. Das Interesse der Besucher gilt vor allem den "westlichen" Konsolen, Video- und Computerspielen aus rund vier Jahrzehnten, die man hier ausprobieren kann. So zischt, fiept und piepst es in den hohen Räumen wie in einem Videospiel.

Vor allem männliche Besucher

Auf recht engen 650 Quadratmetern, die rund 300 Exponate zeigen, drängeln sich vor allem männliche Besucher im Alter zwischen zehn und 50 Jahren. Ein Mann in Jeans und T-Shirts, etwa 40 Jahre alt, schlägt mit einem Wii-Controller wild durch die Luft und übt sich so im Video-Tennis der populären Konsole. Beobachtet von einem halben Dutzend Kindern, die den leidenschaftlich agierenden Mann mit großen Augen anstarren. "Hier möchte man begraben werden", ruft er und macht sich auf zur nächsten Konsole. Der Rundgang durch das kleine Museum ist in drei Kapiteln eher thematisch als chronologisch angelegt. Das Kapitel "Der spielende Mensch" umreißt historisch-soziokulturelle Grundlagen des Spiels. Weiter geht es in "Der Erfindung und Entwicklung des digitalen Spiels", wo die erste Konsole von Ralph Baer bestaunt werden kann, natürlich auch das Urspiel aller Videospiele "Pong" oder die Entwicklung der Konsolen und Heim-PCs an der "Wall of Hardware". C64, Atari 2600, Gameboy, PlayStation - das Walhalla der Zocker.

Die immer günstigeren Produktionstechniken für Computer-Hardware in den 1970er- und 1980er-Jahren führten zu einer rasanten Kommerzialisierung des Video- und Computerspielemarktes, der heute in die Milliarden geht. Zudem führte dies dazu, dass die großen Videospieleautomaten an Attraktivität verloren. Das digitale Spiel verlagerte sich zunächst ins heimische Zimmer und wurde durch das Internet zur virtuellen Welt, wie Spieleerfolge wie "World of Warcraft" beweisen. Im dritten Kapitel "Die Welt des homo ludens digitalis" werden verschiedene Aspekte der Spielwelt angerissen: Computerspieleabhängigkeit, die Produktion von Computerspielen und die Tatsache, dass der Spieler längst nicht mehr nur Konsument ist, sondern vor allem kritischer Mitgestalter von Spielen und virtuellen Welten, ebenfalls ein Aspekt, der Karl Marx gefallen hätte.

Die Dauerschau soll künftig durch thematische Sonderausstellungen ergänzt werden. Schließlich soll die Sammlung des Museums rund 2300 Hardware-Stücke und mehr als 14.000 Spiele umfassen. Der spannende Rundgang selbst wirkt wie ein Computerspiel: flirrend, schnell geschnitten, reizüberflutet, visuell, emotional. Die Texte sind knapp, manchmal zu knapp. Es ist keine Frage, dass das Berliner Museum erst der Anfang einer Musealisierung des Computerspiels ist. Der Raum ist für die gewaltige Evolution, die das Spiel in den vergangenen Jahrzehnten erlebt hat, zu limitiert. Der nostalgische Aspekt, den die alten Spiele und Hardware-Stücke beim Besucher auslösen, ist noch zu betont. Dennoch ist ein Anfang gemacht, und zwar ein guter.

KulturrevolutionComputerspiel

Man fragt sich natürlich, warum solch ein Museum nicht schon längst das Licht der Welt erblicken konnte angesichts der Kulturrevolution, die das Computerspiel ausgelöst hat. Davon kann der Gründer des Computerspielemuseums Andreas Lange viele Geschichten erzählen. Zwischen 1997 und 2000 hatte der leidenschaftliche Sammler und einstige Mitarbeiter bei der "UnterhaltungssoftwareSelbstkontrolle" (USK) schon einmal eine Sonderausstellung kuratiert, die aufgrund des Platzmangels geschlossen werden musste. Dass das Museum nach zehn Jahren der Ungewissheit seine Tore öffnen konnte, ist letzten Endes Langes Initiative, Leidenschaft und Hartnäckigkeit zu verdanken. Eben der Stoff, aus dem alle Träume gemacht werden - und auch Computerspiele. (Ingo Petz/Der Standard/rondo/15/07/2011)

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Schade, dass es auf interessante Artikel so wenig Reaktionen gibt. Wäre interessant darüber zu posten :) . War eigentlich schon jemand dort?

Was in einem solchen Museum wirklich noch brauchbar wäre, wäre eine fix installierte Retrobörse. Sprich Stände, die dann alte Hardware und Software anbieten.

BTW Am 3. 12. ist in Wien wieder ne Retrobörse.

Gibt es schon eine Adresse im Internet dafür?

Wer einen wirklich guten Artikel zu dem Thema lesen will, soll sich das letzte Retro (vor dem aktuellen ;) ) besorgen. Einfach nett wie das aussieht, wenn das Experten beschreiben.

Wobei ich ausdrücklich festhalten will, dass auch dieser Artikel sehr gut verfasst ist. Was bei ansonsten von fachlichen Fehlern nur so strotzenden Artikeln im Webbereich unbedingt hervorgehoben werden muss.

"In Berlin wurde das Computerspielemuseum eröffnet"

6 Tage später und ihr hättest das halbjährige Jubiläum eures "grad eröffneten" Spielemuseums erwischt ;) .

Aber nett, dass ihr wengistens überhaupt darüber berichtet. Österreich würde so etwas auch nicht schaden.

Was man vom bärtigen Marx mit Sicherheit weiß

Ist das er "unnütze" Beschäftigung hasste.
Oder unproduktive im weiten Sinn.
Konsole und Computerspielen gehört sicher dazu.
Nix da mit Zocken im Marxismus ;)

Im Fall von Online Rollenspielen hätte er sicher vom "Opium" der Unterdrückten gesprochen.
Das stille Seufzen der Geknechteten, die nur in der virtuellen Realität Erlösung finden.

Materialisten sind generell nüchterne und fantasielose Menschen ohne Verständnis für solche Vergnügungen.
Kein Wunder dass Marx ursprünglich aus dem bürgerlich-protestantisch/calvinistischen Umfeld kommt ;)

Kann ich mir nicht vorstellen

Das letzte Ziel von Marx war die Befreiung des Menschen. Auch das einfache Volk sollte Freizeit haben, die es selbst gestalten konnte. Verwechseln Sie nicht Marx mit Stalin!

Marxistische (bzw. sozialdemokratische) Vereine haben sich intensiv mit "unnuetzen Vergnuegungen"
auseinandergesetzt, vom Wanderverein bis zum Automobil- und Motorradklub, von der Handballsektion bis zum Schachklub.

Vielleicht haette sich Marx daran gestossen, dass Menschen tagelang allein vor der Playstation versumpert und vereinsamt waeren... aber eine sozialistische Gesellschaft in WoW zu erschaffen, haette ihm wohl gefallen...

Dagegen nimmt sich die Computersammlung des Technischen Museums Wien gerade erbärmlich aus.

Aus den geplanten mehr als 2000 Quadratmetern wurde eine spärlich besetzte Nische. Computerzeitalter - was ist das, Frau Zuna-Kratky ? Wären Sie doch bei Ihren Tonbandgeräten geblieben. Danke, Frau Gehrer!

"die Entwicklung der Konsolen und Heim-PCs"

Die Dinger hiessen Heimcomputer - HC - im Gegensatz (!) zum Personalcomputer (PC)

Hat HC auf so einem Heimcomputer Paintball-Spielen und Diktatoren anbaggern gelernt? ;-)

Das sit so nicht richtig. eigentlich war jeder Computer per Definition ein PC. Also ein persönlicher Computer. Im Unterschied zu den damals üblichen einfachen Terminals.

Dummerweise haben die Medien eine Kurzschreibweise für den IBM-PC gebraucht und haben immer von PC geschrieben. Obwohl der C64, der Amiga, der Spectrum, der Apple II oder der Mac genauso PCs wie die von IBM (bzw. deren Klone) waren.

Noch heute kannst du Applenerds locker schocken, in dem du Macs vollkommen korrekt als Apple-PCs bezeichnest :) .

Heim- oder Homecomputer ja, aber die Abkürzung "HC" war unüblich.

Sowohl auf einem C64-II wie auch auf der Verpackung des ZX Spectrum 128 steht aber eindeutig "Personal Computer" drauf.

The Timeline and History of Video Games

http://catcyclone.wordpress.com/2011/07/1... deo-games/

ziemlich cool !

2 wirklich geniale Videos

zeigt die Geschichte der Videospiele und wie sie sich entwickelt haben, must see !

http://catcyclone.wordpress.com/2011/07/1... deo-games/

nicht so gutes Video, zeigt aber auch recht schln wie sich die PC-Spiele weiterentwickelt haben, bzw. sind ein paar schöne Klassiker zu erkennen

http://catcyclone.wordpress.com/2011/07/1... deo-games/

there is a potential donkey kong kill screen if you wanna watch!

feine sache :o)

also der artikel...

...hat am anfang sein wahres: karl marx und computer spiele haben sogar sehr viel gemeinsam...beide beschäftigen sich in der regel nicht mit der realität ;)

Selbst bis Ende der 80er computerlos und dann nur mit einem XT ausgestattet,...

... ließ ich gestern ein wenig die wilden Zeiten Revue passieren, als jüngere Kollegen, denen ich etwas in Latein helfen sollte, lieber mit den Commodores 64 und 128, einem Telefonmodem und der "Datasette" Spiele tauschten. Einer von ihnen ist heute erfolgreicher Inhaber einer IT-Firma.

Eine Veteranin schwärmte von damals, als der Quellcode der Spiele in Zeitschriften abgedruckt selbst eingetippt werden mußte. Als dann die ersten "kopiergeschützten" Spiele auftauchten, fuhr sie des Nachts mit ihrem Moped (ohne Sturzhelm) von Wien zum Internat der HTL nach Mödling, um dort von den Spezialisten entsperrte Spiele auf Kassetten abzuholen...

Dr. Heinz Anderle, Freigeist

Yep, an die Bandbreite von simplen Datentransport mittels Fahrzeug kam lange keine Datenverbindung ran :) .

Und Modem waren damals sehr unüblich. Die hatten nur ein paar freaks, die direkten Zugang zu den bulletin boards der groups hatten.

Und Datasetten hat sich nur angetan, wer sich nicht ne Floppy leisten konnte ;) .

Aber war schon lustig damals ohne Helm durch die Gegend fahren zu können.

"ein Spiel, das heute wohl nur noch in einem Computerspielemuseum zu finden ist"

So?

http://www.youtube.com/watch?v=uIUxmqe3jA4

Der Computer ist übrigens ein Tandy TRS-80

http://de.wikipedia.org/wiki/TRS-80

Da gibt es bis heute eine recht lebhafte Emulationsszene - und ein bisserl "Home Brew".

Wenn auch nicht auf diesem brillianten Niveau:

http://www.youtube.com/watch?v=DQgd5p-Z5DY

Wir brauchen doch jetzt hoffentlich nicht darüber reden, dass es etwas komplet anderes ist, dass auf der echten Hardware zu sehen und zu spielen als in einem mittels destruktiven codec halbscharfen Filmchen?

Mal ein wirklich cooles Pacman ;-)

http://catcyclone.wordpress.com/2011/07/1... n-pac-man/

unbedingt ansehen ;-)

total zufällig bin ich vorgestern über diesen kanal gestolpert:
https://www.youtube.com/user/DerSchmu#g/u

fundgrube, was C64 nostalgie angeht!

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