Weiße Wunderkammer

18. Juli 2011, 10:49
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In den Neunzigern stellte das Avantgarde-Label Maison Martin Margiela die Mode auf den Kopf - Jetzt richtete es in Paris ein Hotel ganz neu ein

Wie kann ein Modestil in ein Stück Architektur übersetzt werden? Im Falle von Maison Martin Margiela lautet die Antwort: Gar nicht. Mode war und ist bei diesem Label immer auf den Kopf gestellte Architektur.

Insofern bewegt sich das jüngste Einrichtungsprojekt von Maison Martin Margiela in bekannten Bahnen. Das im bunten elften Pariser Arrondissement ansässige Modehaus, das in den Neunzigern zu den Lieblingslabels der Intellektuellen gehörte, verpasste dem Nobelhotel La Maison Champs-Élysées ein Facelifting.

Entstanden ist eine Art Margiela-Hotel, das wie eine noblere Variante des eigenen Stammhauses anmutet - nur dass man darin auch übernachten kann. Statt eines Wohnwagens wie im Stammsitz in der Rue Saint-Maur empfängt den Besucher eine verspiegelte Koje in Form eines Prismas. Sie ist ganz untypisch in Schwarz gehalten.

Schmutzigweiß

Dabei ist die Farbe des Modelabels eigentlich Schmutzigweiß. Seit Ende der 1980er-Jahre überstreicht das einstige Avantgardelabel alles mit Weiß, was ihm unter die Finger kommt. Die eigenen Läden sind genau so in dieser Farbe gehalten wie die Arbeitskittel, in die Verkäufer oder Angestellte unisono gehüllt sind.

Auch La Maison Champs-Élysées, das nur ein paar Schritte vom Grand Palais im achten Arrondissement liegt, ist bis auf den ersten Stock, der ganz in Schwarz gehalten ist, in Weiß getaucht. Viele der Möbel sind mit Hussen überzogen, in einem der 17 Zimmer beziehungsweise Suiten im vorderen Teil des Hotels bedecken sie sogar das Telefon.

Im Unterschied zum hinteren Trakt, der ein Neubau aus dem Jahr 1989 ist, fand hier das Team von Margiela (der Namensgeber des Labels hat die zu Diesel gehörende Marke vor zwei Jahren verlassen), ideale Bedingungen vor, um sich auszutoben.

Wandtapeten mit Trompe-l'OEil-Effekten

Erbaut wurde das Haus 1866 im Stil von Napoléon III, viele der originalen Baudetails sind auch noch vorhanden. Wo nicht, hat das Margiela-Team ganze Arbeit geleistet. Wandtapeten mit Trompe-l'OEil-Effekten zitieren die ehemalige Stuckatur, in der Bar prangen dieselben Rokoko-Elemente sowohl auf dem Teppich als auch an der Decke.

Der Gang, der die Rezeption mit dem Garten verbindet, ist hingegen mit tausenden Aluminiumplättchen verkleidet.

Und auf manchen der Hotelwände sind statt Bildern helle Rechtecke zu sehen, als wären dort einstmals Bilder gehangen. Das Verdrehen und Täuschen, Auf-den-Kopf-Stellen und Neuinterpretieren gehören bei Margiela seit Jahrzehnten zum Handwerk. Es lässt sich mühelos auf die Architektur übertragen. (hil/Der Standard/rondo/15/07/2011)

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    foto: hersteller
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  • Hussen, Trompe-l'OEil-Effekte, ein mit Aluminiumplättchen verkleideter Gang: das "Margiela-Hotel".
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    Hussen, Trompe-l'OEil-Effekte, ein mit Aluminiumplättchen verkleideter Gang: das "Margiela-Hotel".

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