Gesprächige Tasten

7. Juli 2011, 17:17
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Neues von Pianisten: Bugge Wesseltoft setzt auf DJ-Assistenz, Danilo Rea interpretiert Opern und Michel Camilo rast virtuos durch die Latinwelt

Unseren Rundgang durch die Welt improvisierender Pianisten wollen wir mit einem sympathischen Typen beginnen, der seinerzeit tatsächlich frischen Wind in die Szene brachte. Man schrieb das Jahr 1997 und Bugge Wesseltoft veröffentlichte "A New Concept of Jazz", worin eine Übermalung des schon eine geraume Weile existierenden Stiles mit Clubgrooves vorgenommen wurde. Bugge variierte dabei ausgiebig auf quasi tanzbarer Grundlage seine smarten Ideen. Der Norweger, der sein eigenes Label (Jazzland) führt, setzte dabei auf akustische und elektronische Elemente.

Schön war die Atmosphäre, aber es gab auch immer musikalische Substanz. Dabei wirkt der Aufbau epischer, poetisch beginnender, dann sich ins Groovige emporschwingender Stücke als Erkennungsmarke. Dem Zugang ist Bugge treu geblieben. Zusammen mit DJ und Elektronikdenker Henrik Schwarz führt er bei "Duo" (Jazzland/Universal) diskrete Dialoge - Klavierideen und deren Computerverarbeitung führen zu reizvollen Musikgemälden. Beide harmonieren ideal, quasi wie zwei Jazzer, die sich sehr gut auf Ideenaustausch und schnelles Reagieren verstehen. Traditioneller der Gedankenaustausch beim Tastenkollegen Danilo Rea: Zusammen mit Trompeter Flavio Boltro ist er auf "Opera" (act/Edel) in die Welt der übergroßen Gefühle eingetaucht, hat Arien wie E lucevan le stella (aus Puccinis Tosca) zu Standards umfunktioniert. Beide Herrn extrapolieren das Originalmaterial, harmonisieren es etwas um, bleiben aber nahe am Notierten. Also: Geschmackvoller Mainstreamjazz, der sich neben Puccini auch Monteverdi, Bellini und Vivaldi vorknöpft und bei Rossinis Ouvertüre Guglielmo Tell dann munter und originell wirkt.

Ganz auf Eigenbaustücke setzt folgendes Plauderduo: Pianist Joey Calderazzo wurde von Saxofonist Bradford Marsalis eingeladen, das Zwiegespräch zu führen - "Songs of Mirth and Melancholy" ist ja auf dem Label des Saxofonisten (Marsalis, Vertrieb Universal). Aber Calderazzo ist kein dienender Pianist. Er beherrscht die Jazztradition, kann so lustig altmodisch wirken wie modern und ist dem schön, mitunter zu schön wirkenden Marsalis ein eloquenter Partner. Die Herren pendeln zwischen poetischen Balladen und heftigen Reminiszenzen an den Bebop. Zweitere wirken überzeugender.

Auch im Klaviertrio, quasi der Königsdisziplin des Jazz, lässt sich gut plaudern. Da muss allerdings ein Pianist an den Tasten sitzen, der Substanz hat, um vor der großen Geschichte dieser Form zu bestehen. Michel Camilo ist so jemand. Auf "Mano A Mano" (Universal) setzt er mit Bass- und Percussionassistenz nicht nur auf flotte Latinrhythmen, aber zweifellos kann er hier seine markante und virtuose Kunst am effektvollsten in Stellung bringen. Dazu passt auch, dass er selbst Coltranes legendäre Ballade Naima sinnvoll in ein grooviges Korsett steckt. (Ljubiša Tošić, DER STANDARD/RONDO - Printausgabe, 8. Juli 2011)

  • Der musikalisch immer smarte Keyboarder Bugge Wesseltoft.
    foto: egil henning hansen

    Der musikalisch immer smarte Keyboarder Bugge Wesseltoft.

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