Die Gartengestaltung darf nicht am Platzmangel scheitern. Ein Kräutergarten ermöglicht das Ausleben der kreativen Kräfte en miniature
Bei der Gestaltung eines Gartens ist der wichtigste aller Faktoren Platz. So war es mir wichtig, dass die hundertjährige Trauerweide als Solitär ausreichend zur Geltung kommt. Der an ihr vorbeigluckernde Bach ist gesäumt von Dotterblumen, und dort, wo er in den Schwimm-Weiher mündet, steht ein Oleanderwäldchen, flankiert von riesigen Farnen, die in einem Funkienmeer unterschiedlichster Grüntöne ihre Grenzen finden. Die Wiese lasse ich ungemäht, sie soll, ähnlich einer Futterwiese in Osttirol, im Wind wiegend Gelassenheit ausstrahlen.
Ist der Platz im Garten jedoch bemitleidenswert begrenzt, so kann man sich auch mit einem Kräuterbeet landschaftsgestaltend austoben. Und Kräuter sind ja derzeit unglaublich in, chic, ja geradezu en vogue. Kein kreativer Koch kommt mehr daran vorbei, aus den bitteren Stängeln, die aus den hundbebrunzten Asphaltfurchen der Vorstadtparkplätze drängen, einen feinen Frühsommersalat anzurühren. Bücher werden gefüllt, Kräuterguides herausgegeben, und, wenn man das von einem "extraplanetary point of view" betrachtet, kann man zusammenfassen, dass eh fast alles essbar ist, solange man es wie Spinat behandelt.
Platz und Aromaentfaltung
Essbar bedeutet aber nicht automatisch wohlschmeckend. Wohlschmeckend, das sind jene Kräuter, die auf Namen wie Estragon, Basilikum, Oregano, Thymian, Dille, Petersilie, Minze, Liebstöckl und Salbei hören. Dank den Supermarkketten sind diese gut verfügbar, und wer Ausgefalleneres sucht, fährt in eine Gärtnerei, um dort zwischen Mandarinensalbei, Kokosette-Minze und Bratlfett-Dille zu schwelgen. Aber da kommt dann wieder das Platzproblem zum Tragen. Wohin mit all den Pflanzerln?
Und welche Bedingungen brauchen sie zur Aromenentfaltung? Der Oregano mag karge, trockene Böden, braucht ein wenig Windschutz und wird am besten zur Blütezeit geerntet. Er gehört zu den wenigen Ausnahmen, die getrocknet besser schmecken als frisch. Nicht aus den Kräuterbeeten wegzudenken ist der Schnittlauch, blüht er doch auch rosa und schmückt damit seinen Standort. Ihn neben Oregano zu pflanzen wäre töricht, braucht der Suppenveredler doch fette, nährstoffreiche Böden, die stets leicht feucht sind. Zum Oregano setzt man am besten, wenn auch mit gutem Abstand, Thymian ein.
Salate pimpen
Dem kann es gar nicht trocken genug sein, und er dankt den optimalen Standort mit dichtem Wachstum - deswegen auch die Empfehlung mit dem Abstand. Wenn man Zitronenthymian als Wegbegrenzung pflanzt, verströmt dieser bei jeder Berührung sein sagenhaft frisches, an Pollo al limone gemahnendes Aroma aus.
Das funktioniert übrigens auch mit Lavendel ganz hervorragend, wiewohl dieser dann doch eher provenzalische Assoziationen weckt. Mittlerweile gibt es eine Unzahl an Thymianzüchtungen, ich empfehle den einfachen, winterfesten Thymian und eben jenen weißgrün beblätterten Zitronenthymian. Und wer Provence sagt, muss auch Estragon folgen lassen, diese zausige, schnellwüchsige Fischfülle, die auch Salate zu pimpen versteht. Trockene Erde, intensive Hitze und Kerbel als Partner bringen südfranzösisches Flair in die Kräuterlandschaften. Das subtile Anis-Aroma hebt sämtliche blasse Grundprodukte wie Huhn, Fisch oder Reis.
Und nun zum finalen Tipp: Wandeln Sie morgens, mit einer Schere und einem Körbchen bewaffnet, durch Ihre Kräuterlatifundien, zupfen, rupfen oder schneiden Sie sich nach Herzenslust die zartesten Triebspitzen möglichst aller Kräuter ins Körberl, um diese dann in der Küche fein zu hacken, aufzuhäufeln und ein Butterbrot mit der Butterseite nach unten fest hineinzudrücken. Ein besseres Frühstücksbrot gibt es nicht.
(Der Standard/rondo/01/07/2011)