"Kein Gott, keine Grenzen, kein Glauben"

23. Juni 2011, 17:45
8 Postings

Philippe Starck präsentierte in München neue Sessel für den Möbelhersteller Dedon - Michael Hausenblas traf ihn und sprach mit ihm über Moral, Autos und das Ende des Konsumwahns

DER STANDARD: Sie sind gerade Vater einer Tochter geworden. Wie heißt sie?

Philippe Starck: Ihr Name ist Justice.

DER STANDARD: Aus einem bestimmten Grund?

Starck: Natürlich. Es gibt auf dieser Welt zu wenig Gerechtigkeit. Jetzt gibt es eine Gerechtigkeit mehr.

DER STANDARD: Glauben Sie, Ihre Tochter wird Sie inspirieren?

Starck: Das Problem ist, dass mich gar nichts beeinflusst. Ich bin autistisch und lebe in einer großen Blase. Das ist furchtbar.

DER STANDARD: Aber Sie geben ihr eine Chance?

Starck: Aber sicher.

DER STANDARD: Wechseln Sie die Windeln von Justice?

Starck: Bis jetzt bin ich noch nicht dazugekommen. Aber klar, das hab ich auch bei meinen anderen Kindern gemacht. Ich habe kein Problem damit.

 

DER STANDARD: Womit haben Sie Probleme?

Starck: Auf Dummheit zu stoßen, das ist das einzige Problem, das ich habe.

DER STANDARD: Sie beteuern immer wieder, Sie seien gar kein Designer. Was ist Ihr Beruf?

Starck: Ich bin Entdecker und professioneller Träumer.

DER STANDARD: Warum hält Sie dann die ganze Welt für den bekanntesten Designer überhaupt?

Starck: Vielleicht bin ich genau deshalb der Bekannteste, weil ich ein Träumer bin. Ich denke nicht wie ein Designer. Design ist nicht mein Ding. Mich interessiert anderes mehr: Poesie, Romantik etc. Das sind die Dinge, die ich in Alltagsobjekte bringen will.

DER STANDARD: Gibt es ein Objekt, über das Sie sich heute schon ärgern mussten?

Starck: Ich mag keine Autos. Ich kann Autos nicht hassen, aber wenn Sie sich die Zerstörung anschauen, die Autos anrichten, kann man sie vielleicht doch hassen. Ich rede von der Zerstörung von Leben, von Wirtschaft, von Landschaft usw. Wenn man die Vor- und Nachteile des Automobils abwiegt, gibt es eindeutig mehr Nachteile. Deshalb benützen wir auch keine Autos.

DER STANDARD: Wie, Sie benutzen keine Autos?

Starck: Wir gehen zu Fuß, fahren mit dem Fahrrad, mit dem Motorrad und reisen mit dem Flugzeug.

DER STANDARD: Und wie kommen Sie vom Flughafen in die Stadt?

Starck: Okay, da haben wir keine Wahl. Aber in manchen Orten, in denen wir ankommen, bringt man uns die Motorräder zum Flughafen. Aber zurück zu Ihrer Frage: Es gibt so viele Objekte, die man hassen kann. Denken Sie nur daran, dass 85 Prozent der Dinge uns keineswegs zu einem besseren Leben verhelfen. Sie wurden nur designt und produziert, um den Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen.

DER STANDARD: Es gibt Leute, die fluchen über Ihre Zitronenpresse?

Starck: Wenn Sie meine Zitronenpresse kaufen, dann kaufen Sie ein kleines Stück Poesie. Sie kaufen ein Mysterium, eine Tür zu einem möglichen Traum. Außerdem ist meine Presse sehr einfach zu reinigen. Wenn Sie nur eine Zitrone pressen wollen, ist es besser, sich eine elektrische Presse zu besorgen.

DER STANDARD: Sie sagen, vieles, das wir konsumieren, ist überflüssig.Was schlagen Sie vor?

Starck: Diese Form des Konsums hat keine Zukunft. Wir sehen doch immer mehr, dass keine Lösung für unser Energie- und Umweltproblem in Sicht ist. Die einzige Möglichkeit ist, weniger zu konsumieren. In den letzten 20 Jahren haben wir uns alle denkbaren Szenarien ausgemalt, wie wir es besser machen könnten. Aber heute wissen wir: Die einzige Chance, die wir haben, ist den Konsum runterzufahren.

DER STANDARD: Aber Sie stellen hier gerade neue Möbel vor.

Starck: Ja, in denen sehr wenig Material steckt, die sehr leicht sind und die über eine lange Lebensdauer verfügen.

DER STANDARD: Und meinen alten Gartenstuhl soll ich wegschmeißen?

Starck: Nein, wenn er gut ist, gibt es keinen Grund, einen neuen zu kaufen. Wenn er kaputt ist, reparieren Sie ihn. Wenn Sie etwas Neues kaufen, tun Sie das bei einem Unternehmen mit Gewissen, eines, das verantwortungsvoll mit möglichst wenig Material umgeht und ein Produkt mit langer Lebensdauer herstellt.

DER STANDARD: Haben Sie sich heute schon an einem Objekt erfreut?

Starck: Ich mag meinen Pauspapier-Zeichenblock, weil er eine Art fantastischer Lowtech-Computer ist. Und ich liebe meinen iPod. Ich kann ohne Musik nichts erschaffen. Früher musste ich mit Unmengen von CDs reisen. Ich brauchte einen eigenen, großen Koffer. Also vielen Dank, Steve Jobs. Ich liebe auch mein Motorrad. Es gibt mir die absolute Freiheit, mich ganz leicht zu fühlen. Es lässt mich fast nichts sein. Das ist es.

DER STANDARD: Welche Musik hören Sie gerade?

Starck: Zurzeit die Musik von Nick Cave zum Film The Assassination of Jesse James.

DER STANDARD: Was wird Philippe Starck außer Windelnwechseln als Nächstes in Angriff nehmen?

Starck: Ich möchte das erste Labor für Kreativität gründen. Mit Wissenschaftern und jeder Menge interessanter Leute. Es geht darum herauszufinden, warum wir Ideen haben. Schließlich ist das der einzige Unterschied zwischen uns und einer Kuh.

DER STANDARD: Warum wird heute so viel von Kreativität gesprochen?

Starck: Ja, jeder spricht davon. Dabei gab es noch nie so wenig Kreativität wie heute. Es geht heute nur um Anwendungen. Und unter dem Strich zählt der Gewinn. Die Frage, die ich mir stelle, lautet: Wie kann man Kreativität fördern und lehren? Wie ist das so mit den Ideen? Wo kommen sie her? Außerdem geht es mir wahnsinnig auf die Nerven, wenn die Leute mich als "genial" bezeichnen und herumjammern, dass sie selbst nie die Gelegenheit hatten, kreativ zu sein.

DER STANDARD: Wenn Ihre Tochter Justice 50 Jahre alt sein wird, wie wird die Welt ausschauen?

Starck: Die nächsten 50 Jahre werden eine völlige Änderungen bezüglich Fragen der Moral bringen. Ich kann nicht genau erklären, wie, aber ein sehr interessanter französischer Philosoph hat gesagt: "Die wichtigsten Revolutionen sind immer unsichtbar." Die Vorstellung davon, was gut und was schlecht ist, wird in 50 Jahren eine ganz andere sein als heute. Das glaube ich.

DER STANDARD: Sie sagten einmal, dass wir eines Tages vielleicht ein Aroma, eine Farbe oder eine mathematische Formel sein werden. Kennen Sie diese? F=G m1 m2 / r2

Starck: Nein. Ich denke nicht.

DER STANDARD: Mögen Sie sie?

Starck: Ja.

DER STANDARD: Es ist Newtons Gravitationsgesetz.

Starck: Ah (studiert die Formel genau).

DER STANDARD: Haben Sie eine Lieblingsformel?

Starck: Ich habe eine Formel für alles, aber es ist keine mathematische Formel. Sie erklärt alles: Alles rund um uns ist das Ergebnis von unzähligen Kombinationen. Es sind alles reine Zufälligkeiten und doch Notwendigkeiten. Es gibt keine bessere Erklärung für das Dasein. Deshalb ist mein liebstes mathematisches Symbol auch jenes der Unendlichkeit. Es ist das einzige Symbol, das wir mit unserem Gehirn nicht fassen können. Die Null ist allerdings auch so ein Zeichen.

DER STANDARD: Sie sagen von sich selbst, dass Sie nie in der Wirklichkeit angekommen sind.

Starck: Bin ich auch nicht. Das ist nicht mein Job.

DER STANDARD: Woher wollen Sie das wissen? Was ist Realität?

Starck: Ich weiß es nicht. Für mich ist es normal, dass nichts existiert. Das heißt, es gibt Parallelwelten, verschiedenste Atom-Konstrukte und solche Dinge. Deshalb weiß ich auch nicht, was Realität bedeutet. Ich mache hier keinen Schmäh. Ich hatte nie die das Gefühl, wirklich am Leben zu sein. Ich kenne diese Erfahrung nicht. Ich weiß, dass ich nicht tot bin, aber ich weiß nicht, ob ich am Leben bin - so wie ich die Existenz von allem bezweifle. Das ist meine natürliche, alltägliche Art zu denken.

DER STANDARD: Haben Sie Angst vor dem Tod?

Starck: Nein. Wenn nichts existiert, kann man auch keine Angst vor etwas haben. Ich kenne keine Grenzen, keinen Gott, keinen Glauben.

DER STANDARD: Aber Sie haben Kinder und eine Frau.

Starck: Das ist der Punkt. Jüngere Menschen beschäftigen sich mit dem Gedanken, dass Ältere vor ihnen sterben werden. Ich sage in diesem Fall, "seid nicht traurig", weil es mir egal ist. Man gibt sich sein eigenes Leben selbst. Alles, was rund um mich entstand, war Spaß und Freude. Darum gibt es auch nichts zu bereuen. Ich war kein schlechter Mensch, versuchte, ehrlich zu sein, habe versucht, etwas zu erschaffen, habe dem einen oder anderen geholfen. Ich bin kein Genie, aber ich habe ernsthaft gearbeitet.

DER STANDARD: Aber es kann ja noch einiges an Spaß kommen.

Jasmine (Ehefrau von Philippe Starck) und Philippe Starck: Aber ja, sehr viel.

DER STANDARD: Sie haben kleine Kreise auf Ihren Unterarm tätowiert. Ihre Frau Jasmine auch. Was bedeuten sie?

Starck: Die erinnern mich daran, wie lange ich meine Frau schon kenne. Jeden Dezember kommt einer dazu.

(Michael Hausenblas/Der Standard/rondo/24/06/2011)

Philippe Starck wurde 1949 in Paris geboren. Er gestaltet seit mehr als 30 Jahren eine schier unüberschaubare Designwelt, darunter Nudeln, Aschen- becher, Zahnbürsten, Uhren, Bäder, Yachten, Kleidung, Motorräder oder das Space-Ship für "Virgin Galactic". Starck erhielt so ziemlich jeden Designpreis und prägte auf der ganzen Welt einen eigenen Hotel- und Restauranttypus. 2003 zeigte das Centre Pompidou eine Retrospektive seines Werks.

Links

www.starck.com

www.dedon.de

  • Artikelbild
    foto: hersteller
  • Lebt in einer Blase und träumt in seinem Möbel "Play Tan", das der Hans-Dampf-in-allen- Designgassen Philippe Starck neben anderen Objekten für Dedon entwarf.
    foto: hersteller

    Lebt in einer Blase und träumt in seinem Möbel "Play Tan", das der Hans-Dampf-in-allen- Designgassen Philippe Starck neben anderen Objekten für Dedon entwarf.

Share if you care.