Lausig

  • Das massenhafte Auftreten der gemeinen Blattlaus wird durch Jungernzeugung bewerkstelligt.
    foto: apa

    Das massenhafte Auftreten der gemeinen Blattlaus wird durch Jungernzeugung bewerkstelligt.

Wilde Klonhorden durchziehen plündernd und mordend den Garten. Dabei handelt es sich nicht um Science-Fiction, sondern um die Blattlaus

Das Fräulein Tochter hat krauses Haar. So kraus, dass es unbenetzbar ist, dass es das Tragen eines Fahrradhelms verunmöglicht - was kein Problem ist, fällt sie doch trotzdem weich und gut gepolstert - und das so eng gelockt ist, dass es mit ungefähr zwei wahrnehmbaren Zentimetern pro Jahr wächst. Bändigen kann man dieses Haar nur mit Gewalt und Kabelbindern. Doch das wird bald Geschichte sein, ist ihr Kindergarten doch bislang nicht von den Läusen heimgesucht worden. Und es ist noch jeder heimgesucht worden. Das wird bitter.

Die Laussaison hat längst begonnen, und so bleiben auch andere zarte Pflänzchen nicht verschont. Die gemeine Blattlaus, ein Vertreter der Pflanzenläuse, welche selbst zu den Schnabelkerfen unter den Neuflüglern innerhalb der zu den Insekten gehörenden Fluginsekten zählt, ist wieder da - und sie kommt selten allein. Dass sie massenhaft auftreten, bewerkstelligen sie durch Jungfernzeugung, also ohne den ganzen Schweinskram rund ums Sexuelle. Der Eizelle wird eine Befruchtung hormonell vorgemacht, wodurch diese sich zu teilen und zu differenzieren beginnt, worauf sich eine neue, idente Blattlaus entwickelt.

Lausiges Saugen

Klonhorden überziehen schwarz-grün die gehegten und gepflegten Triebspitzen von Rose und Pfeifenstrauch, und, wenn man genau hinhört, vernimmt man deutlich ihren Gesang: "Wir sind die wilden Horden, wir plündern und wir morden ...". Es ist tatsächlich dramatisch. Denn der Schaden, den die Läuse anrichten, ist nicht auf den ersten Blick ihnen selbst zuzuordnen. Auf den ersten Blick erkennt der gefrustete Gärtner, dass der Trieb durch das lausige Saugen welkt. Soll sein, neue Triebe warten schon.

Aber leider öffnen die Läuse bösartigen Viren die Schleusen zum Pflanzeninneren und füttern darüber hinaus mit ihrem zuckerlsüßen, weil zuckerreichen Exkrementen, die euphemistisch Honigtau genannt werden, Pilze, die in der Folge der Pflanze massiv zusetzen; ich sage nur "Rußtaupilze". Sind die Klonhorden unbeflügelte, saugende Weibchen, so sorgen Umwelteinflüsse plötzlich für das Ausbilden beflügelter Männchen, die gleich sexuell zur Sache kommen. 

Bi-Bo-Buf

Zwei Einflüsse sind bekannt und gut beschrieben. Da wäre einerseits die Überpopulation, die beflügelte Männchen heranbilden lässt, und andererseits das Erscheinen eines Predatoren, den der hippe Bi-Bo-Buf (Bio-Bobo-Urban-Farmer) sackerlweise im Internet bestellt und im Beet ausgestreut hat. Es handelt sich dabei in der Regel um Larven von Marienkäfern, Schweb- und Florfliegen. Diese bringen mächtig Bewegung in die Läusekolonie, flugfähige Männchen entstehen, Weibchen lassen sich vor Schreck zu Boden fallen, und in Summe tragen die Läuseverzehrer intensiv dazu bei, dass sich die Läuse auf die benachbarten Pflanzen verteilen, um dort in Ruhe ihrem Tagwerk nachzugehen.

Ein wenig wirksamer im Kampf gegen die Läuse ist das regelmäßige Wegspritzen mit dem Gartenschlauch, der Einsatz von Bodenzapferln, die den Läusen, einmal aufgelöst und von den Wurzel absorbiert, den Saft vergällen, weiters das Besprühen mit a) Schmierseifenlösung oder b) mit Gift. Vom Einsatz der natürlichen Feinde der Blattläuse möchte ich nicht abraten, ist es doch spannend und befriedigend zu beobachten, wie sich diese über die Läuse hermachen - doch die Wirkung ist vernachlässigbar. Da müsste man schon viel zeitiger im Frühjahr damit beginnen, nur dass da den Predatoren noch zu kalt ist für ausgiebige Jagdpartien.

Die wirksamste Methode habe ich bei Muttern im Garten beobachtet: Sie fährt mit ihren bloßen Händen einfach von unten nach oben über den befallenen Trieb und zerschmiert die gesamte Population mit einem Wisch. Von des Enkerls Läusen werden wir ihr nichts erzählen. (Der Standard/rondo/17/06/2011)

Share if you care