Verträumt und abgeschottet

19. Juni 2011, 16:58
posten

Im Herbst übernimmt die Wiener Designerin Ute Ploier die Professur für Modedesign in Hetzendorf

Standard: Was sind Ihre Ansprüche als Modeprofessorin an der Kunstuniversität Linz in der Expositur Hetzendorf?

Ute Ploier: Viele Professoren formen ihre Studenten zu Klonen von sich selbst. Das möchte ich vermeiden. Es geht darum, die jeweiligen Stärken zu erkennen und zu fördern. Mein Ansatz ist aber nicht nur ein rein kreativer. Die Ausbildungsstätte darf keine geschlossene Werkstätte sein. Ich will einen Blick auf die Realitäten werfen, denen die Mode unterworfen ist.

Welche sind das?

Ploier: Der Traum der meisten Modestudenten ist, sich mit einem eigenen Label selbstständig zu machen. Das ist schwierig. Man sollte über die Schwierigkeiten, die auf einen zukommen, genau Bescheid wissen. Manch einer wird seine Talente in einer Firma besser umsetzen können. Es geht darum, im Studium so viel Praxis als möglich anzubieten.

Ist die Wiener Modeausbildung zu sehr auf das rein Kreative beschränkt?

Ploier: Ja! Ich habe in den vergangenen zwei Jahren eine Art Gastprofessur in Basel innegehabt. Hier müssen alle Studenten ein halbes Jahr Praktikum bei einem Unternehmen absolvieren. Das wäre bei uns auch wichtig!

Sie haben an der Modeklasse der Wiener Angewandten studiert. Wie beurteilen Sie retrospektiv Ihr Studium?

Ploier: Die kreative Ausbildung war sehr gut. Wichtig war, dass ich von verschiedenen Professoren unterrichtet wurde, ich wurde dadurch mit verschiedenen Blickwinkeln konfrontiert. Auch in Hetzendorf würde ich gerne externe Experten engagieren, aber das ist eine Frage des Budgets. Komplett gefehlt hat an der Angewandten der gesamte praxisorientierte Teil. Wir sind zum Beispiel kein einziges Mal auf eine Stoffmesse gefahren! Die Ausbildung war verträumt und abgeschottet.

Die Modebranche hat sich im vergangenen Jahrzehnt komplett verändert. Die Wirtschaft dominiert über das Kreative. Müssen die Lehrpläne adaptiert werden?

Ploier: Natürlich. Es ist wertvoll, dass man als Student geschützt experimentieren kann, aber nicht nur. Den Studenten müssen Perspektiven aufgezeigt werden. Viele Studenten haben nicht die geringste Ahnung, welchen Weg sie nach dem Studium einschlagen sollen.

In den vergangenen Jahren hat kein österreichisches Label den wirtschaftlichen oder kreativen Durchbruch geschafft. Was läuft schief?

Ploier: Ich kann nur Vermutungen anstellen. Für meine eigene Generation gab es so etwas wie ein Zeitfenster. Junge Kreative waren international gefragt. Mittlerweile scheint der Markt gesättigt zu sein. Die Zahl der Modegeschäfte stagniert, und die es gibt, können nicht endlos neue Labels ins Sortiment nehmen.

Wie sieht es mit der Qualität der Designer aus?

Ploier: Es scheitert nicht an der Kreativität der Leute, sondern daran, dass sie ihre Talente wirtschaftlich nicht umsetzen können. Ein Modedesigner muss auch Buchhalter sein, Presseagent, Produktionsfachmann und am Anfang auch noch die eigene Sekretärin.

In Österreich gibt es eine große Anzahl an Mode-Förderungen. Ist die Förderstruktur adäquat?

Ploier: Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand am Anfang nicht dringend Förderungen braucht. Eine Infrastruktur muss aufgebaut werden, und das kostet. Irgendwann muss sich ein Label aber wirtschaftlich selbst tragen. Ich bin mir nicht sicher, ob wir noch mehr Förderungen brauchen. Es besteht die Gefahr, dass wir die Modedesigner unter eine künstliche Glocke stellen und die Gegebenheiten des Marktes außen vor lassen.

Wie geht es Ihrem eigenen Label?

Ploier: Ich habe wegen der Geburt meiner Tochter ein Jahr kleinere Kollektionen präsentiert. Ich bin selbst gespannt, wie es jetzt weiter geht. Ein Großteil meiner Kunden sitzt in Japan. Das macht die Situation schwierig.

(Stephan Hilpold/Der Standard/rondo/17/06/2011)

  • Ute Ploier betreibt seit 2003 ihr gleichnamiges Männermodelabel. Sie verantwortet auch die Männerlinie bei Gössl. Ihre Mode ist in weltweit circa 20 Geschäften zu haben, aber in keinem österreichischen.
    foto: martin stöbich

    Ute Ploier betreibt seit 2003 ihr gleichnamiges Männermodelabel. Sie verantwortet auch die Männerlinie bei Gössl. Ihre Mode ist in weltweit circa 20 Geschäften zu haben, aber in keinem österreichischen.

  • Artikelbild
    foto: maria ziegelböck
  • Artikelbild
    foto: maria ziegelböck
Share if you care.