Gärtner sind wie Pflanzen, sesshaft und beleidigt, wenn versetzt. Warum er nicht wegfahren kann, erklärt Gregor Fauma.
Wer einen Garten sein Eigen nennt, hat stets etwas zu tun. Man braucht sich nur kurz umzusehen, und die Tasklist für den Tag ist schon geschrieben. Alles dreht sich ums Düngen, Bewässern, Zurückschneiden, Ausrupfen, Mähen, Ernten, Wühlmausjagen, Pflege der Gerätschaft, Zurechtbinden der Kletterer und besorgtes Betrachten entstehender Krankheiten. Herrlich, man kann unmöglich zur Ruhe kommen. Und vor allem - es muss gemacht werden.
Leider haben die Gewerkschaften für Arbeitnehmer einst den Urlaub erstritten, und gefinkelte Marketer haben diese unnötige Zeit zu einem Bedürfnis stilisiert, das man gefälligst in der Fremde befriedige. Mit anderen Worten, man muss den Garten für eine Woche oder länger sich selbst überlassen. Und es ist jedes Jahr dasselbe. Wegfahren wird zur Plage, die Angst, der Garten könnte leiden, übermannt den Schlaf und skizziert Pflanzenleid, wie es nur Hieronymus Bosch hätte zeichnen können.
Sesshaft und beleidigt
Man sieht dann des Morgens übrigens genau so aus. Wer gießt die Pflanzen? Wer richtet sie nach heftigen Winden wieder auf? Wer macht der Clematis den Guide? Wer sammelt den Schneck? Wer rupft das Kraut? Man kann einfach nicht wegfahren. Gärtner sind wie Pflanzen, sesshaft und beleidigt, wenn versetzt. Da der größere Teil der Familie aber auf Meeresrauschen oder Almrausch und auf jeden Fall abendlichen Rausch besteht, beginnt für den Gärtner die Urlaubsplanung schon Wochen vor der Abreise.
Ein Bewässerungssystem muss angeschafft werden - und es braucht auch ein Backup, falls dieses ausfällt. Mit anderen Worten: Eine gute Mischung aus Technik und menschlicher Fürsorge, die hilft, die elendeste Zeit im Jahr zu überbrücken.
Der technische Aspekt nötigt dem Gärtner unzählige Baumarktbesuche ab. Man kann darauf schwören, dass beim Tröpfchenbewässerungssystem immer irgendwelche Adapter fehlen, die Schläuche niemals zusammenpassen und die entscheidenden Wasserspeier in nicht ausreichender Zahl eingekauft wurden. Zusätzlich muss natürlich ein Computer für Regelmäßigkeit sorgen und die Wasserzufuhr auf Intervall und Dauer reglementieren. Ist das System nach unzähligen Adaptierungen komplett, so tritt Phase P in Kraft, die Phase der Probeläufe. Reicht der Druck, reicht die Menge, reicht die Dauer, ist das Intervall zu kurz ...? Es werden Feinstabstimmungen notwendig, die letztendlich das Überleben des Gartens garantieren sollen.
50 Meter Schlauch verlegt
Sind an die 50 Meter Schlauch verlegt, sind sämtliche Bypässe verschraubt, bekommt auch noch das hinterste Gänseblümchen seine abgezählten 532 Tropfen Wasser, sagen wir zwischen nullsechsfünfundvierzig und siebendreißig p. m. wie a. m., so geht es ans Organisieren des Backups. Wer wohnt ausreichend nahe, wem kann man das überhaupt zutrauen, wem kann man das eigentlich zumuten ...? Und lässt sich die Person dann auch ein Wannenbad bei uns ein?
Es ist nicht leicht, die Entscheidungsfindung erfordert eine SWOT-Analyse, drei Bögen Flipchartpapier und hohe Kosten für externe Beratung. Die M. macht es dann eh gerne und hat eigentlich schon drauf gewartet, gefragt zu werden. Aber wenn M. krank wird? Wem soll ich noch aller den Schlüssel aufzwingen? Ich kann einfach nicht wegfahren. Dabei täte es dem Garten so gut. (Gregor Fauma/Der Standard/rondo/10/06/2011)