Feinde am Freund

6. Juni 2011, 18:36
6 Postings

Alle Jahre wieder um die gleiche Zeit steigt eine Wespe nieder - und zwar auf die frischgrünen Blätter der Rosen von Gregor Fauma

In meinem Soziotop, zwischen den Mitmenschen und mir, gibt es so gut wie keine Feindschaften. Wen man nicht sehen will, den muss man auch nicht sehen, so man ausreichend über dessen Freizeitverhalten und Ausgehmuster Bescheid weiß. Und mit Unsympathlern verfährt man am besten auf die ignorante Tour und lässt ein Überschreiten einer gewissen Wahrnehmungsschwelle erst gar nicht zu. Man kann seine selektive Wahrnehmung trainieren.

Im anderen Leben, also zwischen den Gartenbewohnern und mir, gibt es auch so gut wie keine Feindschaften - was unglaublich entspannt nach gelassenem Garteln klingt, aber komplett gelogen ist. Hier werden Feindschaften so was von gepflegt, dass es nur so eine Freude ist.

Aber woher rühren Feindschaften im Garten? Da gibt es die Gruppe von Pflanzen, die man aus unterschiedlichsten Gründen einfach nicht mag. Sei es Thuja, Buchsbaum oder Fuchsia, sie finden keinen Einlass in mein grünes Herz.

Pilze, Haxltiere oder deren Larven

Einlass hingegen muss ich jenen Feinden gewähren, die meinen Freunden Übles wollen, den Schädlingen. Die Liste ist lang, und sie kommen wie das Amen im Gebet, stets im selben Zeitraum, im selben Massenauftreten, um dann aber genau so wieder zu verschwinden. Die meisten Schädlinge in meinem Garten sind nicht pflanzlicher Natur, sondern in der Regel Pilze, Haxltiere oder deren Larven.

Streckt zum Beispiel die Rose ihre hellgrünen, frühlingshaften Blätter sehnsüchtig der Sonne entgegen, kommt auch schon so ein Tier geflogen und setzt seine Brut in das Blatt, auf dass sich dieses zusammenrollt und wie eine grüne Tschick an der Sprossachse lasch darniederhängt. Dieses Wesen, eine Wespe namens Blennocampa pusilla, ist einige Millimeter klein, legt aber großen Wert auf Fortpflanzung und das sichere Durchbringen der Brut.

Zu diesem Behufe legt sie an die Blattunterseiten meiner Schneewittchen-Rose, einer weiß blühenden Floribundarose, die immerhin 1983 den Titel der Weltrose überreicht bekommen und in ihrer Dankesrede sehr gerührt an ihre Eltern "Robin Hood" und "Virgo" erinnert hat, randnahe ein paar Eier ab.

Friedensabkommen

Diese würden mich nicht weiters stören, ließe die mütterlich besorgte Wespe vom Anpiken der Blattmittelader ab, auf das sich das Blatt um die Eier schützend zusammenrollt und eben Tschick-gleich der Rose Schönheit Abbruch tut.

Sie möge das lassen. Ich wäre auch für ein Friedensabkommen zu haben und würde die zusammengerollten Blätter auf der Rose belassen, verspräche mir der zwergenhafte Hautflügler, dass er im kommenden Jahr auch mal bei den Nachbargärten vorbeischaut und nicht nur bei mir seine Nester baut. Da aber den Rosenblattmittelrippenpiker das Prinzip "do ut des" (lat.: Ich gebe, damit du gebest; Anm.) nicht geläufig ist, muss ich dann diese Blätter entfernen und vernichten.

Null Bock auf Barock

Sie auf dem Kompost zu entsorgen wäre zwecklos, da die Larven dann doch schlüpften, im Winter gut einkokoniert ein wenig innehielten, um im Frühjahr selbst ein paar Blätter zum Rollen zu bringen. Das muss ja nicht sein.

Die Wespe Blennocampa pusilla ist wählerisch. Nicht jede Rose geht ihr unter die Nase, und es mag an der Etymologie der Schloss-Rose "Fredensborg" liegen, dass diese bis tief in den November lachsrosa blühende, dänische Rose von ihr unbehelligt bleibt. Null Bock auf Barock scheint auch unter Insekten Motto zu sein, ist das dänische Schloss Fredensborg doch der prächtigste Vertreter des nordischen Barock. Und da vergeht's einem echt, das Blätterrollen ... (Gregor Fauma/Der Standard/rondo/03/06/2011)

  • Sieht aus dieser Perspektive eh recht scharf aus (im Sinne von Pfefferoni) - ist aber ein von einer Wespenart gekapertes Rosenblatt.
    foto: fauma

    Sieht aus dieser Perspektive eh recht scharf aus (im Sinne von Pfefferoni) - ist aber ein von einer Wespenart gekapertes Rosenblatt.

Share if you care.