"Wir haben zu viele Ideen"

3. Juni 2011, 13:38
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Das Grazer Design-Duo White Elephant sieht sich neben seiner Arbeit als Industriedesigner als Forschungslabor

Die zwei von White Elephant schlagen sich nicht gern mit Businessplänen herum. Lieber stochern sie in Schutzanzüge verpackt in heißen Lavaströmen auf Hawaii. Ziel ihres Lava Project war es, Möbelformen aus der glühend heißen Masse zu kreieren. Stundenlang marschierten Tobias Kestel und Florian Puschmann mit der Angst im Nacken entlang der Feuerbäche. "Aber irgendwie wollten wir dann doch nicht eingreifen in diese Natur, in diesen unglaublich friedlichen Prozess, der einem Respekt einflößt. Hier entsteht Erdkruste, das ist wie eine Art Geburt", sagt Tobias Kestel (35). Schließlich intervenierten die beiden lediglich ein bisschen, indem sie der Lava mit Metallteilen ihren Stempel aufdrückten. "Da musst innerhalb von drei Sekunden weghupfen, sonst gehst kaputt", erzählt Florian Puschmann (30).

Was das mit Design zu tun hat? Es waren grundsätzliche Fragen, die sich die Gestalter nach ihrem Abenteuer stellten. Woher kommen Materialien, mit denen die Industrie arbeitet, bevor sie raffiniert, gegossen oder was auch immer werden? Die Überlegungen waren aber auch weniger grundsätzlich. Es stellte sich die Frage, ob man es bei einer Mitnahme von Gestein nicht mit der Vulkangöttin Pele zu tun bekommen würde. Angeblich verflucht diese alle Heißläufer, die Vulkangestein von der Insel schaffen. "Nicht wenige, die Lava gefladert haben, schleppten diese, vom Gewissen gebissen, wieder an den Fundort zurück", weiß Puschmann.

Stehlampe aus einem Bäumchen

Weniger schwitzen mussten die Designer für ihren "Wurzelsepp". Der ist, einfach gesagt, eine Stehlampe aus einem, samt Wurzelwerk penibelst freigelegten Bäumchen. Die Designleistung? Die sehen die beiden, die sich auch als Erforscher von Naturphänomenen und Materialqualitäten sehen, im Erkennen und Freilegen von Potenzialen sowie in der Interpretation. Der Wurzelballen hat durch räumliche Eingrenzung seine Form angepasst und erinnert in seinen Konturen durchaus an einen klassischen Lampenschirm - archäologisches Design. Oder gar Kunst? "Wir sehen uns nicht als Künstler. Die Zugänge sind, abgesehen von industriellen Vorgaben, allerdings auch gar nicht mehr so verschieden und verschwimmen zusehends ineinander. Die Tools werden ähnlicher und der Verwandtschaftsgrad immer enger. Das liegt auch an der Globalisierung. Alle befruchten alle mit Ideen".

Und wovon lebt der Weiße Elefant? Der Name steht übrigens für ein sehr seltenes Tier, das lange lebt, sich viel merkt und als weise gilt. "Das klappt jetzt eigentlich schon einige Jahre ganz gut", erzählt Kestel. "Wir realisieren nach wie vor auch reines Industriedesign. Das ist uns auch sehr wichtig. Wir sehen uns als Industriedesigner mit experimenteller Freiheit und arbeiten zum Beispiel auch an einer Stromtankstelle für Elektroautos oder einer Backstraße für eine Großbäckerei.

Dass wir abgesehen von solchen Aufträgen halt auch anders unterwegs sind und auch auf poetisches Potenzial aus sind, taugt auch den Kunden", berichtet Kestel. "Wir haben einfach zu viele Ideen", setzt Puschmann nach und meint, dass etwa 30 Prozent ihrer Zeit für primär nicht kommerzielle Ideen abgezweigt würden. Kunden von White Elephant sind unter anderem der ORF, Gebro Pharma (Elmex, Meridol) oder die Neue Wiener Werkstätte. Ausgezeichnet wurde das Duo mit dem Braun Prize, dem Preis Crystallized - Swarovski Elements Call for Tender und einigen Trophäen mehr. Zu sehen waren ihre Objekte in San Francisco, Brüssel, im New Yorker Museum of Modern Art, in Lissabon oder Mailand.

Perspektiven entdecken

White Elephant suchen keine Nischen im Design, wie man es ihnen zu Beginn ihrer Karriere so oft empfohlen hat, denn "was hat denn das noch mit Authentizität zu tun?", fragt Tobias Kestel. Das Duo will Perspektiven entdecken, will auf die Seele eines Objektes zoomen. Die Frage, die sich White Elephant stellen, ist die nach der Rechtfertigung einer Form. "Eine geile Skizze reicht nicht aus." Sondern? "Nehmen wir die Autoindustrie her.

Egal wie ein Auto aussieht, es geht doch nur mehr darum, ein Marketingkonzept zu erfüllen", empört sich Kestel. Und wie würde ein Auto der beiden FH-Joanneum-Absolventen aussehen? "Nun, grob gesagt, denken wir an ein platzsparendes, kompaktes Ding mit einer weichen, elastischen Haut, vielleicht aus Gummi", antwortet Kestel, dem dazu das BMW-Projekt Gina Light Vision einfällt, eine Fahrzeugdesignstudie, bei der die Außenhaut aus einem flexiblen Gewebe besteht.

Vom Schema-F-Entwurf fernhalten

Seien Design-Zugang vermittelt das Duo auch im Rahmen der Lehrveranstaltungen auf der FH Campus 02, wo die beiden Design am Studiengang Innovationsmanagement unterrichten. "Wir wollen die Leute ermutigen, sich vom Schema-F-Entwurf fernzuhalten." Von diesem weit entfernt war auch ihr Projekt Balloon Light, mit Helium gefüllte, 80 cm dicke, leuchtende Latex-Ballons, die sich in einer Vielzahl in der Grazer List-Halle tummelten. Wie eine kugelige Wolkenlandschaft bewegten sie sich dort in der sanften Luftströmung, nur vom Lampenfuß daran gehindert, auf die Schwerkraft zu pfeifen und davonzufliegen.

In Graz führen White Elephant in gewisser Weise auch bald fort, was sie sich auf Hawaii letztendlich nicht getraut haben. Große Steinblöcke, die das Mur-Ufer säumen und von pausierenden Flaneuren gern als Rastbankl verwendet werden, sollen mit Hammer und Meißel bearbeitet werden. Dabei schweben den Designern Mulden im Gestein vor, welche die Steine zum Sitzobjekt machen. Ob das den ortsansässigen Flussgottheiten passt, wird sich weisen. (Michael Hausenblas/Der Standard/rondo/03/06/2011)

  • Ursprünglich wollte man beim "Lava Project" Möbelformen aus der heißen Masse gewinnen.
    foto: hersteller

    Ursprünglich wollte man beim "Lava Project" Möbelformen aus der heißen Masse gewinnen.

  • Dann beließen es Tobias Kestel und Florian Puschmann bei kleineren Interventionen.
    foto: hersteller

    Dann beließen es Tobias Kestel und Florian Puschmann bei kleineren Interventionen.

  • Das Unikat "Wurzelsepp"
    foto: hersteller

    Das Unikat "Wurzelsepp"

  • "Balloon Light"
    foto: hersteller

    "Balloon Light"

  • Garderobe "Swing a ding"
    foto: hersteller

    Garderobe "Swing a ding"

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