Mozart aus Montevideo

2. Juni 2011, 17:10
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Gerade hat er eine Tango-CD herausgebracht, in Salzburg wird er den Figaro und den Leporello geben. Der Sänger beim exklusiven Modeshooting

Ostermontag oder gar nicht. Um Erwin Schrott vor die Fotokamera zu kriegen, müssen Überstunden eingeplant werden. Zwei, um genau zu sein. Mehr Zeit hat der Opernsänger aus Uruguay auch am Feiertag nicht. Ist er einmal in Wien, dann verbringt er die Zeit auf d er Bühne - und mit seiner Familie: dem Opernstar Anna Netrebko und dem gemeinsamen Sohn Tiago.

Erwin Schrott: Diese Karriere, das Leben, welches wir gewählt haben, all das macht die Dinge im Familienbereich nicht einfach. Anna und ich versuchen, weniger zu arbeiten, versuchen, etwas mehr Familienzeit zusammen zu verbringen, auch zusammen zu singen - wenn wir die Gelegenheit dazu haben. Aber wir werden sicher nicht diese Dream-Team-Nummer durchziehen.

Die Russin und der Uruguayer

Netrebko und Schrott, das ist der Stoff, aus dem die Geschichten in den bunten Gazetten gestrickt sind. Die Russin und der Uruguayer, sie hat einen österreichischen Pass, er einen spanischen. Verheiratet sind sie nicht, auch wenn der Boulevard bereits des Öfteren über eine angebliche Hochzeit geschrieben hat. An diesem Ostermontag ist das aber kein Thema. Was er anziehen solle, fragt der Bassbariton mit seiner dunkel vibrierenden Stimme, die einen kurz zusammenzucken lässt. Den leuchtend blauen Kurzarmpulli? Aber gerne. Schrott promotet gerade seine neue CD, Rojotango, und er weiß, dass es von Vorteil sein kann, sich auch einmal in ungewöhnlichem Licht zu zeigen.

Schrott: Es ist meine kleine, persönliche Hommage an jenes Land, aus dem ich komme. Es ist kein ausschließliches Tango-Album, schließlich sind darauf auch Flamenco und Bossa Nova zu finden. Mir gefiel aber der Titel des Songs "Rojotango", und so beschloss ich, ihn zum Albumtitel zu machen. Ich komme vom Rio de la Plata, also handelt es sich um ein Repertoire, das mir vertraut ist. Meine Mutter pflegte mir sogar Tangos als Schlaflieder vorzuspielen.

Schrott ist das, was man sich gemeinhin unter einem Latin Lover vorstellt. Er selbst scheint mit dieser Zuschreibung wenig Probleme zu haben, den Leporello in Don Giovanni bei den Salzburger Festspielen singt er im Tanktop, des Öfteren war er bereits mit nacktem Oberkörper auf der Bühne zu sehen. Wozu braucht es ein Hemd zur Lederjacke, fragt er beim Fotoshooting, und zieht die Bikerjacke dann kurzerhand über die braune, glattrasierte Brust. Geboren ist Schrott 1972 in Montevideo, der Hauptstadt Uruguays, als Sohn einer Arbeiterfamilie mit deutschen Wurzeln. Der Erfolg wurde ihm also nicht gerade in die Wiege gelegt. Um sich den Unterricht für Klavier, Gesang, Schlagzeug, Gitarre und Flöte zu finanzieren, musste er arbeiten gehen. Breite Aufmerksamkeit zog er erstmals auf sich, als er den Operalia Wettbewerb der weltbesten Nachwuchs-Opernsänger in Hamburg gewann.

Gleichberechtigter Opernstar

Schrott: Nach dem Operalia-Wettbewerb habe ich zu 90 Prozent der Angebote Nein gesagt, da sie nicht gut waren für den Beginn meiner Karriere. Man hat mir viele Rollen angeboten - Scarpia, Attila, Philippe II -, und ich dachte: Wenn ich das alles mit 21 singe, was würde ich singen, wenn ich 40 bin?

Schrott ging seine Karriere langsam an, mit 25 sang er an der New Yorker Met vor, mit 27 in Covent Garden. Dort traf er vor vier Jahren auch erstmals auf Anna Netrebko - sie sang die Donna Anna, er die Titelrolle in Don Giovanni. Ein Jahr später kam bereits der gemeinsame Sohn auf die Welt - im selben Jahr, in dem Schrott in Salzburg debütierte: als umjubelter Leporello. In den Medien war Schrott jetzt nicht mehr nur der Lebenspartner, sondern gleichberechtigter Opernstar. Musik spielt im Hause Netrebko-Schrott dennoch nicht die alles überragende Rolle.

Schrott: In der Regel reden wir nicht über Musik. Wie es Frank Zappa gesagt hat: Über Musik reden ist wie über Architektur tanzen. Musiker musizieren lieber, als dass sie über Musik sprechen. Natürlich, manchmal sprechen wir über unsere Pläne, holen uns Rat vom anderen, bezüglich der Frage, was wir singen sollten. Dabei versuchen wir, miteinander so ehrlich wie möglich zu sein, wobei wir unterschied-liche Zugänge zum Ratgeben haben. Ich bin eher diplomatisch, versuche, den richtigen Augenblick zu erwischen, um daszu sagen, was ich meine. Sie ist sehr...russisch!

Starallüren? Nicht wirklich.

Impulsiv und aufbrausend sind keine Eigenschaften, die man mit Erwin Schrott in Verbindung bringen würde. Starallüren? Nicht wirklich. Mit der gleichen Ernsthaftigkeit, mit der er Fragen zu seinem persönlichen Umfeld beantwortet, spricht er über die kleine Tournee, die er mit seiner neuen CD plant, erklärt, dass es zurzeit keine langfristigen Pläne mit den Salzburger Festspielen gebe, und analysiert die Umwälzungen, in der sich das heutige Musikbusiness befindet.

Schrott: Das Musikgeschäft, wie wir es kennen, existiert nicht mehr. Die Dinge verändern sich in dem Maße, wie es die Technik erlaubt. Direkt nach der Premiere des "Figaro" an der Wiener Staatsoper bekam ich von meinen Freunden MP3-Files der Radioübertragung zugesandt. Menschen konsumieren diese Musikfiles weltweit per Internet - und man kann das nicht aufhalten. Vielleicht sollten alle Opernhäuser den Leuten erlauben, hochqualitative MP3-Files ihrer Aufführungen auf der Homepage zu kaufen. Ich bin mir sicher, dass die Leute keine Angst hätten, hochprofessionelle Aufnahmen zu kaufen.

Er selbst, sagt er, kaufe aber immer noch liebend gern Platten. Er sei eben von der alten Schule. Schrott angelt sich sodann die Gladiatorensandalen und zieht sie zu den zerrissenen Jeans an. ( Ljubisa Tosic und Stephan Hilpold/Der Standard/rondo/03/06/2011)

"Rojotango" ist bei Sony erschienen. Mozarts "Figaro" wird ab 27. Juli, "Don Giovanni" ab 18. August bei den Salzburger Festspielen gespielt. www.salzburgfestival.at

>>>Zur Ansichtssache: Bariton im Ruderleiberl

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