Fremde Feder aus feinem Haus

29. Mai 2011, 17:37
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Ludwig Oechslin, Chefkonservator des Internationalen Uhrenmuseums, erfand einen Jahreskalender

Wenige bekamen sie anlässlich der Basler Uhren- und Schmuckmesse zu Gesicht. Aber die Neuigkeit machte schnell die Runde: Zenith, traditionsreiche Manufaktur, im schweizerischen Le Locle situiert, schmückt sich mit einer fremden Feder. Und diese ersann nicht irgendwer, sondern Ludwig Oechslin, Polyhistor der Zeitnehmung, Konstrukteur, als solcher von Fachpublikum und Uhrmachkollegen als Genie verehrt, und Chefkonservator des Musée International de l'Horlogerie in La-Chaux-de-Fonds.

Die betreffende Innovation ist ein Jahreskalender, und die Uhr, die in ihren Genuss kommt, heißt El Primero, das Flaggschiff der Manufaktur. Das Automatikwerk wurde in den 1960er-Jahren entwickelt und ging zu seiner Zeit bei allen Genauigkeitstests mit so großem Abstand durchs Ziel, dass andere Hersteller, obgleich selbst nicht auf der uhrmacherischen Nudelsuppe dahergeschwommen, das Werk zukauften und in ihre eigenen Modelle verpackten.

Quarzkrise

Zu hoch wäre wohl die Investition gewesen, um bestenfalls auf demselben Stand wie Zenith zu sein, und auch in diesem besten Fall wäre man Zweiter geblieben. So pragmatisch waren etwa die Herren von Rolex, der bekanntesten Uhrmarke der Welt, die ab Anfang der 1980er das El-Primero-Herz in ihre Daytona packten.

Zwischendurch war die Produktion der El Primero eingestellt worden. Die sogenannte Quarzkrise, der Einsatz von Quarzwerken in den 1970er-Jahren, hatte die Begeisterung für die mechanische Uhr auf nahezu null gebremst. Von dieser Durststrecke hat man sich mehr als erholt. Die Qualität der Mechanik hat sich zum zentralen Wertschöpfungskriterium gemausert - mehr als das: Wer mit neuen Funktionen und mechanischen Finessen aufwarten kann, erringt die Zuneigung der ebenso verwöhnten wie spendablen Käuferschicht.

Hochkomplexes Miteinander

Nun gibt es an der El Primero nix zu verbessern. Es gibt sie mit vielen Gesichtern, allesamt ausgereift in Design und Technik. Also sattelt Zenith das beste Pferd im Stall mit einer neuen Funktion, mit Ludwig Oechslins Jahreskalender, der eigentlich gar nicht so neu ist. Laien mögen sich fragen, was denn schon so Besonderes an einem Jahreskalender sei. Nun ist eine mechanische Uhr ein Konzentrat aus Mechanik und Design und ein hochkomplexes Miteinander einer Komponentengesellschaft.

Normalerweise braucht man 30 bis 40 winzigster Teile, um den Mechanismus im Inneren für Jahrestag, Monat und Kalenderjahr zu konstruieren und in der Folge auf dem Zifferblatt darstellen zu können. Für die MIH-Watch, Oechslins Diensterfindung für das Musée International de l'Horlogerie, ausgeführt von Embassy in Luzern, gelang es dem Ideator auf Basis eines ETA-Kalibers die Anzahl der Komponenten auf neun zu reduzieren und diese in einem einzigen Fenster auf dem Zifferblatt darzustellen.

Ochs und junior

Die Haupteigenschaft eines Jaheskalenders besteht darin, dass er die unterschiedlichen Längen der Monate ohne Korrektur ausgleichen kann. Nur im Februar muss Hand angelegt werden. Denn ob das laufende Jahr ein Schaltjahr ist, weiß der Jahreskalender nicht. Dafür müsste ein sogenannter Ewiger Kalender her, der auch diese Unregelmäßigkeit auszugleichen in der Lage ist. Ein solcher erfordere noch zwei weitere Programmationsschritte und bedeute das Dreifache an Aufwand, erklärt Oechslin.

Der Verkaufserlös der MIH-Uhr fließt zum adäquaten Teil an das Museum zurück. Und Oechslins Amt als Konservator bedingt weiters, dass seine Erfindungen nicht zum kommerziellen Einsatz anderer Marken kommen. "Ich darf keine Mandate annehmen. Laut meiner Vereinbarung mit dem Museum gehen 60 Prozent meiner Leistung ins Museum, 40 Prozent in eigene Arbeit, wie meine eigene Marke Ochs und junior", für die es ihm übrigens gelang, den Jahreskalender mit nur drei Teilen mechanisch noch schlanker zu konstruieren.

Zeniths El Primero tickt also in Zukunft mit dem Jahreskalender des Internationalen Uhrenmuseums mit indirektem Zutun durch Ludwig Oechslin: "Ich weiß nicht einmal, wie die fertige Uhr aussieht." Wer sie gesehen hat, ist allerdings beeindruckt und setzt sie sie, ohne Zeit zu verlieren, auf die Jahresbestenliste. Bettina Stimeder/Der Standard/rondo/27/05/2011)

  • Ludwig Oechslin, Chefkonservator des Musée International de l'Horlogerie in La-Chaux-de-Fonds.
    foto: hersteller

    Ludwig Oechslin, Chefkonservator des Musée International de l'Horlogerie in La-Chaux-de-Fonds.

  • Die aktuelle El Primero in Rotgold von Zenith, noch ohne Jahreskalender von MIH/ Oechslin.
    foto: hersteller

    Die aktuelle El Primero in Rotgold von Zenith, noch ohne Jahreskalender von MIH/ Oechslin.

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    foto: hersteller
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