Wenn der Schnauzerte auf seinem knapp bemessenen Grundstück sitze, werde er der Initialen am Dach gar nicht ansichtig
Die Initialen, die der Schnauzerte anlässlich des Fünf-Jahr-Jubiläums seiner häuslbauerlichen Tätigkeit auf das Dach des Rohbaus geschindelt hat, seien eigentlich noch ein Glück, sagt die Frau zum wegen seiner Nachbarn wieder einmal zart verbitterten Dichterfürsten. Zwar erweise sich die Anbringung solcher Initialen ungefähr als so sinnvoll wie die bei reiferen Frauen vielleicht noch bekannte Mode aus den 1990er-Jahren, sich ein Arschgeweih tätowieren zu lassen.
Immerhin könne man als stolze Besitzerin so einer Zeichnung fürs Leben sein Kunstwerk an dieser Körperstelle ja auch immer nur mit ausgeklügelter Spiegeltechnik über mindestens zwei oder vielleicht sogar noch mehr Brechungswinkel - und ab einem gewissen Alter von der abnehmenden Gelenkigkeit her gar nicht mehr betrachten. Ebenso verhalte es sich also mit den Schindelinitialen.
Wenn der Schnauzerte nämlich auf seinem knapp bemessenen Grundstück sitze, werde er der Initialen gar nicht ansichtig. Warum also Strapazen und Schmerzen auf sich nehmen, wenn eh immer nur anderen Leuten vor dieser grimmigen Kunst grause?
Aber es hätte schlimmer kommen können! Neulich habe die Frau eine alte Fotografie des Dorfes gezeigt bekommen, welche darauf hinweist, dass die Schindelkunst in dieser Gegend schon länger umgehe. Auf einem Hausdach sei eindeutig ein Hakenkreuz zu sehen gewesen. Danke, liebe Russen, dass sich das nicht durchgesetzt hat! Der Dichterfürst ist jetzt milder gestimmt. Weil, was befindet sich grundsätzlich unter jedem Arschgeweih? Eben. (Christian Schachinger/Der Standard/rondo/27/05/2011)