Luzia Schrampf über Sinn und Unsinn alkoholfreien Weins
Alkoholfreies Bier ist mittlerweile flächendeckend zu haben. Alkoholfreier Wein tut sich hingegen weit schwerer, auch wenn regelmäßig Presseaussendungen eintrudeln, in denen die Hersteller dieser Produkte auf den wirklich echten Geschmack und die immense Nachfrage in diesem Sektor hinweisen. Natürlich gibt es 1000 und mehr gute Gründe, auf Alkoholhältiges zu verzichten. Zur Zielgruppe für alkoholfreie Weine zählen unter anderem Autofahrer, Gesundheitsbewusste, Schwangere oder auch Menschen, denen Wein schlicht zu viele Kalorien hat.
Und es soll sogar Menschen geben, denen der Geschmack von Alkohol oder auch dessen Wirkung zuwider ist, die aber gerne wissen möchten, wie Wein schmeckt - ein Mal wenigstens.
Alkohol transportiert Aromen
Während alkoholfreies Bier inzwischen durchaus so ähnlich wie "echtes" Bier schmecken kann, überzeugt die geschmackliche Seite bei Weinen oder auch Sekten dieser Liga nicht wirklich. Weil das Getränk einfach nicht an Wein erinnert. Das mag daran liegen, dass Alkohol Aromen transportiert und ein eigenes Mundgefühl erzeugt, das eben dazugehört. Kohlensäure ist übrigens ein zusätzliches Aromen-Push-up. Man überlege, wie Champagner ohne das feine Prickeln am Gaumen wirken würde - gar nicht. Dieselben Gedanken passen übrigens auch auf Coca-Cola.
Bei der Entalkoholisierung macht man sich zunutze, dass Flüssigkeiten unter Vakuum bei niedrigeren Temperaturen verdampfen als unter normalen Druck-bedingungen. Per Aromarückgewinnung bringt man dann das wieder ein, was bei der ganzen Verdampferei ebenfalls schwindet: nämlich den Geschmack. Der Gedanke, was dem alkfreien Tropfen da technisch alles widerfährt, nimmt einen als Weinfreund nicht unbedingt für so ein Produkt ein.
Schonende Verarbeitung
Vor allem weil man in den letzten Jahren auch immer wieder gehört hat, dass "schonende Verarbeitung" und "minimalste Eingriffe in die Natur" hochwertige Weine auszeichnen - wie auch immer dies vom jeweiligen Winzer umgesetzt wird.
Das Argument "Schmeckt eh wie ..." ist ebenfalls ein windelweiches. Hier gilt das Schmied-und-Schmiedl-Prinzip. Wenn etwas "eh wie" schmeckt, ist das Original allemal die spannendere Wahl (vorausgesetzt, es ist verfüg- und bezahlbar). Und Traubensaft schmeckt schließlich auch sehr gut. Tatsache. (Luzia Schrampf/Der Standard/rondo/20/05/2011)