Die Wurst als Werk

19. Mai 2011, 17:16
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Beim Schweizer Wurstfestival im Historischen Museum Luzern wird ausgelotet, inwiefern der Darm und seine Füllung zur Kunst taugen - mit durchaus schmackhaften Exponaten

"Leberkäs wird aus den Resteln von Knacker gemacht, und die Knacker aus den Resteln vom Leberkäs. So geht das ewig weiter: Leberkäs, Knacker, Leberkäs, Knacker ..." Derart fasst Simon Brenner alias Josef Hader in Silentium die unheimliche Ahnung vom ewigen Kreislauf der Wurst und ihres Inhalts in Worte. Schon Otto von Bismarck soll gesagt haben: "Je weniger die Leute wissen, wie Würste und Gesetze gemacht werden, desto besser schlafen sie!"

Zweifellos, die Wurst hat ein zwielichtiges Image - und gehört deshalb dringend in ein geschmackvolleres Licht gerückt, wie die Veranstalter des "1. Schweizer Wurstfestivals" meinten. Das Historische Museum Luzern nahm sich des heißen Themas an und präsentiert den Darm samt Inhalt als schützenswertes Kulturgut. Immerhin befinden sich 52 Wurstspezialitäten im Inventar des 400 Produkte umfassenden "Kulinarischen Erbes der Schweiz".

Alles Wurscht oder was?

Das Historische Museum ist auch die Zentrale des Festivals Alles Wurscht oder was?, das noch bis 11. September Wurstfreunde aller Kategorien anlockt. Wer sich nur Blutrünstiges oder Grobschlächtiges erwartet, wird nicht unbedingt bedient. Die delikate Materie wird durch- aus feinsinnig verwurstet - vor allem von Kunstschaffenden aus der Schweiz und Deutschland, die eingeladen wurden, ihre ureigenen Wurst-Werke zu kreieren.

So gibt es anmutige Aktstudien auf lampionhaft geblähten Schweinsdarmblasen zu entdecken, glitzernde Broschen und Ohrringe, die täuschend echt wie Markknochen und Innereien aussehen. Auf einem Spielfeld kann mit knacker-, Pardon, cervelatförmigen (und auch noch sprechenden) Robotern ein Wettrennen inszeniert werden. Auch sonst gibt es allerlei Installationen aus diversen Därmen zu erkunden. Blitzlichtaffine Cervelat-Promis (so nennt der Schweizer, was unsereins als B-Promis kennt) können in gestrickter Form entdeckt und absonderliche Inszenierungen begutachtet werden, bei denen lokale Hartwürste die Protagonisten in liebevoll inszenierten Landschaften geben.

Wissen von der Wurst

Aber auch die rund 7000 Jahre alte Geschichte der Wurst (Basler Wurstkrieg von 1890 inklusive!) wird angeschnitten. Doch nach so viel Wissen von der Wurst will man endlich richtig zubeißen. Auch dafür ist gesorgt: Metzger aus allen Kantonen bringen täglich ihre schlachtfrischen Erzeugnisse mit - und geben auch gern ihren Senf zu handwerklichen Fragen. "Die Leute verschließen nur zu gern die Augen davor, dass für ihren Fleischgenuss nun einmal Tiere geschlachtet werden müssen", sagt etwa Metzgermeister Beppo Stutzer. Dass just der Wurst bei dieser Verschleierung eine kapitale Rolle zukommt, ist durchaus im Sinne des Erfinders. Karin Krichmayr/Der Standard/rondo/20/05/2011)

1. Schweizer Wurstfestival "Alles Wurscht oder was?", bis 11. September 2011 in Luzern.

  • Kein Platz für beleidigte Leberwürste: "Cumulus botellus" heißt Jeroen Geels Installation aus gegerbten Rinderblinddärmen.
    foto: hersteller

    Kein Platz für beleidigte Leberwürste: "Cumulus botellus" heißt Jeroen Geels Installation aus gegerbten Rinderblinddärmen.

  • Samuel Jordi fertigt seine Mini-Plastiken aus echtem Fleisch und Senf an.
    foto: hersteller

    Samuel Jordi fertigt seine Mini-Plastiken aus echtem Fleisch und Senf an.

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