Fliegen mit dem Pferd

22. Mai 2011, 18:20
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Die Pariser Luxusmarke Hermès lud die Elite der Springreiter zum Turnier ins Grand Palais - Bettina Stimeder sah zu

Auf dem frisch frisierten Boden des Abreiteplatzes zieht der deutsche Christian Ahlmann, Weltranglisten-Neunter der internationalen Springreiterei, seine Kreise. Unter dem Sattel und an der Dressurkandare der kapitale Braune Sebastian. Konzentriert, ernsthaft, kraftvoll der Reiter, artig, das Maul gen Brust weisend der Sebastian.

Noch ist nicht viel los am Morgen des ersten Turniertags im Pariser Grand Palais. Dort, in der Glas-Stahl-Konstruktion, einer architektonischen Schwester des Wiener Palmenhauses, finden normalerweise Kunstmessen oder Haute-Couture-Schauen statt. Für die große Turnierwoche, das Fünf-Sterne-CSI (Concours de Sault d'Obstacle), kurz ein Turnier für die Weltspitze der Springreiterei, hat Hermès, Hersteller luxuriöser Gepäckstücke, Mode und neuerdings auch Möbel, das Gebäude auf Reitturnier umgerüstet.

Im Zentrum, unter dem höchsten Punkt der Kuppel, ist der rechteckige Springparcours angelegt, an den kurzen Seiten ist er von einer Zuschauer- und einer Presse-Tribüne eingerahmt: Hinter der Zuschauertribüne breitet sich ein großzügig bemessener Schanigarten aus, hinter der Pressetribüne besagter Abreitplatz zum Aufwärmen von Reiter und Pferd vor dem Bewerb.

Zwei-Phasen-Springen

Auf diesem sind Ahlmann und Sebastian nicht lang allein. Der französische Althase und reiterliche Organisator des Turniers, Michel Robert, kommt ins Viereck. Unter dem Sattel ein zarter Fuchs namens Kaloe des Perrieres der Sorte Selle Français. Am langen Zügel wird lässig galoppiert, Kaloe schaut sich das Treiben jenseits der hölzernen Absperrung an, nimmt den ein Meter hohen Aufwärmoxer auf locker und kollidiert um ein Haar mit dem strammen deutschen Paar. Die Herren lächeln wortlos freundlich, wenden die Pferde und reiten ihrer Wege.

Im Verlauf der drei Turniertage werden Robert und Kaloe noch mit ein paar Hindernissen aneinander geraten, Ahlmann mit Sebastian hingegen das Zwei-Phasen-Springen gewinnen. Die Gelassenheit am Abreitplatz ist der Grundton der gesamten Veranstaltung. Die Besucher, die entlang den Champs Elysées, wo die Weltspitze der Pferde unter massiver Polizeibewachung eingestallt ist, hierher ins Grand Palais spazieren, sind ebenso gelassen. Aufgrund der Karätigkeit der Veranstaltung könnte man meinen, die Massen würden sich wälzen. Aber die Tribüne ist klein, die Plätze wenige und die sind schon lang im vorhinein ausverkauft. Daher gibt's kein Drängeln und kein Schubsen, weder am Eingang noch im Inneren des spektakulären Baus, an dessen Seiten die Turnier-üblichen Stände mit Reitaccessoires aufgebaut sind.

Da gibt's Satteldecken, Sattelseife, Striegel, Bürste, Gerte, Reitsakkos und -hosen sowie eine Schauwerkstatt für die notorischen Seidenfoulards und -carrées, natürlich alles samt und sonders aus den Werkstätten des Generalsponsors Hermès.

Werkstatt zum Anschauen

Turnier-unüblich ist die Sattlerwerkstatt. Wo normalerweise das Endprodukt feilgeboten wird, kann man hier die Arbeitsschritte der Sattelproduktion nachverfolgen.

Im Zentrum steht der neue Springsattel namens Talaris und dessen Eigenschaften für den Hochleistungssport. Denn es geht nicht um die Bequemlichkeit des Reiterhinterns, sondern um die bestmögliche Funktion des Sattels als Verbindungsstück zwischen den Athleten Reiter und Pferd. Fabrice Crespel, Leiter der Abteilung Sattel bei Hermès, konstatiert eine Veränderung im Fokus. "Wir haben immer mit den Weltbesten gearbeitet, aber seit etwa 15 Jahren hat sich der Fokus geändert. Früher wurde der Sattel für den Reiter gemacht, jetzt für das Pferd." Das ist der Entwicklung der Formel-I-Boliden vom Prinzip her ähnlich. Ingenieure, Konstrukteure suchen gemeinsam mit den Fahrern das beste Auto. Wo kann man noch ein paar Gramm Gewicht einsparen, wo kann man Reibung verhindern, wie bringt man die PS bestmöglich auf die Piste. "Beim Talaris haben wir für den Sattelbaum, also den Träger der Sattelkonstruktion, Karbon statt Holz verwendet, für die Polsterung setzen wir statt der traditionellen Wolle Polyurethan ein." Das mache den Sattel auf einen Schlag ca. eineinhalb Kilo leichter. "Und das alles passen wir dem Individuum Pferd an."

Noch vor ein paar Tagen seien Crespel, der Veterinär und der Weltranglisten-Dreißigste Julien Epaillard auf dessen Hof gestanden, um den neuen Talaris auf den Pferderücken anzupassen. "Das Ziel ist, dass zwischen Pferd und Reiter möglichst wenig liegt, und was liegt, muss passen. Es sollen keine Pads und dicken Unterlagen nötig sein", so Crespel. Nur verändert sich die Muskulatur des Pferdes mit dem Training in einer Weise, die eine ständige Neuanpassung nötig machen würde.

Grenzen der Maßsattlerei

Die Amerikanerin Beezie Madden, derzeit Ranglisten-Dreizehnte und ohne Talaris unterwegs, Ausbildnerin im eigenen Verkaufsstall und ebenfalls im Grand Palais am Start, ortet da eine natürliche Grenze der Maßsattlerei. "Ein junges Pferd verändert seine Bemuskelung schnell." Und auch beim Auf- und Abtrainieren vor und nach Prüfungen ergäben sich solche Effekte. Da könne man doch nicht täglich den Sattler im Stall haben, um jedes kleine Detail anzupassen.

Doch, das könne man, meint Crespel. "Wir bieten das unseren Kunden an. Wenn das Polyurethan einmal im Polster ist, kann man daran zwar nichts mehr ändern, aber man kann Filz zugeben." Was man mit dem Talaris könne, was bei anderen Sätteln nicht möglich sei, ist der Austausch des Karbon-Titan-Sattelbaums. Damit könne man leicht für ein anderes Pferd umrüsten.

Bei allem Hightech will Hermès die Vorzüge der Handarbeit nicht unter den Scheffel stellen. Die Kalbsleder sind nach Weichheit und Rauheit so ausgesucht, dass sie dort Haftung ermöglichen, wo sie sollen. Vernähen und das Finish geschehen so wie im 19. Jahrhundert, als Hermès Sättel und Gepäckstücke fabrizierte und das Pferd mit Wagen zu seinem Firmenlogo erkor.

Die Wurzeln des Unternehmens

In der langen Unternehmensgeschichte hat man nie aufgehört, das Pferd und damit die Wurzeln des Unternehmens zu ehren. Jahr für Jahr gibt es neue Accessoires, die eine Pferdegeschichte erzählen. Sei es ein Lederarmband, dem die Idee einer Trense zugrundeliegt, sei es ein neuer Foulard, der den Bewegungsablauf darstellt, oder gleich eine ganze Prét-à-porter-Kollektion, die aus der Welt der Gauchos schöpft. Damit galoppiert Hermès gut vorne mit im Luxus-Rennen. Soeben wurde für das erste Quartal 2011 ein Ertragswachstum von 25,5 Prozent vermeldet.

Was für den Hauptsponsor zählt, hat die reiterliche Weltelite im Grand Palais zunächst nicht auf der Rechnung. Da zählt, wie viele Galoppsprünge bis zum nächsten 1,60 hohen Oxer man braucht, und mit welchem Tempo man auf den luftigen Steilsprung am Ende der langen Geraden zugaloppiert. Das hat sich Christian Ahlmann am besten ausgerechnet. Er nimmt die Sprünge im letzten Bewerb fehlerfrei und schnell genug. Dafür gibt es zwar kein Seidentuch, aber die rote Siegerdecke. Und die ist immer noch des Weltklassereiters liebstes Accessoire. (Bettina Stimeder/Der Standard/rondo/20/05/2011)

  • Fabrice Crespel erklärt den Sattel Talaris, ...
    foto: hersteller

    Fabrice Crespel erklärt den Sattel Talaris, ...

  • ...dessen Baum aus Karbon und Titan besteht.
    foto: hersteller

    ...dessen Baum aus Karbon und Titan besteht.

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    Die Lederteile wie Sattelblatt, Sitz- fläche und Gurtstrupfen werden wie eh und je von Hand gemacht.

  • Der Springreiter Kevin Staut mit der grünen Schleife des Weltranglistenersten am Arm reitet konventionell mit Pads unterm Sattel beim Hermès- Turnier im Pariser Grand Palais.
    foto: hersteller

    Der Springreiter Kevin Staut mit der grünen Schleife des Weltranglistenersten am Arm reitet konventionell mit Pads unterm Sattel beim Hermès- Turnier im Pariser Grand Palais.

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