Kinderwagen-Design

Immer schön schieben

12. Mai 2011, 17:17
  • Artikelbild
    foto: www.lalaberlinforcybex.com

    Durch alle Lifestyle-Gazetten geistert im Moment der preisgekrönte 3-in-1-Wagen (Kinderwagen-Schale-Buggy) mit lächelnden Totenköpfen von Leyla Piedayesh bzw. Lala Berlin.

  • Artikelbild
    foto: www.bugaboo.com

    "Bugaboo Bee" und Missoni Strickdecke.

  • Artikelbild
    foto: www.bugaboo.com

    Marc Jacobs für Bugabo.

  • Artikelbild
    foto: www.quinny.com

    Der Quinny "Buzz 3" von Henrik Vibskov.

Schon die allerersten vier Räder sind heutzutage Prestigeobjekt auf der Flaniermeile - Deshalb machen sich auch immer mehr Modedesigner am Kinderwagen zu schaffen

Kinderwägen sind schon lange nicht mehr das, was sie einmal waren. Vorbei die Zeiten, in denen uncoole Fahrgestelle zum Frische-Luft-Tanken durch den Park geschoben wurden. Heute laufen sich wahre Designobjekte auf dem Catwalk des Großstadtasphalts die Räder reihenweise heiß. Dennoch, ganz so neu ist das Phänomen Prestigevehikel nun auch nicht. Ende des 19. Jahrhunderts entdeckte das Großbürgertum das Kind für sich, vor allem Mütter und Kindermädchen durften die lieben Kleinen durch die städtischen Grünanlagen schieben. Idealerweise ist das heute nicht mehr ausschließlich den Mamis, sondern auch den aufgeklärten Papis vorbehalten. Dennoch scheint die viel gescholtene Latte-Macchiato-Mama den Kinderwagen noch immer häufiger vom Spielplatz zur nächsten Kinderboutique zu rollen. Und damit deren Auftritt im urbanen Erlebnisraum möglichst lässig rüberkommt, werden jetzt seit einigen Jahren wie selbstverständlich Kinderwagen-Designobjekte angeschafft.

Dabei dürfte der Siegeszug moderner Prestigekutschen bereits um 1998 begonnen haben: In den Niederlanden erschien der Bugaboo, der 2002 mittels der US-Serie Sex and the City ins Rollfeld der konsumfreudigen Kundschaft geschoben wurde. Diesem folgten in den letzten Jahren Kampfansagen ans schlechte Design. Besonders beliebt: Designkooperationen, bei denen Modedesigner wie Marc Jacobs oder Künstler ihre Duftmarken auf Kinderwägen und Accessoires hinterlassen: 2004 platzierte Bas Kosters erstmals kunstige Comicfiguren auf einem Bugaboo-Modell, fünf Jahre später gestaltete der dänische Modedesigner Henrik Vibskov den kunterbunten Wagen des Unternehmens Quinny. Dabei ging es gemäß dem Vibskov'schen Design verspielt zu: grafische Muster, vom Kinderwagen bis zum Futter des Schlafsackes in Pinguinform. Denn bunt gilt noch immer als besonders kindgerecht.

Wandelbare Kinderkutsche

Damit die Erwachsenen nicht neidvoll auf die Ausstattung des Nachwuchses blicken müssen, wurden dazupassende Regenschirme und Ponchos gereicht - in bunt, versteht sich. Auf dass die Großen endlich mal wieder Kind sein dürfen! Da verwundert es auch nicht, dass sich aktuell das farbenfrohe Zickzack des italienischen Strickmodeunternehmens Missoni auf einem Bugaboo-Modell niederlassen darf - und das inklusive Kuscheldecke aus edlem Strick. Mit der Geschmackbildung des Nachwuchses kann schließlich nicht früh genug angefangen werden. Warum also nicht gleich beim alltäglichen Transportmittel beginnen?

Auch Leyla Piedayesh von Lala Berlin setzt uns nun das neueste praktische Prestigeobjekt für die ganz Kleinen vor die Nase. Das Design der ersten Berliner Kinderwagenkooperation, eines 3-in-1-Modells - Kinderwagen-Schale-Buggy - ist von Cybex, die textile Gestaltung kommt von Lala Berlin. Und die Lifestyle-magazine frohlocken bereits: Das ist das Sommer-Must-Have 2011 - zumindest für die designverliebte wie zahlungskräftige Elternschaft. Denn ganz billig ist die Kinderkutsche nicht: Circa 2800 Euro kostet das Komplettpaket. Dafür kommt diese Kinderkooperation zur Abwechslung nicht bunt oder gar kitschig rosa, sondern schlichtweg schwarz daher. Schließlich sei der limitierte Wagen für Jungs und Mädchen sowie moderne Mütter wie Väter gemacht, sind sich Piedayesh und Cybex-Geschäftsführer Martin Pos einig.

Totenköpfe als Tüpfelchen

Pos' Unternehmen macht sich das zunehmende Distinktionsbedürfnis anspruchsvoller Eltern seit 2004 zunutze. Designerin Piedayesh durfte der Kooperation nun quasi als Tüpfelchen auf dem Schwarz ein selbst entwickeltes Muster aus lächelnden Totenköpfen aufsetzen: "Den für Lala Berlin typischen Totenkopf haben wir auf die Kids umgemünzt. Ich habe nämlich festgestellt, wie toll Kinder Seeräuber finden und wie viel weniger Schiss sie als die Eltern haben." Vier bis fünf Monate wurde an der Gestaltung des aktuellen Modells herumgetüftelt. "Am Anfang wollte ich wirklich alles in Schwarz", meint Piedayesh. Doch ganz so puristisch ging es dann doch wieder nicht: "Hinweisschilder haben ihren festen Platz, Aufkleber müssen blau und weiß sein oder Gurte müssen rot bleiben. Die bleiben dann auch da, wo sie hingehören, die kann man dann auch nicht verschieben", erzählt die Designerin, deren eigene Tochter "noch im Buggy vom Kindergarten nach Hause gerollt wird".

Entstanden ist ein Produkt, das einiges an Überraschungen bietet - eine auf Anfrage hergestellte Version in Nappaleder beispielsweise, oder einen Paparazzi-Sichtschutz - der passt gut zur anvisierten Klientel, schließlich hat Lala Berlin auch viele prominente Kunden. Allerdings dient den Kindern das Netz auch als luftdurchlässiger Schlafschutz. Mal sehen, ob sich der durchsetzt. In den 1970ern waren ja Panoramakinderwägen der letzte Schrei. Die hatten transparente Sichtflächen und sahen ein wenig wie Spaceshuttles aus, überlebten sich dann aber. Kein Wunder, jede Designgeneration hat ihre ganz eigene Vorstellung davon, was den lieben Kleinen guttut. (Anne Feldkamp/Der Standard/rondo/13/05/2011)

Kommentar posten
19 Postings
user posted image
11
13.5.2011, 15:13
vermisse das rammbockmodell.

ich mein, in so einer mutterfeindlichen welt muss man sich schon platz verschaffen können.

El Coyote
00
13.5.2011, 13:18
Man kann auch ziehen: http://www.chariot.eu/

Und wer noch ein Rückgrat sein eigen nennt, kann auch tragen !

LinksSchreiber
42
13.5.2011, 12:55
Die ästhetische Verherrlichung der biologischen Reproduktion ist total reaktionär, mega-konservativ und: EKELIG.

ignazius rummsfeld
00
13.5.2011, 10:36
Kinderwagen-SUVS halt....

JRR Smaug
20
13.5.2011, 09:48
"Bla bla bla wurgs gurks", erzählt die Designerin,

deren eigene Tochter "noch im Buggy vom Kindergarten nach Hause gerollt wird".

Warum darf ein Kindergartenkind nicht auf eigenen Füßen nach Hause gehen?

Trolling is a art.
00
13.5.2011, 11:45
Keine Sorge, Kindergartenkinder dürfen zu Fuß nach Hause gehen.

Daß die Designerin ihr Werk übermäßig verwendet, sollte eigentlich nicht verwundern. Angenommen, ich würde Rollstühle produzieren, dann würde ich die auch ständig verwenden (und damit in der Praxis testen), obwohl ich gar keinen benötige. Das nennt man auch Produzentenstolz. Jemand, der noch nie etwas selbst hergestellt hat, versteht das natürlich nicht.

Kathi1609
 
32
13.5.2011, 10:52
Na hör mal, es muss sich ja der Kinderwagen in der Preisklasse vom gebrauchten Kleinwagen amortisieren ....

Trolling is a art.
71
13.5.2011, 11:12
2800 Euro ist für Sie schon ein Gebrauchtwagen? Arm.

trollkind
00
14.5.2011, 11:57
nein!

ein gebrauchtwagen um € 2800,- ist bereits luxus
(no ironie)

lg
dein trollkind

Fidefududincul
20
13.5.2011, 08:49
Das Design

wäre mir noch egal, wenn heute nicht viele dieser Kinderwägen eher Kampfmaschinen ähnelten und auch als solche von einigen Müttern im Gedränge eingesetzt würden.

valtheWU
02
13.5.2011, 12:32
würden sie selber auch manchmal kinderwagen

schieben (müssen), wären sie wohl nicht so ahnungslos!

Trolling is a art.
05
13.5.2011, 09:06

Sehe täglich in Wien wie sehr auf Mütter "Rücksicht" genommen wird. Kein Wunder, daß sie sich drängen müssen, Platz macht ja keiner freiwillig mehr.

Joe Jo
02
13.5.2011, 09:41
Da gebe ich Ihnen Recht.

Weder macht jemand Platz, nochn hilft mal wer beim Ein-oder aussteigen und das sag ich als Kinderloser.

xeder
15
13.5.2011, 08:40

da möchte ich dabei sein, wenn der fortpflanz das erste mal auf die missoni decke speibt......

Erisian Liberation Front
30
13.5.2011, 08:15
Und dazu passend

Das Leihkind oder die lebensechte Babypuppe.
Kaum einer der Bobos hat ja schließlich auch ein Kind zum Wagen.

ullatica
 
03
12.5.2011, 20:20

ich bin immer wieder fassungslos, wenn eltern auf der kleidung oder kinderwagen oder sonst was ihrer kinder totenköpfe oder playboybunnies haben (möchten)....

Angelika70
00
26.5.2011, 14:04

Warum?

Kathi1609
 
03
12.5.2011, 19:47
ach ist das schön,

wenn man sich die kohle für den krempl spart ....

Trolling is a art.
03
13.5.2011, 09:04
noch schöner ist,

wenn man die kohle nicht sparen muß, und kauft was gefällt.

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.