Plüsch nimmt Angst

13. Mai 2011, 17:09
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Das polnische Designteam Hakobo entwirft Maskottchen, die an HIV erkrankt sind und Angst vor Dunkelheit haben

Sie sieht aus wie eine Kreuzung aus Tele-Tubbie und Ninja-Turtle mit einem Hauch von Barbapapa. Die gelbe Ala ist zwar aus Plüsch, doch mit herkömmlichen Maskottchen hat das asiatisch anmutende Affenweibchen nicht viel am Hut. Ala, muss man nämlich wissen, ist HIV positiv. Ein kleines gesticktes Logo auf der rechten Pfote verrät es.

"Jedes der sechs Stofftiere hat irgendein Handicap", sagt der polnische Designer Jakub Stêpieñ. Er ist der Vater der nicht ganz so knuddeligen Viecher. Das blaue muss ständig ins Krankenhaus, das grüne wirft sich dreimal am Tag Tabletten ein, das graue kann nicht auf Urlaub fahren und die beiden schwarzen - sehr ninjaverdächtig - sind zu schwach, um zu kämpfen, und haben panische Angst vor Dunkelheit.

Dass die bunten Leidensgenossen nicht so knuffig daherkommen wie Shaun das Schaf oder Pu der Bär, hat einen guten Grund: "Natürlich können auch Kleinkinder mit diesen Maskottchen spielen", sagt Stêpieñ. "Aber in erster Linie sind das Kommunikationsmittel für Kinder, die entweder autistisch sind oder die sich ganz allgemein schwer damit tun, mit Schulkameraden und Erwachsenen über ihre Probleme zu sprechen."

Ala hat HIV

Laut UNAIDS leben in Polen rund 27.000 Menschen mit dem HI-Virus. Gemessen an der Einwohnerzahl ist das weniger als in anderen osteuropäischen Ländern und deutlich weniger als etwa in Deutschland oder Österreich. Hinzu kommt, dass die Zahl der infizierten Kinder nach Schätzungen polnischer Gesundheitsverbände von Jahr zu Jahr abnimmt.

"Statistisch betrachtet steht Polen mit dieser Thematik ganz gut da, aber das ändert nichts daran, dass für die betroffenen Kinder, die mit HIV leben müssen, in diesem Land viel zu wenig getan wird", meint Stêpieñ. Die Maskottchen der Serie "Ala hat HIV" sollen ein erster Schritt in diese Richtung sein. Social Design nennt sich diese Sparte der Produktgestaltung, die sich nicht nur mit Aussehen und Funktion eines Produktes beschäftigt, sondern auch mit dessen gesellschaftlichen Auswirkungen.

Ein Kind des Kommunismus

"Ich weiß, wovon ich spreche. Ich bin im Kommunismus aufgewachsen, und damals gab es für Kinder mit persönlichen Problemen überhaupt keine Möglichkeit, sich zu artikulieren", sagt der 35-Jährige. Keine Farben, kein Graffiti, keine Spielzeuge mit pädagogischem Hintergrund. "Ich war Außenseiter, und meine Kindheit war ziemlich unglücklich. Wenn Sie so wollen, ist die Arbeit, die ich heute mache, eine Art Verarbeitung eines ganz alten Traumas."

Jakub Stêpieñ, der mit seiner Frau Pola seit rund zehn Jahren das Label Hakobo betreibt, ist im Alltag eigentlich in einer ganz anderen Sparte zu Hause. Er arbeitet als Grafikdesigner und ist spezialisiert auf Plakate und Skateboard-Gestaltung. Zu seinen Kunden zählen Computer-Nerds, Gothic People und Skater. Seine Motive sind meist schwarz-weiß und von einer außerordentlichen visuellen Brutalität. Gezeigt werden Zombies, Totenschädel und allem Anschein nach recht hungrige und gierige Insekten.

"Ja, ich weiß, das mag auf den ersten Blick verwundern. Aber ich bin kein brutaler Mensch. Ich versuche lediglich, bei all meinen Projekten die Sprache meiner Nutzer zu erfassen. Wenn Sie als Designer ihr Zielpublikum nicht erreichen, dann können sie einpacken. Das war's dann."

Kindchenschema ist Tabu

Ein absolutes Tabu für den Absolventen der Kunstakademie in £ód¿ ist das sogenannte Kindchenschema. "Physiognomien mit großen Augen, kleinem Mund und niedlichen Proportionen im Gesicht erinnern uns an Babys und wecken sofort den Mutter- und Vaterinstinkt in uns. Aber darum geht es mir nicht. Ich will nichts verniedlichen und ich will nichts beschönigen. Ich will, dass Kinder und Jugendliche diese Stofftiere als Verständigungswerkzeug verwenden, wenn sie das Gefühl haben, dass die verbale Sprache in diesem Fall nicht das richtige Mittel ist."

Finanziert wird das Projekt "Ala hat HIV" von der Kinderstiftung "Jaoe i Ma³gosia" (Hänsel und Gretel), die neben diversen Förder- und Integrationsprojekten in der ehemaligen Industriestadt £ódY unter anderem Schulen und Werkstätten betreibt. Kosten für die Tiere und die psychologische Betreuung: 100.000 Z³oty, rund 25.000 Euro. "Wir müssen das Geld ganz von alleine aufstellen", beklagt Tomasz Micha³owicz, stellvertretender Vorsitzender der Stiftung. "Weder Gemeinde noch Krankenhausverband sind interessiert, sich am Projekt zu beteiligen. Und es gibt auch keine staatlichen Förderungen, auf die wir zurückgreifen können. Das sagt einiges über den Stellenwert sozialer Probleme in diesem Land aus."

Die ersten Prototypen sind bereits fertig. Im Laufe des nächsten Monats sollen einige hundert Stück der rund 30 Zentimeter großen Plüschpatienten landesweit in Umlauf gebracht werden. Ziel ist es, dass Ala und ihre maladen Freunde den Weg in die Kindergärten und Schulen finden. Für Lehrerinnen und Pädagogen wurde eigens eine Ratgeber-Broschüre entwickelt. Sie soll die gestickten Logos auf der rechten Pfote entschlüsseln und die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten aufzeigen.

Social Design als Vision

"Der Großteil des internationalen Produktdesigns richtet sich an Erwachsene und ist dazu da, das Leben funktionaler, bequemer und vielleicht sogar ein bisschen schöner zu machen", sagt Jakub Stêpieñ. Doch das ist dem zeichnenden Sozialarbeiter zu wenig. "Ich habe die Vision, mit meiner Arbeit Kinder und Jugendliche zu erreichen. Ich bin davon überzeugt, dass man mit gutem Design eine Gesellschaft verändern und das soziale Bewusstsein stärken kann. Das ist der Motor, der mich antreibt. Und wenn's nur eine Vision ist." (Wojciech Czaja/Der Standard/rondo/13/05/2011)

Tipp

Im Rahmen der Vienna Design Week 2011 (30. September bis 9. Oktober) ist das Designteam Hakobo heuer zu einem Labor nach Wien eingeladen. Infos auf www.viennadesignweek.at

  • Plüschtiere mit kleinen und großen Handicaps.
    foto: hersteller

    Plüschtiere mit kleinen und großen Handicaps.

  • Die gelbe Ala hat HIV, ihre Freunde hingegen leiden an Nyktophobie und Urlaubsentzug. Die Spielzeuge für Kinder und Jugendliche sollen in Schulen und Krankenhäusern zum Einsatz kommen.
    foto: hersteller

    Die gelbe Ala hat HIV, ihre Freunde hingegen leiden an Nyktophobie und Urlaubsentzug. Die Spielzeuge für Kinder und Jugendliche sollen in Schulen und Krankenhäusern zum Einsatz kommen.

  • Das polnische Designteam Hakobo.
    foto: hersteller

    Das polnische Designteam Hakobo.

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