Spaliere im Kopf

9. Mai 2011, 18:17
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Kletterpflanzen haben es Gregor Fauma angetan - Da es an Wänden mangelt, versteigt er sich in die Eigenanfertigung von Spalieren - Keine gute Idee

Als "Mensch mit grantigem Hintergrund ©" muss ich meine Bedürfnisse und Hoffnungen nicht in die Arme eines politischen Setzlings legen, sondern bin mir ganz selbst überlassen. Das bedeutet, dass ich größtenteils schalten und walten kann, wie ich will. Und ich will so manches. Dazu gehört die Pflege von Kletterpflanzen.

Ich liebe Kletterpflanzen, verfasse ihnen zu Ehren jeden Morgen ein Poem und besitze einen Kasten voll Fach- und Trivialliteratur zu den Spreiz-, Kleb- und Würgkletterern. Besonders haben es mir hier die unterschiedlichsten Clematis-Hybriden angetan, deren Namen bekanntlich vom mystischen Geheimorden der Clematen rührt. Die Clematen waren trotz ihres Wirkens im Verborgenen dafür bekannt, sich stets die Füße zu beschatten. Möglicherweise rührt der Name Clematis von dieser grotesken Attitüde her, hier gibt es noch viel zu erforschen.

Das Zuhause der letzten Jahre bot mir viele Wände, befand sich mein Garten doch auf dem Boden einer Schuhschachtel, und ich konnte an vier Seiten Kletterpflanzen nach Belieben gen Himmel wachsen lassen. Das neue Zuhause bietet mir in erster Linie Glasfronten, schön ineinander verschiebbar, aber kaum Wände. Wo zum Teufel soll ich nun mit meinen mitübersiedelten Kletterern hin? Es ist zum Haareraufen. Kletterrosen, Clematis-Hybriden, Gelber Muskateller, Prunkwinden, Schwarzäugige Susannen, Geißblätter, ... sie alle warten nun seit Wochen auf ihren neuen Platz, den es nicht gibt.

Karg und ausgesuchte Hässlichkeit

Aber ich werde ihn schaffen, sagte ich keck und fuhr wie üblich am letzten Drücker samstags in einen Baumarkt, um mir einen Spalier zu kaufen. Sagte ich einen? Mehrere müssen es natürlich sein, schließlich sollen die paar zur Verfügung gestellten Wände vollständig bewachsen werden. Doch das Angebot war karg und von ausgesuchter Hässlichkeit. Wo mir doch Holz, in zwei Farben gestrichen, schön kreuzweise aneinandergefügt, vorschwebte - und nicht galliggrüne Metallgitter.

So beschloss ich, Holz, Nägel, Schrauben, Schutzlack und Farben zu kaufen und die Spaliere selber zu zimmern. Höhen und Breiten notiert, wählte ich feinste Seitenträger und elegante Querverbinder aus. Die nächste Misere begann mit dem Zusägen der Hölzer: Die Säge war zu grob - ich musste auf ein Küchenmesser umsteigen. Die Schutzlasur war schnell aufgebracht, die Farben auch. Bloß dass sie bis heute nicht trocken sind. Seither gehöre ich zu den Menschen mit grantigem Hintergrund ©.

Damit es meine Kletterpflanzen gut haben

Dann begann es zu regnen, die lacknassen Hölzer mussten ins Trockene gebracht werden. Dass dabei die gesamte Terrasse, sämtliche Mauern und natürlich auch die Glasfronten jede Menge Farbe abbekommen haben, brauche ich nicht im Detail zu schildern. Dass der Versuch, die Hölzer mit Zeitungen geschützt anzugreifen, darin mündete, dass diese daran fetzenweise kleben blieben, brachte die Situation zum Eskalieren.

Dass beim Bohren zwecks Fixierung der Hölzer an die Wand, welche eh nur aus Verputz und Dämmmaterial besteht, die Hölzer splitterten, ist nur noch ein weiterer kleiner Klimax dieses Fanals. Schlussendlich fragte mich die Vierjährige, warum ich auf einer Leiter stehend eine Leiter an die Wand befestige, und ich kann, nach vielen Tagen der Wut und der Tränen, antworten: Damit es meine Kletterpflanzen eines Tages gut haben, denn ich brauche sie. (Gregor Fauma/Der Standard/rondo/06/05/2011)

  • Leichter gedacht als gemacht: Erst ist die Säge zu grob, dann trocknet der Lack nicht - und natürlich fängt es dann auch noch zu regnen an.
    foto: gregor fauma

    Leichter gedacht als gemacht: Erst ist die Säge zu grob, dann trocknet der Lack nicht - und natürlich fängt es dann auch noch zu regnen an.

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