Thronzeugen

28. April 2011, 18:17
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Ein royales Hochzeitskleid ist mehr als nur ein Traum in Weiß: Brigitte Felderer über die politische Aussagekraft der Roben von Victoria, Grace und Co.

Ein Fünftel der Erdoberfläche und ein Drittel der Weltbevölkerung waren Teil des British Empire, als die junge Queen of England 1839 um die Hand ihres zukünftigen Gemahls anhielt. Am 10. Februar 1840 heiratete Victoria schließlich ihren Cousin ersten Grades, Albert von Sachsen-Coburg, in London. Das öffentliche Interesse für das Ereignis war enorm. Film und Fernsehen standen noch nicht zur Verfügung, aber die Protagonisten der Hochzeitsgesellschaft konnten zumindest bei Madame Tussauds in annähernd lebensnahem Wachs bewundert werden.

Am Tag nach den Feierlichkeiten erschien eine Sonderausgabe der Times, die die Hochzeitsfeierlichkeiten in Bild und Wort festhielt und mehr als 30.000-mal verkauft wurde. Auch sämtliche Details des Brautkleids ließen sich darin nachlesen.

Erstaunlicherweise war die Königin nicht in würdevoller Staatsrobe zum Altar geschritten: Sie hatte ein recht einfach gehaltenes cremefarbenes, spitzenbesetztes Brautkleid mit langem Schleier getragen. Doch in dem Kleid konzentrierte sich das Zentrum eines Weltreichs, über das die junge Monarchin herrschte. Die Seide dafür war in Spitalfields, dem Textilviertel Londons, hergestellt worden, die Spitze nicht in Brüssel, sondern im heimischen Devonshire.

200 Arbeiterinnen hatten sechs Monate lang für Victoria geklöppelt. Die Braut mochte sich wohl auch deswegen für die englische Spitze entschieden haben, um modische, nationale wie auch ökonomische Impulse zu setzen und so zum Aufschwung der Spitzenherstellung in Großbritannien beizutragen.

Zumindest mit einem Taschentüchlein aus englischer Spitze sollten es noch viele Bräute der bewunderten Königin gleichtun. Ein helles oder gar weißes Brautkleid war zu Zeiten Victorias aber noch keineswegs die typische Garderobe für eine Hochzeit. Bräute trugen wohl feinste, jedoch nicht unbedingt helle Kleider. Richtig weiß wurden Kleider übrigens ohnehin erst 100 Jahre später, um die Mitte des 20. Jahrhunderts, als sich Seidenstoffe chemisch intensiver bleichen ließen.

Victorias öffentliche Inszenierung

Der Mode der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entsprechend trugen elegante Damen aus guten und besten Kreisen helle Kleider, wenn sie bei Hof auftraten - bei Bällen und anderen Anlässen. Ein helles Kleid zu tragen entsprach dem Zeitgeschmack und verwies zugleich auf bestehende Privilegien. Ein solches Kleidungsstück war nur aufwändig und keinesfalls eigenhändig zu reinigen und sollte am besten nie mit dem Schmutz der Straße in Berührung kommen.

Das weiße Brautkleid verdankt sich eher diesem modischen Trend als einer heute oft vermuteten symbolischen Bedeutung von Unschuld. Doch als ursprünglicher Dresscode einer Oberschicht mochte sich so auch die Assoziation von Reinheit, von Keuschheit etabliert haben. Denn ein solches Zeichen, so viel luxuriösen Anstand musste man sich auch leisten können. Erst soziale Sicherheit bot auch die Voraussetzungen, solch hoch angesetzte moralische Kriterien zu erfüllen. Wer solche Kleider tragen konnte, war den Niederungen und Begehrlichkeiten des Alltags nicht ausgesetzt.

So repräsentierte die Herrscherin über das Vereinigte Königreich in ihrem fast weißen, zwar nicht pompösen, aber doch sehr kostbaren Brautkleid in erster Linie ihre gesellschaftliche Position und ihr geschmackliches Selbstbewusstsein und tat zugleich kund, dass es ihr bei dieser Hochzeit nicht allein um die Staatsräson als vielmehr um die öffentliche Inszenierung ihrer Gefühle und auch darum ging, sich, für alle sichtbar, in eine standesgemäße Rolle als Ehefrau zu fügen.

Zwar wurde auch nach diesem Weltereignis nicht unbedingt und nur noch in Weiß geheiratet, doch die Queen hatte eindeutig einen nachhaltigen modischen Trend ausgelöst, der gleichermaßen für Mode und Moral, für Privileg und Konvention stand.

Hollywood-Königin mit Hut

Ein weißes Hochzeitskleid hebt seine Trägerin aus jedem realen Zusammenhang, verwandelt die Braut immer in eine Prinzessin, soll ein Vermögen kosten und wird doch nur einmal getragen. Es ist ein Aufzug, der nach einem großen Rahmen verlangt.

Als Victorias Urenkel Edward 1937 Wallis Simpson ehelichte, stand der Altar nicht in einer Kathedrale, sondern im Salon eines Landsitzes bei Paris, und die amerikanische Braut trug bei dieser ihrer dritten Hochzeit Blau. Der Hochzeit war ein aufregender Skandal vorausgegangen, hatte der glückliche Bräutigam doch nicht auf die Unterstützung der "woman I love" verzichten wollen und als König abgedankt.

Auch war das Hochzeitskleid nicht von britischen Untertaninnen gearbeitet, sondern von Mainbocher entworfen worden, einem amerikanischen Couturier, der im Paris der 1930er-Jahre von einer mondänen Klientel für seine eleganten Kollektionen geschätzt wurde. Mit dem Beginn dieser Ehe wurden keine dynastischen Verbindlichkeiten eingegangen, sondern zwei Dandys schienen sich reichlich überkommenen gesellschaftlichen Zwängen zu entziehen - in aller gebotenen Eleganz.

Auch Rita Hayworth trug bei ihrer dritten Hochzeit Blau, als sie 1948 in Cannes dem künftigen Oberhaupt der Ismaeliten, Prinz Aly Khan, das Jawort gab. Das Brautkleid war nicht bodenlang, der Stoff weich fallend, es gab keinen Schleier, sondern die Hollywood-Königin erschien mit Hut. Jacques Fath, der neben Dior und Balmain zu den stilbildenden Couturiers der Nachkriegszeit zählte, zeichnete für das Design verantwortlich.

Die begehrte "love goddess" und der zukünftige Halbgott schlossen mit viel Geschmack dennoch nicht den Bund fürs Leben. Hayworth wandte sich bald einem argentinischen Sänger zu, Khan setzte seinem irdischen Playboydasein in einem schnellen Wagen ein Ende. Man konnte sich also auf modischen Wechsel einstellen. Kleid und Gatte wurden einem nächsten und neuen Lebensabschnitt angepasst. Das Brautkleid einer Leinwandgöttin musste auch nichts versprechen, sondern sie nur gut aussehen lassen. Ein Ehevertrag wurde, wenn überhaupt, bei einem Notar und nicht vor Gott geschlossen. Und wer annehmen wollte, dass es hier um einen Auftritt und darum ging, den eigenen Platz in der Unterhaltungsindustrie auf ein Neues zu behaupten, mochte gar nicht so falschliegen.

Grace Kelly mit ernster Miene

Als Grace Kelly 1956 in Monte Carlo durch ein gut inszeniertes und weltweit mitzuerlebendes Ja zu Fürstin Gracia Patricia wurde, konnte sich MGM die exklusiven Filmrechte an der Hochzeit sichern. Als Gegenleistung wurde die Schauspielerin aus ihren bestehenden Verträgen entlassen.

Das Brautkleid aus kostbarer Brüsseler Spitze stammte von der Chefausstatterin des Filmstudios, Helen Rose, die an diese große Aufgabe bereits mit einiger Erfahrung herangehen konnte: Noch schnell vor ihrer Ehe hatte Grace Kelly High Society gedreht und zum ersten Mal in einem Brautkleid von Helen Rose geheiratet, allerdings noch Bing Crosby.

In Monaco trug sie dann ein hochgeschlossenes Kleid, zarte Perlenohrringe und eine ernste Miene. Vergessen war, dass die Schauspielerin eine letzte Liebesbeziehung erst kurz vor der offiziellen Verlobung beendet hatte. Im Unterschied zu ihrer Kollegin Rita Hayworth gab Grace Kelly mit ihrer Kleiderwahl zu verstehen, dass es ihr mit dem Karrierewechsel ernst war, dass diese Ehe - zumindest öffentlich - nie zu einer Episode in ihrer Biografie geraten sollte und dass eine adäquate Verbindung zwischen Hollywood-Glamour und europäischem Adel weniger eine Frage der Herkunft als eine des guten Stils war.

Und wenn heute die nächste bürgerliche Braut in royale Kreise einheiratet, wird sich erneut herausstellen, wozu Mode imstande sein kann. Bewusst eingesetzt wird Mode in einer aufgeklärten Gesellschaft immer auch ein Mittel darstellen, um sich über gesellschaftliche Grenzen hinwegzusetzen.

Sie besitzt die Macht zur Verwandlung, ist letztendlich nie oberflächlich, sondern wahrnehmbarer Ausdruck eines Spiels zwischen Konventionen und der Freiheit, mit diesen zu spielen. In diesem Sinne ist Mode ein bürgerliches, ja ein demokratisches Instrument, das gesellschaftlichen Aufstieg und Selbsterfindung immer schon vorangetrieben hat und so den Adel bisweilen recht alt aussehen lässt. (Brigitte Felderer/Der Standard/rondo/29/04/2011)

>>>Zur Ansichtssache: Politik im Schleier

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    Diana in ihrem Hochzeitskleid des britischen Modeschöpfers David Emanuel.

    >>>Zur Ansichtssache: Politik im Schleier

  • Barbie im Hochzeitskleid von Carolina Herrera
    foto: barbieworld.com

    Barbie im Hochzeitskleid von Carolina Herrera

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