Die Freiheit der Kunst

22. April 2011, 17:41
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"Was bedeutet eigentlich im Konkreten der Tatbestand der Erregung öffentlichen Ärgernisses?"

Neulich war beim Dichterfürsten die bildende Kunst zu Gast. Man schaltete das Lagerfeuer ein und schaute in die Abendsonne. Die Abendsonne ist eine feine Sache, dummerweise geht direkt neben ihr der Schnauzer in seinem Rohbau um.

Nachdem man also auf die im ganzen Tal berühmt gewordenen verschieden großen Fensterlöcher des Rohbaus und Berge von jährlich wachsendem Bauschutt gestarrt hatte, wollte die bildende Kunst Folgendes wissen: "Was bedeutet eigentlich im Konkreten der Tatbestand der Erregung öffentlichen Ärgernisses?" Eine gute Frage von unerwarteter Seite. Immerhin gelangte die bildende Kunst einst unter anderem zu Berühmtheit, weil sie im öffentlichen Raum eine Statue errichtete, die einen Mann zeigt, der sich in den Mund wischerlt. Man muss keine Koryphäe im Bereich experimenteller Soziologie sein, um mit dem Dichterfürsten zu antworten: "Ein öffentliches Ärgernis stellt zum Beispiel Deine Kunst dar." Interessant wird es ohnehin erst, wenn man weiterdenkt und den Schnauzer und seinen Rohbau mit der Bauordnung kurzschließt. Hier gelangt man zu folgender Erkenntnis: Die Freiheit der Kunst ist oft von Unverständnis und Behördenwillkür bedroht, aber einen Rohbau aus dem siebten Kreis der Hölle darf unbeanstandet jeder Trottel hinstellen.

Der bildenden Kunst haben sie damals den pissenden Mann bald weggeräumt. Dem Schnauzer passiert nichts. Grimmig blickten Dichterfürst und bildende Kunst in die untergehende Sonne des Abendlandes. Drüben im Carport des anderen Nachbarn machte gerade ein Reh Pause vom deutschen Wald. (Christian Schachinger/Der Standard/rondo/22/04/2011)

  • Die Freiheit der Kunst ist oft von Unverständnis und Behördenwillkür 
bedroht.
    foto: christian fischer

    Die Freiheit der Kunst ist oft von Unverständnis und Behördenwillkür bedroht.

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