"Als ob man ein Tier öffnet"

25. April 2011, 17:49
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Das Design-Duo Commonwealth zählt mit seinen schrägen Objekten zum Spannendsten des derzeitigen Übersee-Designs

Wirklich gutes Schmalz findet man kaum im New Yorker East Williamsburg, einer Gegend, in der die Lagerhäuser und Fabriken auf Filmkulisse machen und jenes an der Wythe Avenue auf angesagtes Designerstudio: Commonwealth.nu.

Klar auch: Wenn sich jemand Commonwealth nennt, hat er in der Regel seine internationalen Connections. Immerhin stammt David Boira aus Barcelona, einer Gegend, die bei Schmalz keine echten Engpässe hat. Anders Zoe Coombes, die Kanadierin, Partnerin, Ehefrau. Sie kennt ausgelassenen Schweinebauch mehr vom Hörensagen.

Und doch passt auch das ganz gut zum Reifen eines Entwurfs: Zoe fühlt das "schmierige Unbehagen", von dem Commonwealth im Zusammenhang mit den Möbeln ihrer "Lard Series" schreiben. Und David? Weiß über die weiche Behaglichkeit Bescheid, die Fett vermittelt, und über den Charme des Relativen. Man kann den Finger darin versenken, und zieht man ihn wieder zurück, dann bleibt kein akkurater, sondern ein ungefährer Abdruck.

Anti-Formen aus Fett

Möbel aus den Tiefen des Schmalztiegels, deren Optik die anarchische Regellosigkeit der Unschärfe pflegt. Das erinnert an Joseph Beuys berühmte Anti-Formen aus Fett und ist zugleich typisch für den Ansatz, den die beiden Designer verfolgen. Nicht zuletzt wegen des sinnlichen, nach Eigendefinition subtil erotischen Zugangs, zählen ihre Ansätze heute zu den spannendsten des gegenwärtigen Übersee-Designs.

Doch auch das Formlose streckt sich nach der Decke: Schmalz ist hier Medite, die formaldehydfreie Version von MDF. Commonwealth gehen mit dem Material noch einen kleinen Schritt weiter, Richtung innen: Das verrät das Antippen der superweich gedämpften Schranktüren, deren Sensorik dem Tätscheln des eigenen oder anderwertig vertrauten Schwabbels gleicht. In diesem Fall werden die weißen Fettflächen erst im Innenraum sichtbar. "Es ist", sagt David Boira, "als ob man ein Tier öffnen würde."

Vegetarier mögen das abstoßend finden. Kalt lassen Commonwealths exzentrische Entwürfe, die den Finger auf die Intimzone der Designwelt legen, aber auch andere nicht. Beispiel Blumenfreunde. Auch ihnen fühlen David und Zoe mitunter auf den Nerv - und sei es mit Vasen, die eine sonderbar sinnliche Komponente bergen und sich dabei am botanischen Phänomen des Tropismus orientieren: der Bewegung von Pflanzen als Reaktion auf externe Stimuli. Und das tun auch die gemeinsam mit Brooklyner Handwerkern realisierten expressiven Bronze-Griffe der Serie "Morfina".

Dass Commonwealth gerne Grenzen überschreiten, noch lieber aufwühlen, war schon vor fünf Jahren, zum Zeitpunkt der Gründung, klar. Damals setzten sie Richard Meiers steril-schneeweiße Den Haager Rathausfassade mittels Videoprojektion in Brand.

Systematische Herangehensweise

Das ist irgendwie schräg und zugleich der Stil, in dem der Höhenflug der Wahl-New-Yorker Grenzgänger weitergehen wird. Komplett-Karriere mit Gastprofessur, Supervisor des eigenen Design-Departements - das genau wollen die beiden Commonwealther nicht. Sondern selbst im Atelier Hand anlegen, nicht zuletzt, um die semantischen Ebenen der befassten Materie unmittelbar zu erfahren. Die Bodenplatten-Kollektion "Fleshless" steht dafür ein. Sie spielt mit dem leicht schaurigen Faszinosum der Häutung - und bringt weißlich schimmernde Flächen ins Spiel, deren Löcher an jene Schweinenetze denken lassen, die Metzger alten Schlages zwecks besseren Zusammenhalts um Rouladen wickeln. Jetzt laufen David und Zoe im eigenen Atelier über die Bauchnetz-Böden, zwischen Computer-Fuhrpark und der zwanzig Jahre alten CNC-Fräse, dem perfekten Gerät zur prompten Umsetzung ihres fluiden Stils. Zu tun gibt es viel. Architekturprojekte, aber lieber noch Möbel.

Nicht dass man Commonwealth eine systematische Herangehensweise absprechen könnte. Ganz im Gegenteil. Der "gepanzerten" Oberfläche von "Lard-Onthophagus" waren intensive Recherchen hinsichtlich insektoider Farbstrategien vorausgegangen. Und fallweise setzen Commonwealth beim Ausloten sinnlicher Qualitäten auch auf Hilfe von außen. Genauer: Auf Geruchsanalytiker des Instituts International Flavours and Fragrances (IFF) in New Jersey, das sich für David und Zoe auf die Geruchsfährte von in Brooklyn aufgespürtem Werkstoff - alte Holzblöcke - begab. Das auf molekularer Ebene untersuchte und in assoziativen Schlagworten von IFF abgelieferte Resultat: maskulin, therapeutisch, antibakteriell, gestresst, depressiv, Gold, hellgelb, überwältigend. "Was hätten wir aus solchen Vorgaben entwerfen sollen?", fragten sich Commonwealth. Und liefern im selben Atemzug die ohnehin zu erwartende Antwort: "Was anderes als einen ... Butcherblock!" (Robert Haidinger/Der Standard/rondo/22/04/2011)

  • David Boira und Zoe Coombes
    foto: hersteller

    David Boira und Zoe Coombes

  • Türgriffe "Morfinas" aus Bronze
    foto: hersteller

    Türgriffe "Morfinas" aus Bronze

  • Die Porzellanvasen "Orphan".
    foto: hersteller

    Die Porzellanvasen "Orphan".

  • Wabbel-Kommode "Lard"
    foto: hersteller

    Wabbel-Kommode "Lard"

  • Zoe Combees und David Boira, zusammen "Commonwealth", bei der Arbeit mit der Fräse, dem perfekten Gerät zur Umsetzung ihres fluiden Stils.
    foto: hersteller

    Zoe Combees und David Boira, zusammen "Commonwealth", bei der Arbeit mit der Fräse, dem perfekten Gerät zur Umsetzung ihres fluiden Stils.

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