Richtig retro

  • Mannsbild der 1970er
    foto: corbis

    Mannsbild der 1970er

  • Uhrenbild der "Seventies Panoramadatum"
    foto: hersteller

    Uhrenbild der "Seventies Panoramadatum"

Nachbauen kann jeder - Den Geist von früher einem modernen Produkt einhauchen nicht - Die Uhrmacher von Glashütte Original greifen in die Seventies-Kiste

Zunächst sind es die Fotos aus der Kindheit, die die in den 1970er-Jahren Geborenen verzücken. Wahnsinn, die Frisur vom Vater! Konnte man solche Hosen, oben eng, unten weit, wirklich tragen, ohne zu stolpern? Weiter schweift der Blick, weg von der ungeheuerlichen Scheitelung des väterlichen Haupthaars in das das Haupt umgebende Wohnzimmer. Der Flokati-Teppich, die Couch, mit cognacfarbenem Cordsamt bezogen, das TV-Gerät, alles flott und eckig, alles sportlich. Über allem schweben die Ikonen des Jahrzehnts: die schnittigen Autos, die furchtlosen Kerle, die aus dem All zurückkehrten und von der Faszination der Schwerelosigkeit berichteten, die wilden Jungs von den Betonpisten der Formel 1, überhöht durch die Bilder aus dem Farbfernseher, von Gary Glitter und Konsorten gar nicht zu reden.

Die zu spät Geborenen kriegen ihre Dosis 1970er. Durch Fernsehserien wie - genau - Die wilden Siebziger, durch die Mode, die - so scheint's - in diesem Jahr nicht ohne Schlaghosen, Riesensonnenbrillen und knappen Lederjacken à la Starsky & Hutch auskommen kann. Und jetzt kommt die Dosis auch in Gestalt von Uhren.

Vintage-Stücke

Während die originalen Zeitmesser als Vintage-Stücke auf internationalen Sammlerbörsen zu guten Preisen bei steigenden Kursen gehandelt werden, sind viele der marktführenden Brands tief in den Retro-Kult eingetaucht. Kaum ein Uhrenbauer will auf die Strahlkraft der 1950er- und 1960er-Jahre verzichten. Mit den Siebzigern hatte man so seine Schwierigkeiten. Denn es war das Jahrzehnt, in dem der Quarzkristall mit seinen unveränderlich regelmäßigen Schwingungen zum Herzen der Zeitmessung wurde.

Die Schönheit der Mechanik, der eigens entwickelten Kaliber, die Ära der feinen Konstruktionen - alles das schien mit einem Mal nichts mehr wert und schickte die noble Schweizer Uhrenindustrie tief in die Krise. Wer damals das Ende der mechanischen Uhr prophezeite - was durchaus wahrscheinlich schien -, wurde schon circa zehn Jahre später eines Besseren belehrt. Gut aussehen allein genügte den Uhrenliebhabern nicht. Es muss auch innen was los sein. Denn was ist quarzgesteuerte Genauigkeit schon gegen das schöne Ticken, gegen das Fachsimpeln über Tourbillons, Totalisatoren, Gangreserven und die anderen komplizierten Dinge unter der harten Schale.

Retro-Sportlichkeit

Will ein Uhrmacher nun auf den Charme der sportlichen Siebziger zurückgreifen, ist er mit dem Thema Quarzwerk konfrontiert. Würde man hinter Retro-Sportlichkeit am Handgelenk nicht immer Quarz vermuten?

Glashütte original, die Grand Dame unter den Uhrenmanufakturen nahe Dresden, hat diesen Kreis quadriert. Nahezu buchstäblich. Das Gehäuse der neuen "Seventies Panoramadatum" ist rund, aber auch eckig. Das Zifferblatt aus galvanisiertem Ruthenium in Grau oder Silber strahlt hell in der Mitte und verdunkelt sich zu den Kanten hin. Im Herzen des 40 mal 40 Millimeter messenden Edelstahlgehäuses schlägt kein Quarz, sondern ein Automatikkaliber mit 40 Stunden Gangreserve. Die namensspendende Datumsanzeige liegt über dem Sechser-Index.

Das hätte sowohl Starsky als auch Hutch gut gefallen. Und am Handgelenk vom Kleinen aus den Straßen von San Francisco würde sie wie selbstverständlich ruhen. (Bettina Stimeder/Der Standard/rondo/22/04/2011)

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