Gitarrenhelden und Strandschönheiten

25. April 2011, 17:44
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Er prägte die Männermode der Nullerjahre wie kein Zweiter: Jetzt legt der ehemalige Modemacher Hedi Slimane eine fotografische Rückschau vor

Manchmal gilt es einen Moment innezuhalten und zurückzublicken: Beim Designer Hedi Slimane, der wie kein zweiter die Männermode des vergangenen Jahrzehnts definierte, dauert dieser Moment schon ziemlich lange. 2007 verließ er Dior Homme - und seitdem scheint er Rückschau zu halten. Auf eine Zeit, deren Gitarrenhelden in seinen engen Röhrenjeans und in seinen Schrumpfsakkos steckten, deren coole Mädels sich in seine Männermode warfen und manch einer ordentlich abspeckte, damit er darin nicht wie eine Knackwurst ausschaute. In den Fotografien, die Slimane in den Modemagazinen dieser Welt abdruckt, ist diese Welt noch wunderbar präsent - nur manchmal hat sie etwas Patina angesetzt.

Hätte er das Gefühl, die von ihm geprägte Männersilhouette sei dabei zu verschwinden, er würde wieder in die Mode zurückkehren, sagt Slimane in den wenigen Interviews, die er gibt. Dem sei aber nicht so. Der messerscharfe Londoner Club-Look ist längst auf die Einkaufsstraßen dieser Welt geschwappt und zieht auch jene an, die Namen wie Franz Ferdinand oder Pete Doherty noch nie gehört haben. Slimanes Silhouette ist vollends im Mainstream angekommen, und der Mann, der sie erfand, verbringt die meiste Zeit nicht mehr in dunklen, verrauchten Clubs, sondern unter der Sonne Kaliforniens. Jetzt hat er eine fotografische Anthologie der letzten Dekade herausgebracht.

Eine neue Affäre

Zu den Liebesbeziehungen zu Berlin und London, die Slimane über viele Jahre mit Inbrunst inszenierte, kam in den vergangenen Jahren eine neue Affäre hinzu, jene zu Los Angeles. Von den Hügeln Hollywoods aus taucht der Franzose ein in die Gegenkulturen der Stadt, die sich schon immer mehr an der Pop- als Hochkultur abarbeiteten. Das ist ganz nach Slimanes Geschmack, der sich mitunter mehr auf Konzerten als in Designateliers herumtrieb. Seine ursprüngliche Liebe aber gilt der Fotografie: Schon als Elfjähriger verbrachte er viel Zeit in der Dunkelkammer seiner Pariser Schule, sein urspünglicher Berufswusch war Fotograf - und nicht Designer.

Insofern ist Slimane mit seiner jetzigen Karriere dort angekommen, wo er schon immer hinwollte. Neben den vielen Aufträgen für Titel wie Vogue, VMan oder ID fotografiert er genauso Lady Gaga wie Gore Vidal. In einer Galerie in Brüssel war gerade ein Fotozyklus zu Kalifornien zu sehen, in Paris kuratierte er gerade seine erste Kunstausstellung. Deren Titel: California Dreamin - Myth and Legends of Los Angeles.

Erzählende Porträts

Zu den Gesichtern pubertierender Jungs, deren Oberarme bereits mit bunten Tattoos übersät sind, sind Aufnahmen von kalifornischen Strandschönheiten und des sich dahinwindenden Highway Number 1 dazugekommen. Slimane ist ein begnadeter Porträtfotograf. Seine Bilder erzählen aber immer genauso viel vom Porträtierten wie vom Porträtierenden, diesem scheuen Nomaden durch die Welt des Designs und der Künste, der es sich in seinem Nomadentum gut eingerichtet hat.

Das ist wohl auch der Grund, warum Slimane noch immer nicht in die Welt der Mode zurückgekehrt ist. Zuletzt fiel sein Name bezüglich der Nachfolge von John Galliano bei Dior und Stefano Pilati bei Yves Saint Laurent. Nicht nur dass er beide Häuser bestens kennt, in den vergangenen Jahren war auch eine Annäherung an die Damenmode zu bemerken. Vielleicht schaut Slimane ja bald auch wieder nach vorn. Schön wär's. (Stephan Hilpold/Der Standard/rondo/22/04/2011)

Hedi Slimane: "Anthology of a Decade". Edited by Lionel Bovier. 2011, 724 Seiten, 250 EURO

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    foto: hedi slimane/anthology of a decade/jrp|ringier/courtesy gallery almine rech paris
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    foto: hedi slimane/anthology of a decade/jrp|ringier/courtesy gallery almine rech paris
  • Ruhm ist für den Männermodemacher und Fotografen Hedi Slimane eine Frage des richtigen Augenblicks. Auf jenen, in die Mode zurückzukehren, wartet er noch immer.
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    foto: hedi slimane/anthology of a decade/jrp|ringier/courtesy gallery almine rech paris

    Ruhm ist für den Männermodemacher und Fotografen Hedi Slimane eine Frage des richtigen Augenblicks. Auf jenen, in die Mode zurückzukehren, wartet er noch immer.

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