"Will mich nicht mit Moral konfrontieren!"

21. April 2011, 17:27
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Rick Owens ist wahrscheinlich der am häufigsten kopierte Designer der Welt - Der "Fürst der Finsternis" erklärt im Interview mit Cordula Reyer warum er auch dem Faschismus etwas abgewinnen kann

DER STANDARD: Ihre letzte Kollektion wurde als elegant und klassisch beschrieben. Sind Sie von der Dunkelheit ins Licht getreten?

Rick Owens: Nein. Ich habe lediglich versucht, auf das Klischee zu reagieren, dass "gothic" automatisch dunkel und schmutzig bedeutet. Also habe ich eine Kollektion entworfen, die konstruiert, scharf und frisch ist. Mir gefällt diese Klarheit. Ich bin heute mehr an Disziplin interessiert. Früher setzte ich mich lieber mit meinem persönlichen Zusammenbruch auseinander.

DER STANDARD: Zusammenbruch?

Owens: Ich hatte eine sehr konservative Erziehung, in einem kleinen Ort in Kalifornien. Ich hatte ständig das Gefühl, kontrolliert zu werden. Also tat ich so ziemlich alles, um mich frei zu fühlen. Ich nahm Drogen und trank zu viel Alkohol. Später versuchte ich es in die gegenteilige Richtung und verfolgte etwas, das kontrollierbar war. Heute blicke ich mit großer Zärtlichkeit auf diese extremen Gefühle von damals zurück. Durch sie lernte ich Disziplin, Einsatz und Pflichtgefühl. Diese Unterschiede sieht man in meinen Kollektionen.

DER STANDARD: Was sind Ihre ersten visuellen Erinnerungen an Ihre Kindheit in Porterville?

Owens: Im lokalen Großmarkt sah ich das Cover von David Bowies Langspielplatte Diamond Dogs. Das war aufregend. Sonst war es sehr heiß, leer und staubig.

DER STANDARD: Was trugen Sie damals?

Owens: Ich stand total auf Rod Steward. Ich hatte sogar den gleichen Haarschnitt! Ich liebte diesen ganzen Glitter-Rock von Gruppen wie The Sweet und Kiss. Auf Kiss steh ich auch heute noch. Ich höre das immer, wenn ich im Fitnessstudio trainiere.

DER STANDARD: Hat Ihre Liebe zu Männern in Stöckelschuhen mit Kiss zu tun?

Owens: Genau! Es geht mir darum, Geschlechtergrenzen zu verwischen. Andererseits ist es nichts anderes als das, was Marlene Dietrich gemacht hat: Sie trug Männeranzüge, um ihre Weiblichkeit zu betonen. Ein Stöckelschuh kann an einem Mann dessen Männlichkeit betonen.

DER STANDARD: Wann trugen Sie denn das erste Mal Stöckelschuhe?

Owens: Als ich nach Los Angeles zog. Damals war ich sehr "gothic". Genau genommen waren es keine Stöckelschuhe - ich trug schwarze Platforms. Dazu schwarze Jeans, einen langen, schwarzen Samtmantel und schwarze Lederhandschuhe. Ich trug einen Irokesen und im Gesicht viel Make-up von Chanel. Mein Nasenring war durch eine Kette mit meinem Ohrring verbunden, und um den Hals trug ich einen Rosenkranz. Ja, ich sah ziemlich gut aus. Aber verrückterweise habe ich nicht einmal ein Foto von mir aus dieser Zeit. Das ist wirklich schade!

DER STANDARD: Nach einem abgebrochenen Kunststudium arbeiteten Sie in einer Fabrik in Los Angeles, in der man die Entwürfe von großen Designern kopierte.

Owens: Ich kopierte unter anderem Versace und Montana; als Erfahrung war das fantastisch, weil ich dabei sehr viel lernte. Wenn sich junge Leute bei mir für einen Job bewerben, rate ich ihnen, auch so etwas zu machen. Sie sollten technisch einfach alles können und dann ihr eigenes Ding machen.

DER STANDARD: Heute gelten Sie als der meistkopierte Designer - und das, obwohl Sie nicht einmal Werbungen schalten.

Owens: Es könnte sein, dass ich zu einem Zeitpunkt aufgetaucht bin, in dem die Leute genug von all den Werbungen hatten. Insofern war es das richtige Timing. Ich habe eine Nische gefunden - und zwar eine sehr luxuriöse. Der breiten Masse brauche ich nicht zu gefallen.

DER STANDARD: 2002 zogen Sie von Los Angeles nach Paris. Wie sehr hat sich Ihr Leben verändert?

Owens: Hier in Paris mache ich in einer Woche mehr, als ich in Los Angeles in einem Jahr schaffte. Anfangs habe ich in Paris auf viel zu viele Menschen und Meinungen gehört. Ich funktioniere nicht sehr gut in einem Team. Erst als ich kapierte, dass ich ja gar nicht in einem Team arbeiten muss, dass ich andere Menschen nicht das machen lassen muss, was SIE als richtig empfinden, wurde alles ganz einfach. Ich erkannte, dass ich ein totaler Faschist sein kann. Und dass das die einzige Art war, wie ich funktioniere. Ich schmiss Leute raus und eliminierte eine Menge unnötiger Zurufer. Ich lernte auf mich selbst zu hören. Erst als ich das machte, verspürte ich wieder Freude. Es war unglaublich: Alles funktionierte sofort viel besser.

DER STANDARD: Faschist? Das ist eine Provokation.

Owens: Faschismus und Futurismus sind Utopien. Man will eine ideale Welt aufbauen, in der alles perfekt ist. Und das ist genau das Gegenteil von dem, was die Welt und das Leben jemals sein können, da sie nun einmal zum Teil aus Chaos und Konflikt besteht. Also sind Faschismus und Futurismus unmöglich umzusetzen. Aber das Streben nach dieser Sinnlosigkeit rührt mich. In einer gewissen Weise versuche ich das ja auch. Ich glaube zwar nicht an den Faschismus - aber diesen Aspekt daran finde ich reizvoll.

DER STANDARD: Ich denke, Sie wollen bloß provozieren. Genauso wie mit diesem ganzen Gothic- Schick, den Pelzen und den Knochen.

Owens: Nein, das hat mit Provokation nichts zu tun. Als Faschist will man dominieren. Man muss dominieren, um zu bekommen, was man will. In diesem Sinne bin ich ein Faschist. Man braucht eine gewisse Aggression, einen Kampfgeist, um etwas aufzubauen. Um sich treu zu bleiben, muss man gegen viele Dinge kämpfen - auch gegen Versuchungen. Manchmal muss man eben darauf bestehen, dass ein Ärmel um zwei Zentimeter länger wird. Das kann tatsächlich ein Kampf sein. Und natürlich ertappt man sich dann dabei zu denken: Wen, verdammt noch mal, interessiert das, ob der Ärmel jetzt zwei Zentimeter länger ist oder nicht? Aber ich versuche ja, etwas nach meinen sehr konkreten Vorstellungen zu gestalten. Ich bin ein Kontroll-Freak.

DER STANDARD: Sie haben eine eigene Pelzkollektion. Auch in Ihrer im vergangenen Jahr präsentierten Möbelkollektion fand man Elemente aus Ihrer Pelzkollektion, wie etwa einen langen Vorhang ganz aus Nerz.

Owens: Meine Möbel sind nur eine Erweiterung meiner Kleider. Das klingt jetzt ein bisschen arrogant - wahrscheinlich ist es nur mein Kontrollwahn. Denn die Kleider hängen oder liegen ja auch über meinen Möbelstücken. Dadurch kontrolliere ich sogar die Umgebung, in der sich meine Kleider befinden. So gesehen erweitere ich meine Kontrolle vom Körper auf die gesamte Umgebung.

DER STANDARD: Manche Ihrer Kreationen erinnern in ihrer Extravaganz an Haute Couture.

Owens: Ich glaube nicht an diesen Zeitaufwand, um den es bei Haute Couture geht. Mit gefällt eine mühelose Gestik viel besser. Unter Extravaganz versteh ich Materialien wie Zobel oder versteinertes Holz und Alabaster für Möbel. Es geht nicht mehr darum, dass jemand tagelang an etwas stickt. So etwas empfinde ich als Verschwendung, und es macht heutzutage keinen Sinn mehr. Ich arbeite lieber mit seltenen Materialien. Meine Pelzkollektion und meine Möbel: Das ist für mich Couture.

DER STANDARD: Finden Sie, dass Pelze überhaupt ethisch vertretbar sind?

Owens: Darüber will ich nicht nachdenken. Pelz ist für mich eine Art Weiterführung von Leder. Ich will mich weder verteidigen, noch will ich mich mit Moral konfrontieren. Ich mag die Arbeit mit Pelz - also finden Sie sich einfach damit ab. Grenzen stelle ich mir sowieso nie. Ich verwende beispielsweise auch mensch-liche Knochen für meine Möbel. Man braucht mit mir nicht über Moral reden. Ich verwende diese Materialien, weil eine heroische Zeitlosigkeit und ein gewisses Element der Angst in ihnen steckt. Sie sind Teil des Lebenszyklus. Die fundamentale Wahrheit - das mag ich.

(Cordula Reyer/Der Standard/rondo/22/04/2011)

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    Der Kalifornier Rick Owens (geb. 1962) genießt für seine avantgardistische Mode beinahe Kultstatus. Sein Markenzeichen: die Verbindung von Grunge und Glamour. Zuletzt entwarf er auch Möbel. Er lebt in Paris.

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    Normalerweise ist Rick Owens auf Schwarz abonniert.

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    Nicht so in den jüngsten Kollektionen.

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