Nicht so gut drauf

14. April 2011, 17:15
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Die Wiener Band Kreisky entdeckt in ihrer Mieselsucht den Schrei nach Liebe und die alte Erkenntnis, dass Menschenhass im Selbsthass fußt

Die regelmäßige Ausübung eines Berufs bedingt mitunter, dass man aus Schaden nicht nur klug wird. Oft erwirbt man sich auch eine gewisse Sattelfestigkeit und Routine bezüglich des eigenen Ausdruckspotenzials. Klar, dass man dann in seinem engsten Rahmen bald einmal an die Machbarkeitsgrenzen stößt. Es gibt Wiederholungen. Gib mir ein kleines bisschen Sicherheit.

Das Wiener Quartett Kreisky befindet sich mit seinem dritten Album namens Trouble in der schönsten Mittlebenskrise. Was auf den beiden Vorgängerarbeiten Kreisky und Meine Schuld, meine Schuld, meine große Schuld noch im schönsten katholischen Selbstzerfleischungsmodus gegen alle anderen, also gegen sich selbst wüten konnte, erfährt nun eine leichte Modifizierung. Vielleicht ist das Böse unter der Sonne ja nicht nur das, das man im Badezimmerspiegel täglich neu als widerwärtig erfährt und als Kleinformatleser als kleinkarierten äußeren Einfluss deutet. Es könnte auch sein, dass man mit ein wenig gutem Willen zu einer gewissen Verbesserung der Gesamtsituation beitragen könnte. Wer das braucht.

Bei Texter und Sänger Franz Adrian Wenzl hört man in der gut sechsminütigen, Santanas Samba Pa Ti mit eruptiver Feedbackgitarre austreibenden "Ballade" Menschen brauchen Liebe, dass die Welt ein schönerer Platz werden könnte, wenn man nur fest und treu zu seinen Handlungen steht: "Was wir anzünden und wen wir anzünden, ist doch letztlich egal. Hauptsache, es brennt. Hauptsache, es ist warm. Monika, hast du es warm? Monika hast du es warm?"

Der Rest des neuen Albums dieser im heimischen Kontext zwischen traurig bis mittelheiter im roten Ausnahmebereich "Maximal ungut" disponierten Band erschließt sich einmal mehr als Abarbeitung an dissonanten Ein-Akkord-Gitarrenriffs aus einer leider vergessenen Schiene der US-Grungerock-Ära der frühen 1990er-Jahre. Die zum Vorteil von Kreisky als historische Altlast abgelegte Band The Jesus Lizard mit ihrem soziopathischen Frontmann David Yow bestimmt eine herausragende Kunst, der man gegenwärtig auf Youtube vor allem im Video zum Song Scheisse, Schauspieler gewärtig werden kann.

Zu einem menschenfreundlichen Reggae als Mieselsucht deutenden Schunkelrhythmus feindet man das Theater und sein Publikum an - und meint doch sich selbst auf der Bühne des Wiener Kleinkunstlokals Chelsea. Um eine hohle Phrase aus Burg und Oper zu verwenden: In diesem untergriffigen Lied, das von quengelndem Gesang und ergänzender Bitzel-Gitarre bestimmt wird, rumort es dank einem an Magenverstimmung leidenden Bass so, dass Kreisky endlich ganz zu sich selbst gelangen. Wer die Menschen hasst, meint sich selbst. Das ist keine angenehme Erkenntnis. Es muss aber ab und zu in ein Mikrofon gerotzt werden. Das geht ohne Reimzwang. Die Zwänge liegen ganz woanders. Irre, dass sich eine andere aktive Wiener Band mit ihrem Happy-go-lucky-Sound ausgerechnet Freud nennt. Kreisky wären mit ihrem neuen, "Wickel" oder "Kelch" betitelten Album dafür prädestinierter. (Christian Schachinger, DER STANDARD/RONDO - Printausgabe, 15. April 2011)

Kreisky - Trouble (Wohnzimmer/Hoanzl)

Ab 29. 4. im Handel

  • Das heimische Quartett Kreisky um Franz Adrian Wenzl (dritter von links) schreit nach Liebe. Heimlich.
    foto: ingo pertramer

    Das heimische Quartett Kreisky um Franz Adrian Wenzl (dritter von links) schreit nach Liebe. Heimlich.

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