"Männer austricksen"

14. April 2011, 17:12
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Net-a-Porter ist das wichtigste Onlineportal für Luxusmode - Jetzt gründete dessen Chefin Natalie Massenet einen Ableger für Männer

DER STANDARD: Männer sind gemeinhin Shoppingmuffel. Wie bringen Sie sie dazu, trotzdem einzukaufen?

Natalie Massenet: Das ist nicht leicht. Männer bleiben ihrem Stil treu, orientieren sich an dem, was ihre Väter oder Kumpel tragen. Man muss ihr Vertrauen gewinnen, versuchen, ihre Skepsis auszutricksen. Wenn man das einmal geschafft hat, dann bleiben sie einem aber gewogen.

DER STANDARD: Im realen Leben gibt es meistens eine Frau, die einen Mann beim Einkaufen bei der Hand nimmt. Im Internet ist er auf sich selbst gestellt.

Massenet: Gerade das Internet erleichtert es Männern einzukaufen: Es geht schnell, sie werden nicht beobachtet, bekommen Ratschläge, können sich ansehen, was sie zuletzt gekauft haben. Es geht darum, Männer prinzipiell zum Einkaufen ins Internet zu bringen. Bei Frauen war das vor zehn Jahren genauso. Bei ihnen geht es heute nicht mehr darum, ob sie dort einkaufen, sondern wie oft.

DER STANDARD: Coco Chanel hat einmal gesagt, dass Männer nie verstehen werden, was Frauen an Hüten finden. Nähern sich Männer und Frauen durchs Internet in ihrem Shoppingverhalten einander an?

Massenet: Nein. Aber wir beobachten, dass Männer im Internet öfter zu Marken greifen, die sie im Geschäft links liegen lassen würden. Unterm Strich kaufen sie aber weiterhin nur das, was in ihrer Logik auch Sinn macht.

DER STANDARD: Einkaufen wird zunehmend als Erlebnis inszeniert. Da kann das Internet nicht mithalten, oder?

Massenet: Ein Geschäft ist ein Geschäft, und das Internet ist das Internet. Bei Net-a-Porter versuchen wir, das Einkaufserlebnis so zu gestalten, als ob man ein Modemagazin lesen würde. Wir haben eigene Videos, führen Interviews mit den Designers, liefern Kombinationstipps. Es geht darum, dass die Menschen gerne auf die Seite gehen. Sie müssen auch nicht jedes Mal etwas kaufen.

DER STANDARD: Sie verkaufen vorwiegend Luxusartikel. Ist es nicht ein Widerspruch, Luxus via Internet zu verkaufen?

Massenet: Das ist doch Luxus, wenn man einkaufen kann, wenn man will, das Paket am nächsten Tag geliefert wird, und wenn man es nicht will, es auch gleich wieder abgeholt wird.

DER STANDARD: Menschen kaufen aber nicht nur ein Produkt, sondern auch die Exklusivität von Luxusartikeln. Sie ist im Internet nicht gegeben.

Massenet: Mit solchen Einwänden wurde ich vor zehn Jahren konfrontiert, als ich Net-a-Porter gegründet habe. Schauen Sie sich einfach die Verpackung unserer Waren an: Jedes Produkt wird wie ein Geschenk geliefert. Solchen Luxus bietet kaum ein Luxusgeschäft!

DER STANDARD: Es gibt Luxusmarken, die nicht mit Ihnen arbeiten, Chanel zum Beispiel. Sie haben offenbar Angst um ihr Image.

Massenet: Chanel verkauft gar nichts online. Ich wünschte, sie würden das tun.

DER STANDARD: Aber das bedeutet doch, dass es im High-End-Luxusbereich massive Vorbehalte gegen den Internetverkauf gibt.

Massenet: Das wird sich geben. Die meisten Marken gibt es bereits im Internet.

DER STANDARD: Wie lange wird diese Distanz zum Internet aufrechtzuerhalten sein?

Massenet: Nicht lange. Der Kunde will im Internet einkaufen, also wird man ihm diese Möglichkeit bieten.

DER STANDARD: Hierzulande steckt E-Commerce im Modebereich noch in den Kinderschuhen. Wie erleben Sie den österreichischen Kunden?

Massenet: Unsere Strategie ist es, alle Kunden gleich zu behandeln. Der Modemarkt ist so international, dass man von einem ähnlichen Wissensstand der Kunden ausgehen kann - ob sie jetzt in Hongkong oder Österreich sitzen. Die Globalisierung von Mode hat es mit sich gebracht, dass überall auf der Welt die gleichen Produkte nachgefragt werden. Und die bieten wir. Ich kann nur so viel sagen: Der deutschsprachige Markt ist einer, der am schnellsten wächst.

DER STANDARD: Man hört, dass die Rücksendequoten in deutschsprachigen Ländern besonders hoch sind.

Massenet: Das kann ich nicht bestätigen. Die hängt eher von den speziellen Produkten ab. Kleider werden öfters zurückgesendet als Schuhe oder Handtaschen. Aber das liegt in der Natur der Sache.

DER STANDARD: Was sind die derzeitigen Bestseller?

Massenet: Wir befinden uns in der Halbzeit der Frühjahrssaison, derzeit lässt sich sagen, dass alle hellen, frischen Farben gut gegangen sind. Chloé, Stella McCartney und Miu Miu haben sich besonders gut verkauft. Auch neue Marken wie Carven oder Christopher Kane.

DER STANDARD: Der Modemarkt befindet sich inmitten einer großen Umwälzung. Was bringt die nächste Zukunft?

Massenet: Modeschauen in der heutigen Form wird es nicht mehr geben. Modeschauen werden Veranstaltungen für Konsumenten werden, nicht mehr für Einkäufer und Journalisten. In dem Moment, in dem die Modeschau über die Bühne geht, wird es die Waren auch im Geschäft oder im Internet zu kaufen geben. Und immer mehr Menschen werden direkt von den Designern kaufen, was diese freuen wird.

DER STANDARD: Noch nie waren so viele Menschen über Mode so gut informiert wie heute. Chance oder Fluch?

Massenet: Im Internet bekommt der Konsument zeitgleich mit den Einkäufern und Journalisten zu sehen, was angeboten wird. Die gesamte Produktionslinie wird sich komplett verändern. Für clevere Unternehmen eröffnen sich dadurch ungeheure Möglichkeiten - wer die Gelegenheit aber nicht beim Schopf packt, wird durch die Finger schauen.

(Stephan Hilpold/Der Standard/rondo/15/04/2011)

  • 2000 gründete die ehemalige Journalistin Natalie Massenet Net-a-Porter. Im Vorjahr verkaufte sie ihren Anteil an Richemont, blieb aber die Leiterin des Onlineportals. Kürzlich gründete sie einen Ableger für Männer: www.mrporter.com.
    foto: www.net-a-porter.com

    2000 gründete die ehemalige Journalistin Natalie Massenet Net-a-Porter. Im Vorjahr verkaufte sie ihren Anteil an Richemont, blieb aber die Leiterin des Onlineportals. Kürzlich gründete sie einen Ableger für Männer: www.mrporter.com.

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