Garstig in Gersthof

11. April 2011, 13:35
  • Artikelbild
    foto: gregor fauma

    Aus diesem Saustall soll einmal ein schöner Garten werden, so verlangen es die Nachbarn.

Die Terrasse ist in einem argen Zustand, was subtilen Druck der Nachbarn weckt

Der Horror des Übersiedelns klingt langsam ab. Die ungefähr 105 Pflanzen wurden eigenhändig geschleppt, verstaut, in die Erde gedrückt, entsorgt oder auch auf ein vitales Minimum zurückgeschnitten. Die meisten der traurigen Gestalten wurden einfach auf die Südterrasse gehievt, irgendwie und ganz ohne Konzept. Die alten Töpfe sind zum Teil zersprungen, auf jeden Fall unansehnlich verwittert und vergilbt.

Die darin steckenden Pflanzen, soweit welche sichtbar, sind vertrocknet und halbtot. Ich gebe ihnen wie jedes Jahr ausreichend Zeit, vielleicht doch noch ein frischgrünes Auge in die Sonne blinzeln zu lassen. Zu diesem Topf- und Pflanzenfriedhof gesellten sich recht rasch recht rasch geleerte Weinflaschen, Bierpfandflaschen, Mistsäcke, jede Menge Klumpert, originalverpackte Meisenknödel, Sichtschutzplanen und ein wenig rostig-erdiges Gartenwerkzeug.

In der Slowakei hätte man um unsere Terrasse eine Mauer gebaut und regelmäßig Brandsätze darübergeschmissen. Aber nicht so in Gersthof, oh nein! Hier sind die Menschen edel und fein, haben Charakter wie Handschuhe aus weißem Zwirn.

"Mein Gott, so schön"

So lernten wir zum Beispiel unsere Nachbarin kennen, eine rüstige, ältere Dame. Sie sei so glücklich, dass wir die Terrasse so schön gestalten würden, meinte sie. Gemeinsam betrachteten wir den Saustall, die aufgerissenen Mistsäcke, die Schlammspuren meiner Tochter und die verreckten Pflanzen. Eine Stille entstand. "Mein Gott, so schön", entfuhr es ihr noch einmal. Ich dankte herzlich und versprach ihr, es tatsächlich schön gedeihen zu lassen. Tage später, selbes Nachbarhaus - ihr Enkel. Er freue sich ja so, dass wir hier einen schönen Garten gestalten, er hätte schon gehört, ich könne das. Dann legte er nach: "Auch meine Großmutter ist ausgesprochen daran interessiert, dass Ihr Garten schön wird - mir wäre das ein Anliegen, wissen Sie?"

In dieser letzten Formulierung lag schon eine gewisse Strenge, ja, sie hatte etwas Bestimmendes. Da ich eher ignorant denn arrogant bin, scherte ich mich nicht weiters um die Anliegen der Herrfrau Nachbarinnen. Mittlerweile ist die Terrasse auch schon ein bisserl schöner, wiewohl immer noch eine Ansammlung an Kramuri und Graffel.

Ein wenig Frühjahrsputz

Die alten Pflanzentröge habe ich schon genussvoll ausgeräumt, zarte Triebspitzen freigelegt und ihnen im Allgemeinen ein wenig Frühjahrsputz angedeihen lassen. Auch habe ich schon im Gegenwert eines 500 Abarth Blühendes und Duftendes angekauft, angekarrt und angegossen. Eh nur Margeriten, Thymian, Lavendel, Salbei, Oregano, Deutzia, Hibiskus, Bambus, Flieder und Schlitzahorn. Dazu gesellen sich bereites Oleander und zwei Engelstrompeten aus dem Keller - ich kann einfach nicht auf die Eisheiligen warten, never ever.

So, endlich ein freier Tag, Traumwetter und genussvolles Rühren im Erdreich - grüßt mich doch glatt eine junge Frau von nebenan sehr freundlich und eröffnet mir, dass sie unseren Garten so schön fände. Man könne schon erkennen, dass das wirklich ein toller Garten wird, so viele so schöne Blumen ... Ja gibt's das bitteschön? Welcher Garten? Doch nicht etwa die Gstettn da? Die junge Frau verschwand mit freundlichem Gruß im Nachbarhaus - und ich spüre jetzt immer deutlicher den Druck, der von diesem Haus ausgeht und der hinter der doch sehr freundlichen und sympathischen Fassade versteckt ist. Ich soll mich nur ja nicht trauen, hier diesen Saustall aufrechtzuerhalten, meinen sie in Wahrheit. So ist Gersthof, so sind die Menschen hier, so wird hier Druck gemacht. (Gregor Fauma/Der Standard/rondo/08/04/2011)

  • Fauma & Flora

    Lass es brummen! [31]

    TitelbildBienen sind en vogue - Das Halten und Pflegen eines Bienenstocks ist ein Trend, der aus den USA kommt - Wer es nicht ernst meint: Hände weg!

  • Fauma & Flora

    Strebergärten [1]

    TitelbildDas außergewöhnliches Gartenbuch von Georg Grabherr und Lois Lammerhuber animiert zum Strebertum beim Garteln

  • Fauma & Flora

    Heilende Halme [11]

    TitelbildGräser sind einfach da und fordern nichts - Warum das gerade jetzt richtig ist

  • Fauma & Flora

    Pfui, Spinne! [31]

    TitelbildWarum Ameisen und andere Krabbeltiere interessant und hilfreich sind

  • Fauma & Flora

    Großes Glücksspiel [6]

    TitelbildDie Pflanzen stressen den Gärtner: Die eingewinterten Pflanzen drängt es ans Tageslicht, was strategisches Vorgehen erfordert

  • Fauma & Flora

    Ode ans Unkraut [8]

    TitelbildJetzt beginnt das Rätselraten, was da Knospen treibt: Warum auch der Warzige Krähenfuß und der garstige Eiterzahn ihr Gutes haben

  • Fauma & Flora

    Waschen, schneiden, hinlegen [32]

    TitelbildAm Beginn der neuen Saison muss der Garten erst wieder in Fasson gebracht werden - Den Beginn macht das Schleppen der Erdsäcke

  • Fauma und Flora

    Der Garten als Labor [1]

    TitelbildEin Wettbewerb regt zum Gespräch über den privaten Garten als Handlungsfreiraum ein

  • Fauma & Flora

    Zwischenbilanz [22]

    TitelbildNach einem Jahr im neuen Garten gilt es die Quote der Pflanzen festzustellen, die den kalten Februar tatsächlich überlebt haben

  • Fauma & Flora

    Brokkoli als Mediator [4]

    TitelbildGedanklich ist es schon so gut wie fertig, das neue Gemüsebeet im Garten - Ein Hochbeet muss her in der Saison 2012, so viel ist sicher

  • Fauma & Flora

    Grünkohl: Eisig-süßer Genuss [13]

    TitelbildErhöhen Pflanzen die Konzentration ihrer Zellflüssigkeiten, sinkt der Gefrierpunkt - Das weiß der Grünkohl

  • Fauma & Flora

    Apfel statt Eibe [59]

    TitelbildBeserlparks zu Obstgärten, Kanalfluren zu Gemüsebeeten und überhaupt mehr Essbares statt Stachelgrün - das wünscht Gregor Fauma sich von der Stadt

  • Fauma & Flora

    Überraschung! [20]

    TitelbildDer Ritterstern läuft so manchen Erwartungen zuwider und blüht vor dem Wachstum

  • Fauma & Flora

    Schnupfen ade! [35]

    TitelbildÜber die Kraft der Kräuterhexen und ihre Heilmittel aus dem Garten räsoniert Gregor Fauma

  • Fauma & Flora

    Vollmond [30]

    TitelbildMit der Spezies der sogenannten Mondgartler und ihrem Ratgeber am Firmament beschäftigt sich Gregor Fauma

  • Fauma & Flora

    Trumpfkartenniveau [4]

    TitelbildJunggärtner meinen schnell einmal, mehr zu wissen, als den Tatsachen entspricht. Gregor Fauma erklärt, warum er der Jeunesse jardinière dennoch mit Nachsicht begegnet

  • Fauma & Flora

    Der Garten gibt keine Ruh [8]

    TitelbildDie dräuende Vergänglichkeit so deutlich zu spüren gehört zu den Höhepunkten im Gartenjahr

  • Fauma & Flora

    Was läuten hören [2]

    TitelbildMehrjährigkeit, schier endlos dauernde Blühdauer von Mai bis September und Schattenverträglichkeit sprechen für die Glockenblume

  • Fauma & Flora

    Grabenkämpfe [9]

    TitelbildJetzt ist es Zeit, den Boden für das Frühjahr zu bereiten - Vor dem Umgraben muss noch aufgeräumt werden, meint Gregor Fauma

  • Fauma & Flora

    Beziehungsarbeit [5]

    TitelbildWarum Rollrasen gestandene Gartler ganz unglücklich macht, erklärt Gregor Fauma

  • Fauma & Flora

    Herbstzeitlose: Tödlich schön [20]

    TitelbildEin entzückender Vorbote des Winters ist die Herbstzeitlose, sie hat aber auch ihre Tücken, berichtet Gregor Fauma

  • Fauma & Flora

    Entwurzelt [30]

    TitelbildDer Umzug ins Winterquartier ist für alle Pflanzerln und ihren Gärtner kein Vergnügen - Und eine neue Hecke muss auch noch her, klagt Gregor Fauma

  • Fauma & Flora

    Grobe Arbeiten [2]

    TitelbildSaisonal bedingt stehen Tätigkeiten im Garten an, die Schweiß, Schmerzen und Schadenfreude mit sich bringen, meint Gregor Fauma

  • Fauma & Flora

    Torschlusspanik [13]

    TitelbildWenn es herbstelt, werfen sich die Pflanzen noch einmal mächtig in Schale - Das kostet sie Substanz, die sie in Form von Dünger wieder bekommen sollten

  • Fauma & Flora

    Expertenklimax [5]

    TitelbildNicht nur in Großbritannien wird die Vereinsmeierei um den Garten zu edler Blüte gebracht, berichtet Gregor Fauma

Kommentar posten
10 Postings
jenna jameson
00
23.4.2011, 09:57

hat wer eine ahnung was/wen der hubschrauber am donnerstag abend, naja eigentlich nacht, gesucht hat? der is eine zeit lang gefühlte fünf meter über unserem haus herumgeflogen mit suchscheinwerfer...

FS4 - the science channel
00
12.4.2011, 12:34

Hahaha... Großartig, ich werde nächstens wohl einen Blick über Ihren Gartenzaun wagen müssen. ;)

Pooh's Paw
00
12.4.2011, 00:26
und noch ...

... hat keiner auf Fauna und Flora korrigiert, Herr Fauma!

ehnie
00
11.4.2011, 19:58

Bei mir kraxeln eines Tages zwei Mäderln über den Zaun, fangen an Ball zu spielen. Ich, verwundert, steige raus. Sie schrecken sich wirklich sehr,- weil, sie haben nicht gewusst, dass da jemand wohnt. Sie spielen da immer.

Max Arnstein III.
 
01
11.4.2011, 19:01
Nicht gleich eine Veschwörung der Gersthofer vermuten!

Vermutlich handelt es sich um verdeckte Hinweise auf §79 (6) der Wiener Bauordnung, die eine gärtnerische Ausgestaltung der Vorgärten verlangt.

Die Gegend ist von kleinen und großen Bausünden sowie brachliegenden, ungepflegten Grundstücken übersät. So kann es nicht verwundern, dass manche Nachbarn vorbeugend agieren.

stw_vie
00
11.4.2011, 18:18
so ist es halt...

das leben im dorf. :-))

Stahlkind
00
11.4.2011, 16:37
Jaja..

geht mir genauso...
nur meine NachbarInnen schmeissen mit Pizzarandeln und Tschickstumpen wenn Ihnen was nicht passt....

DasLebenIstSchwerUndDannStirbtMan
00
12.4.2011, 09:25

Da lob ich mir meine Nachbarin..... die schmeißt mir Ableger über den Zaun. Mein Garten wäre ohne ohne sie noch ziemlich kahl...

Gregor Fauma1
 
00
12.4.2011, 09:18
Tschick gibt es zu Hauf,

ich kontrolliere die Marke, werde Zuordnungen treffen und dann kommen die gesammelt retour.

Xantha Beau
 
00
27.4.2011, 14:48
Nun, ich wünsche Dir viel Erfolg bei ...

... den Zuordnungen, sobald jeder aufgrund der stets steigenden Zigarrettenkosten auf das Selberwutzeln umgestiegen ist *har*har*

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.