Italien lieben

Die Schöne und das Biest

13. März 2011, 16:31
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    foto: corbis

    Die Ähnlichkeit zwischen Cavallo und Cavaliere ist beabsichtigt. Und eine gewisse Hutschenschleudermentalität kann dem ganzen Land, das blinkt und glitzert wie ein einziger Luna-Park, nicht abgesprochen werden.

Warum wir Italien lieben, auch wenn es wieder einmal blöd ist wie die Nacht - Von Andrea Maria Dusl

"Es gibt nicht eine, es gibt viele Italie. Und diese vielen Italie sind doch nur eine. Eine Schöne, die ein Biest ist." Giuseppe Patat

Wenn sich der Sommer über Schnitzelland legte, die Knattermaschinen begannen, die Straßen aufzureißen, wenn das Zeugnis abgeholt war und die Schule schloss, wenn der heiße Wind in die kalten Keller fuhr, wurde es Zeit, Vaters Wagen zu besteigen, um in das Land des aufgehenden Herzens zu fahren. Nach Italien, dem Subkontinent der Leidenschaft.

Für Kinder, und als solche wurden wir mit dem Italienvirus angesteckt, war die Landkarte der Leidenschaften noch recht übersichtlich angelegt, sie bestand aus Meer und Pasta asciutta, aus Sandstrand und Gelato. Davon gab es dort reichlich. Und reichlich Zeter und Mordio. Italien war große Oper, lange bevor wir wussten, was Oper war, was Zeter und was Mordio. Unsere erste Italienfahrt war die Initiation ins Reich des Dürfens. Mein Vater leitete den Grenzübertritt in Tarvis mit der vergnügungstechnisch hochwillkommenen Ankündigung an, hier sei alles erlaubt, was bei uns verboten sei. Man durfte dem Vater vertrauen, immerhin war er der Sohn eines Halbitalieners. Das Schlimmste, was wir uns vorstellen konnten, war öffentliches Schreien, lauthals und unbefugt, Kindertourette. Ob wir also schreien dürften, sobald wir in Italien wären? Aber sicher, sagte der Vater und ließ uns die Fenster runterkurbeln, bis auf Anschlag, und hieß uns zu schreien. Und so schrien wir in den heißen Fahrtwind, schrien uns die Kehlen wund. Schrien vor Freude und vor Stolz, im Lande der Freiheit zu sein. Im Land, in dem man alles durfte. Alles. Und mehr. Wir schrien, bis wir ans Meer kamen. Und dann weinten wir, weil das Meer so schön war. So unendlich schön. Und weil uns die Kehlen brannten vom Schreien. Und dann aßen wir Eis, Gelato hieß es hier, Dschellato, es kühlte die Kehlen und füllte uns ab mit Glück.

Ein erwachsenes Italien

Der Vater war ein anderer hier, er war ein Italiener hier, er war braungebrannt, einen Tag brauchte er dazu, und lustig, unbeschwert und pfiffig, es musste ein Zauberland sein. Österreich konnte das nicht, aus dem Vater einen Glücksmenschen machen, einen Unbeschwerten, einen Capitano, einen Pappa. So war das mit uns, wir wurden zu Italiani, wenn wir hier waren, Burgen aus dem Strand schaufelten und mit der Luftmatratze Richtung Afrika drifteten. So war das, als wir Kinder waren, und es sollte immer besser werden. Immer südlicher zogen wir, jedes Jahr weiter in die Sonne, bis wir irgendwann an der Stiefelsohle angekommen waren, im Sand lagen, den das Meer aus Sybaris gewaschen hatte.

Und irgendwann war es Zeit, selbst in den Süden zu fahren, mit dem Zug diesmal, denn Auto hatten wir keines, als wir erwuchsen, in das eigene Italien, die Schläuche der Leidenschaften mit eigenem Wein zu füllen. Und mit Grappa und Fernet, Campari und Cinzano. Durch Venedig zu klettern, an der Toskana anzureißen und im Schatten der römischen Pinien vom Schlaf der Gerechten zu kosten.

Und irgendwann wurde es ein erwachsenes Italien für uns, ein härteres, es begann dem Rom von De Sicas Fahrraddieben zu ähneln, dem kleinen Kaff in De Santis Bitterem Reis, dem Rimini aus Fellinis Vitelloni. Es wurde vom blendenden Weiß der Kaffeehaustische am Markusplatz zu den stinkenden Ölflecken in den Hafenbecken von Marghera.

Tourist, Italienbewunderer, Italiengutfinder, Trottel

Wenn du nicht Italienisch sprachst, musstest du Ausländer sein, Tourist, Italienbewunderer, Italiengutfinder. Trottel. Und weil es in Italien eine ungeschriebene Erlaubnis jeglichen Dürfens gab, gab es auch eine Legitimation zum lächelnden Bösesein, dann schnitten sie dir die Spiegelreflex von der Schulter, flexten das Fahrrad vom Laternenmast und lächelten dir ins Gesicht, wenn sie dir für einen Teller Spaghetti mit Mineralwasser den Tageslohn eines Commendatore aus der Tasche zogen. Das war die Fratze des anderen Italien, sie feixte aus der Zeitung mit den Meldungen, in denen die Worte "mafia" und "organizzazione criminale" vorkamen und "scandalo" und "vita politica italiana" und Bilder von Andreotti und anderen nierenkranken Gestalten. Aber es blieb ein schönes Italien voll von Wundern, es war und es ist das Karussell im Luna-Park, es leuchtet und blinkt und pumpt Italo-Pop durch die Lautsprecher, macht trunken und glücklich und ist doch nur von Geschäftemachern betrieben, mit billigem Strom aus rostigen Kraftwerken.

Das Land, in dem die Vespas glühen, ist das Italien aller Gleichzeitigkeiten, die man lieben muss, wenn man Italien lieben will, und Italien muss man lieben, wenn man überhaupt lieben will. Und weil das nicht nur für die Wiederkehrenden so ist, sondern auch für die Italiener, lässt sich erklären, warum sie es überhaupt lieben, dieses widersprüchliche Italien, dieses Italien von Mafia und Camorra, von 'Ndrangheta, Sacra Corona Unita und Stiida, das Italien von Korruption und Stillstand, von Unregierbarkeit und Neofaschismus, von stinkendem Müll und dem Paralleluniversum Vatikan. Nur in Kenntnis der italienischen Kunstfertigkeit, Jenseitiges zu Diesseitigem umzuetikettieren, lässt sich verstehen, wieso die Italiener einen multipel gelifteten und haartransplantierten Sexsüchtigen als Regierungschef durchs Land tragen, einen Cavaliere, der auf dem schlecht lackierten Pferd im Luna-Park-Karussell lachend im Kreis reitet. Im Land, in dem man alles darf. (Andrea Maria Dusl/Der Standard/rondo/11/03/2011)

Kommentar posten
25 Postings
Sssnake
00
14.3.2011, 21:26
Wunderbar!

Ganz ein wunderbarer Text, der in Zusammenhang mit den Postings Sehnsucht macht nach dem freien Italien von früher.
Mittlerweile ist es mit der Reglementiererei, Bevormunderei und Abstraferei schon schlimmer als in Ameriga.

Buzz_Lightyear
00
14.3.2011, 14:21

Dankeschön für diesen herrlichen Kurzurlaub gerade eben!
Hab Eis und Pizza geschmeckt und konnte den heissen Asphalt riechen! :-)
Weckt mich bitte, wenn's zum Heimgehen ist!
So genial geschrieben! :-)))

WOTLmade
01
14.3.2011, 13:52
JAAAAAA - Als hätte ich's selbst geschrieben

Mein Papa war zwar 0% Italiener was die Abstammung betrifft, aber auch wir haben an der Grenze die wundersame Verwandlung in freie Menschen erlebt!

Bis heute kann ich nicht "erklären" warum ich Italien so liebe - es ist einfach so! Und das wird sich auch
niemals ändern .... komme was wolle.

root66 ~~~
03
14.3.2011, 11:22
Zum Artikel: Sooo schön und so wahr!

Hatte mal eine italienische Freundin und dieses Eintauchen in die Schönheiten, aber auch Widersprüchlichkeiten der italienischen Lebensart prägt einen für´s Leben.

karakal
04
14.3.2011, 11:08
Wow.

Das ist so ziemlich der schönste Text den ich im Standard überhaupt und über Italien im Besonderen gemals gelesen habe...
Wie so alles Schöne janusköpfig...

Ludovico Settembrini
02
14.3.2011, 04:14

schade ist um dieses schoene land. schade, weil die organisierte kriminalitaet das land im wuergegriff behalten wird.

die piemonteser sprechen abschaetzig ueber alles suedlich von rom. ein sprichwortet behauptet, dass garibaldi das italienische festland vom afrikanischen kontinent getrennt hat....der schnitt aber zu weit unten passierte...

Poldi Fesch
01
14.3.2011, 12:23
:) geh tu da

nicht luegen, der mezzogiorno, aus der sicht Turins, beginnt in Sanremo

Poldi Fesch
01
13.3.2011, 17:07
stimmt fast

nur ist in Italien nicht alles erlaubt, sondern fast alles verboten, was aber so viel ist, dasz es keiner mehr kontrollieren kann, die zahlreichen Verbote also de facto nicht durchsetzbar sind

alla riscossa
21
13.3.2011, 23:35
und pappa

ist was zum essen, papà der erzeuger.

Poldi Fesch
01
14.3.2011, 11:23
ja,

mei

El Bulli
03
13.3.2011, 21:45

ja heute - leider. in den 70er und 80er-jahren hat italien wirklich spaß gemacht. in jeder hinsicht. für einen österreichischen jugendlichen war das lustiges chaos. das ging etwa bis mitte, ende der 90er. jedes mal wenn wir mit dem auto oder den bikes über der grenze waren, war party.
heut ist teilweise wirklich alles verboten und die jeweiligen strafen stehem in keinem verhältnis mehr zum "delikt". und auf den straßen hab ich den eindruck, es hängt davon ab, in welcher region man grad ist und ob den carabinieri fad ist.

Poldi Fesch
00
14.3.2011, 11:26
ob den carabinieri fad ist.

das war auch in den spaeten 70ern schon so.
Die Italiener sind, man moechte es nicht glauben, extrem staatsglaeubig. Das bedeutet, dasz der it. staat noch viel mehr die hyst. Kindergartentante gibt als der oesterreichische

der_kleine_pariser
 
00
13.3.2011, 20:35

ist im schwimmbad in Italien auch eine Bermuda als Badehose verboten?

mein Lieblingsverbot in Frankreich.

:-)))

Nur dass das hier auch kontrolliert wird!

Ludovico Settembrini
00
14.3.2011, 20:15

surfshorts waren in 2 turiner baedern kein problem...allerdings war badehaubenpflicht :-)

der_kleine_pariser
 
00
15.3.2011, 21:38

na, das sowieso.

das mit den vielen Verboten scheint sowieso ein problem der romanischen Länder zu sein, ich hab' heute meinen spanischen kollegen gefragt, wie das so bei ihnen ist...

:-)

Poldi Fesch
00
14.3.2011, 11:22
beh

ich leb am Meer, habe also keine Ahnung, was in Baedern erlaubt ist oder nicht

der_kleine_pariser
 
00
14.3.2011, 19:13

gemeinnn :-(

Poldi Fesch
00
14.3.2011, 19:21
:) dafuer hab ich

mit eine Einheimische eingetreten, die keinen Cafè mag und die Berge bevorzugt :))

Poldi Fesch
00
14.3.2011, 19:21
:) dafuer hab ich

mit eine Einheimische eingetreten, die keinen Cafè mag und die Berge bevorzugt :))

der_kleine_pariser
 
00
15.3.2011, 21:39

uh, meine Einheimische mag keinen jambon de bayonne, schon gar nicht dick geschnitten, wenn das Ubu wüsste :-)

jetzt hör' ma aber auf zu trollen...

Poldi Fesch
00
16.3.2011, 17:21

:) mais oui

Bambolina
00
13.3.2011, 17:35
Eines stimmt ...

jedenfalls NICHT - wenn ein Vater als "Brei" bezeichnet wird (oder hat Ihnen caro "Poldo attraente" Ihre Neapoletanerin nicht beigebracht was "Vater" auf italienisch heisst - sicher nicht "pappa"!?)

Poldi Fesch
01
13.3.2011, 17:44
:) ich mach

schon die dt. Rechtsschreibung eher aproximativ. Beim Doppel - P hab ich zwar kurz geschaut, aber dann gedacht, es waere wie bei Mamma

Bambolina
00
13.3.2011, 17:50
Ich glaube...

dass dies nicht der einzige Unterschied zwischen uns ist...0:(

Poldi Fesch
00
13.3.2011, 17:58
na so schlimm ist

Knoblauch nun auch wieder nicht

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