Conrad Seidl über Biertrinker, denen der Sinn für Geschmack abgeht
Was muss das für ein Hungertuch sein, an dem deutsche Dichter nagen? Matthias Politycki, vom Tagesspiegel zum "Grandseigneur unserer Literatur" geadelt und vom Antje-Kunstmann-Verlag als solcher vermarktet, scheint jedenfalls den Geschmack von "alten Feudeln" gut zu kennen. Das sind, für den nicht aus Norddeutschland stammenden Leser, alte Putzfetzen.
Und deren Geschmack kennt er offenbar so gut, dass er ihn in jedem englischen Ale entdeckt. Aufgefallen ist mir das, als ich erwartungsvoll das Hörbuch London für Helden - The Ale Trail ausgepackt habe: Das Coverdesign erinnert stark an das Etikett von Fuller's London Pride, der Inhalt der CD daran, dass Saufen ein Poetenschicksal sein dürfte. Politycki, der den vergangenen Winter als "Writer in Residence" in London verbracht hat, schildert - gelesen von Peter Lohmeyer und unterstützt von Original-Soundfiles aus den besuchten Pubs - eine Sauftour durch den Osten Londons, literarisch verdichtet auf eine Nacht. Er trinkt ein Real Ale ums andere - auf den Geschmack kommt er nie, auch wenn er immer wieder zitiert, was er an Bierbeschreibungen auf Zapfhähnen und Etiketten findet - er hält das alles für Humbug, denn er schmeckt mit einer Ausnahme (Wells Bombardier, in dem er Kerosin wahrzunehmen meint) eben nur alte Feudel. Säuft aber tapfer weiter.
Gut, das ist Dichtkunst. Sie bestätigt aber jene Vorurteile, die Biertrinker pflegen: Fremdes Bier kann nicht gut sein, weil es eben nicht so schmeckt wie daheim. Brauereien (auch englische) weben an diesem Stoff gerne mit, verurteilen alles, was nicht mindestens "regional" oder "lokal" ist, um ihre Trinker auf dem Heimatmarkt zu halten.
Tatsächlich ist es so, dass Biergeschmack ein sogenannter "acquired taste" ist, also ein Geschmacksempfinden, dessen Grundausrichtung durch Gewohnheit geprägt wird und dessen Feinheiten sich nur dem erschließen, der seine Sinne durch häufiges Üben schult - aber das bedeutet eben, dass man der Marke untreu werden muss, was viele Brauereien ungern sehen.
Viele Biertrinker aber halten sich schon allein deswegen für Kenner, weil sie große Mengen (siehe Politycki) zu saufen imstande sind. Und meinen dann, dass Ale nach Feudel schmecke. Was eigentlich nur beurteilen kann, wer regelmäßig am alten Feudel nagt. (Conrad Seidl/Der Standard/rondo/04/03/2011)