Bier im Gerede

Alte Feudel

6. März 2011, 16:58
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    foto: apa/georg hochmuth

    Viele Biertrinker aber halten sich schon allein deswegen für Kenner, weil sie große Mengen zu saufen imstande sind.

Conrad Seidl über Biertrinker, denen der Sinn für Geschmack abgeht

Was muss das für ein Hungertuch sein, an dem deutsche Dichter nagen? Matthias Politycki, vom Tagesspiegel zum "Grandseigneur unserer Literatur" geadelt und vom Antje-Kunstmann-Verlag als solcher vermarktet, scheint jedenfalls den Geschmack von "alten Feudeln" gut zu kennen. Das sind, für den nicht aus Norddeutschland stammenden Leser, alte Putzfetzen.

Und deren Geschmack kennt er offenbar so gut, dass er ihn in jedem englischen Ale entdeckt. Aufgefallen ist mir das, als ich erwartungsvoll das Hörbuch London für Helden - The Ale Trail ausgepackt habe: Das Coverdesign erinnert stark an das Etikett von Fuller's London Pride, der Inhalt der CD daran, dass Saufen ein Poetenschicksal sein dürfte. Politycki, der den vergangenen Winter als "Writer in Residence" in London verbracht hat, schildert - gelesen von Peter Lohmeyer und unterstützt von Original-Soundfiles aus den besuchten Pubs - eine Sauftour durch den Osten Londons, literarisch verdichtet auf eine Nacht. Er trinkt ein Real Ale ums andere - auf den Geschmack kommt er nie, auch wenn er immer wieder zitiert, was er an Bierbeschreibungen auf Zapfhähnen und Etiketten findet - er hält das alles für Humbug, denn er schmeckt mit einer Ausnahme (Wells Bombardier, in dem er Kerosin wahrzunehmen meint) eben nur alte Feudel. Säuft aber tapfer weiter.

Gut, das ist Dichtkunst. Sie bestätigt aber jene Vorurteile, die Biertrinker pflegen: Fremdes Bier kann nicht gut sein, weil es eben nicht so schmeckt wie daheim. Brauereien (auch englische) weben an diesem Stoff gerne mit, verurteilen alles, was nicht mindestens "regional" oder "lokal" ist, um ihre Trinker auf dem Heimatmarkt zu halten.

Tatsächlich ist es so, dass Biergeschmack ein sogenannter "acquired taste" ist, also ein Geschmacksempfinden, dessen Grundausrichtung durch Gewohnheit geprägt wird und dessen Feinheiten sich nur dem erschließen, der seine Sinne durch häufiges Üben schult - aber das bedeutet eben, dass man der Marke untreu werden muss, was viele Brauereien ungern sehen.

Viele Biertrinker aber halten sich schon allein deswegen für Kenner, weil sie große Mengen (siehe Politycki) zu saufen imstande sind. Und meinen dann, dass Ale nach Feudel schmecke. Was eigentlich nur beurteilen kann, wer regelmäßig am alten Feudel nagt. (Conrad Seidl/Der Standard/rondo/04/03/2011)

Kommentar posten
18 Postings
Ludovico Settembrini
01
12.3.2011, 19:44

mein bierwochende besteht aus je einer flasche:

blue frog ipa
brew dog punk ipa

milchbubi
00
10.3.2011, 20:49
Frage an den Bierpapst

Gibt es analog zum Wein auch ausgewählte Bierdüfte die man kaufen kann um seinen Biergeschmak zu trainieren?

Bierpapst
00
11.3.2011, 22:43

Es gibt zwar - vor allem in der Hopfenforschung - einige Anläufe dazu, kommerziell erhältlich ist meines Wissens derzeit nichts

Christoph Karl Steininger
02
Englisches Ale

kann sehr gut sein. Es schmeckt auch nicht nach Fetzen, obschon man schnell einen solchen kriegt. Das liegt an der wenigen Kohlensäure die mir hierzulande meist den Biergenuss verschandelt!
Man trinkt es runter, das Ale, und es ist nicht wie bei Kracherl! Man muß auch nicht alle Ellen lang einen ellenlangen Rülpser rauslassen.
Bei österreichischem Bier muss man häufig das Gas und die Sau rauslassen.
In England burpt es sich zivilisierter. *, excuse me.

Mycroft Holmes
00

Eine Randbemerkung zum Frauentag: "Das schmeckt scheiBe" ist eine typische Männeraussage - Frauen sagen hier viel eher "Das schmeckt mir nicht."
Find ich auch viel legitimer. Ein Produkt generell abzulehnen ist immer eher ein Problem des Schmeckenden, nicht des Geschmacks. Wer Real Ale prinzipiell nicht mag, soll auch nicht drüber urteilen, denn der kennt nämlich eben merkbar nicht aus.

Mycroft Holmes
00

"denn der kennt SICH nämlich eben merkbar nicht aus" muss es natürlich heißen, sorry.

DrBelacqua
80

Nix da. Bier, welcher Art auch immer, trinkt man nicht, sondern schüttet ins WC.

Herbert, reich´ die Scheidung ein!
00

Weiß Ihr Gatte, dass Sie öffentlich so über ihn reden?

Josefine Hörtenhuemer
 
02
Bier ist im Maßen zu genießen.

Und drei, vier Maß davon kännen es schon mal sein.

Gib mir 5 Minuten
02

Ein echter Bierkenner erkennt den guten Geschmack eines Bieres "auch" an der Reizwirkung.

-speib-

Fremdgehen erzeugt den "großen Genuss" daheim .-)

Chief Cohiba
00
Auch ich...

...darf zustimmen; bei mir waren's zwei Jahre in München, wo ich zum Weissbiertrinker bekehrt wurde - davor konnte ich das saure G'schlader nicht leiden. Mittlerweile ist es für mich ein Fest, wieder mal ein Andechser oder gar Unertl zu bekommen!

Und auch bei Altbier hab ich eine Weile gebraucht...

Geh!danke
00
Kleiner Tip

Bestes österr. Weißbier (mit Abstand!) gibts in der kl. Bauernhofbrauerei bei St. Pölten: DUNKELSTEINER BIER

VoK
00

Die brauen auch ein witziges Kürbisbier ein...

Dethomaso
01
Unertl

Ah, ein Kenner!

Chief Cohiba
00
Gibt's das...

...eigentlich wo in Wien?

Oisdern; an Guat'n...

Dethomaso
00

Ich hab das Glück an der bayrischen Grenze zu wohnen und somit aus zig verschiedenen Weißbieren im Getränkemarkt wählen zu können.

clyde barrow
02
danke! vollkommen richtig, herr seidl!

jedesmal, wenn ich nach england fahre, kostet es mich 2-3 pint überwindung, doch dann schmeckt mir das ale, und ich trinke nur mehr das. was auch den vorteil hat, dass einem üblicherweise beistehende, heineken und dergl trinkende engländer ihre bewunderung aussprechen und man interessante interkulturelle gespräche beginnt. so hat bier-, trink- und generell genusskultur eben zu sein.

Johannes99
11
Ich leide wie ein Hund, wenn ich nach Deutschland muss

Ich les sie ja gern, die Seidl-Geschichten, aber ich glaub ihm vieles nicht. Ein Weingenießer kostet auch überall, aber trinken will er nur das, was ihm schmeckt. Ein Fünftel Bier zum Kosten reicht, aber trinken will ich schon eher eine anständige Halbe gegen den Durst.
PS: Wo hat er bloß das Wort "Feudel" ausgegraben. Ah, verstehe, was ein echter Sprachliebhaber ist, kostet sich durch :)

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