"Prinz Charles würde so viel lernen"

3. März 2011, 17:00
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    foto: living architecture

    Als wäre sie in Stanniolpapier eingewickelt: Die "balancierende Scheune" in Suffolk wurde vom niederländischen Architektenbüro MVRDV entworfen.

    (Foto: MVRDV, The Balancing Barn 2010)

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    Das Interieur von "Balancing Barn" dachte sich der Designer Jurgen Bey aus.

    (Foto: Studio Makkink, Bey / MVRDV, Living Architecture)

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    Autor, Philosoph und Bauherr Alain de Botton.

    (Foto: Living Architecture, Vincent Starr)

Alain de Botton baut und vermietet ausgeflippte Ferienhäuser. Warum er den Briten eine Lektion in Sachen modernes Design und Architektur erteilen will, sagt er im Interview

Alain de Botton schreibt Top-Seller über die Liebe, das Reisen oder die Architektur. Jetzt baut und vermietet er ausgeflippte Ferienhäuser und will den Briten eine Lektion in Sachen modernes Design und Architektur erteilen. Michael Hausenblas fragte ihn nach seinen Gründen.

***

STANDARD: Warum haben viele Menschen ein Problem mit moderner Architektur?

Alain de Botton: Ich glaube, dass moderne Architektur sehr oft mit der Kälte und schlechten Qualität von Nachkriegswohnbauten assoziiert wird. Ein weiterer Grund ist die wachsende Nostalgie. Die Welt dreht sich so schnell, dass moderne Bauten oftmals als Symbol für die Schnelllebigkeit herhalten müssen, die wir weder verstehen noch mögen. Es geht also auch um eine Angst vor der Zukunft.

STANDARD: Es gibt das Sprichwort, "Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht". Gilt das auch für moderne Architektur?

de Botton: Ja, wenn man moderne Architektur nicht erkennen oder erfahren kann, ist man möglicherweise irritiert. Ich habe in diesem Zusammenhang vor wenigen Jahren ein Buch geschrieben, dann aber herausgefunden, dass ein Buch über Architektur zu schreiben die eine Sache ist, etwas zu bauen aber eine ganz andere. So entstand dann unsere Non-Profit-Organisation Living Architecture, die Ferienhäuser baut und vermietet.

STANDARD: Was stimmt denn nicht mit all den Cottages im Rosamunde-Pilcher-Stil, den viele Menschen an England so lieben? Mögen Sie diese Häuser nicht?

de Bottton: Ich habe eine richtige Angst vor einer bestimmten Art des altmodischen England. Ich verbinde es mit emotionaler Kälte, wirtschaftlichem Nicht-wissen-was-Tun und reaktionärer Politik. Nein, ich bin kein großer Fan von alten Schiebefenstern und Blümchentapeten.

STANDARD: Nehmen wir Ihr Ferienhaus namens "Balancing Barn", das aussieht wie eine silberne Riesenwippe. Die Architektur stammt vom niederländischen Architektenbüro MVRDV, das Interieur hat Jurgen Bey ausgewählt. Es wird nicht jedem gefallen.

de Botton: Dieses Risiko besteht natürlich immer. Es ist wie bei einem Küchenchef, der lange an einem Gericht herumtüftelt. Wir hoffen, dass die Menschen dieses Haus mögen. Bis jetzt hatten alle Gäste eine gute Zeit dort. Es ist übrigens sehr interessant, in einem Haus zu schlafen, das auf gewisse Art über einen Abhang gleitet. Auf diese Art gleiten wir sonst nur im Flugzeug. Architektur soll uns auch körperlich in Positionen bringen, in denen wir uns und die Umwelt auf eine andere Art erleben können.

STANDARD: Sehen Sie sich als eine Art Lehrer für Architektur und Design?

de Botton: Ich wünsche mir, dass die Leute zu uns kommen und ein wenig umdenken, was die Art der Häuser betrifft, die sie bislang mochten. Es geht in England um ein Anheben der Geschmacksstandards. Wenn man sieht, wie schnell und umfangreich das in Sachen Kochen gelang, kann man optimistisch sein.

STANDARD: Sie wollen also eine Art Jamie Oliver der Architektur und des Designs sein?

de Botton: Absolut. Das wäre ein schöner Titel. Ich liebe Jamie Oliver. Für Architektur das zu bewerkstelligen, was ihm in Sachen Kochen gelang, ist ein tolles Ziel.

STANDARD: Sie meinten einmal, um Geschmäcker zu verändern, muss man Menschen in Situationen bringen, in denen sie sich in ihrem Status quo nicht mehr wohlfühlen. Wie wollen Sie das anstellen?

de Botton: Geschmäcker erzählen uns viel darüber, was Menschen in ihrem Leben vermissen. Menschen, die ihre Wohnzimmer mit Teddybären und Puppen dekorieren, fliehen oft vor etwas sehr Negativem, das ihnen passiert ist. Leute, die weiß gestrichene, leere Räumen bevorzugen, wollen sich vom Gefühl von Chaos und Unordnung fernhalten. Warum also stehen so viele Leute auf Altmodisches? Mit diesem Stil wollen sie sich von dem distanzieren, was ihnen zu viel wird: Technologie, Beton und Hightech. Viele Menschen hassen moderne Architektur, weil sie ihnen nicht dabei hilft, in psychischer Balance zu bleiben.

STANDARD: Und wie gingen Sie die Sache konkret an?

de Botton: Wir wollten die Architekten betreffend eine Mischung aus Toparchitekten und jungen Unbekannten aus verschiedenen Ländern. Unsere Handvoll Häuser sind gewollt sehr verschieden gestaltet. Da ist das "Balancing Barn"-Haus, ein anderes hat vier Stahldächer, ein anderes wirkt wie eine schwarze Schachtel. Abgesehen von den Standorten ist uns wichtig, dass die Menschen Räume vorfinden, die sich von ihren eigenen vier Wänden unterscheiden.

STANDARD: Was denken Sie über die Seele eines Hauses?

de Botton: Schönheit spielt eine große Rolle, wenn es um unsere Stimmungen geht. Wenn wir ein Haus oder einen Sessel schön finden, meinen wir in Wirklichkeit, dass wir sein Wesen mögen. Wenn man das Stück in eine Person verzaubern könnte, würden wir diese gern haben. Es wäre doch bequem, wenn wir unabhängig von unserem Aufenthaltsort in der gleichen Stimmung bleiben würden. Wenn es also keinen Unterschied macht, ob wir uns in einem billigen Motel oder in einem Palast aufhalten. Wie viel Geld könnten wir sparen, wenn wir unsere Häuser nicht renovieren würden! Unglücklicherweise sind wir aber sehr sensibel, was die Signale betrifft, die unsere Umgebungen aussenden. Das hilft bei der Erklärung unserer Leidenschaft für Architektur und Inneneinrichtung. Diese Dinge helfen uns bei der Entscheidung, wer wir sein wollen. Natürlich kann uns die Architektur nicht immer zu zufriedenen Menschen machen. Man könnte es auch mit dem Wetter vergleichen. Ein sonniger Tag kann unsere Stimmung heben, und fast alle Leute würden gern in sonnigen Gefilden leben. Aber unter der Last großer Probleme kann weder der blaueste Himmel noch das großartigste Gebäude ein Lächeln in unser Gesicht zaubern.

STANDARD: Kennen Sie ein Gebäude, das einem perfekten Haus nahekommt?

de Botton: Mein perfektes Haus ist das Steinhaus von Herzog & de Meuron in Tavole.

STANDARD: Ein perfektes Möbel?

de Botton: Ich verehre die Sessel des schweizerischen Unternehmens Horgen Glarus.

STANDARD: Was halten Sie von der österreichischen zeitgenössischen Architektur?

de Botton: Ich liebe viele österreichische Architekten. Einige von ihnen stammen aus Vorarlberg. Meine Favoriten sind Marte.Marte. Wir würden sie gern auch bei Living Architecture dabei haben.

STANDARD: Was ist der Unterschied zwischen Österreich und England in Sachen moderner Architektur?

de Botton: Österreich akzeptiert diesbezüglich die Gegenwart. Es steckt nicht in irgendeiner ländlichen Fantasie vom Leben vor 200 Jahren fest. Gott sei Dank!

STANDARD: Auch der Schweizer Stararchitekt Peter Zumthor ist nun mit an Bord und entwirft ein Haus für Living Architecture in Devon. Wie reagierte er auf Ihre Einladung?

de Botton: Zumthor hat in seinem Leben nur eine Handvoll Dinge gebaut. Er hat zugesagt, weil er Respekt hatte vor dem, was wir da tun. Und weil wir ihm sagten, wie sehr wir seine Arbeit schätzen. Mit ihm zu arbeiten ist eine reine Freude, und sein Haus wird bestimmt ein Meisterstück moderner Architektur werden.

STANDARD: Die Mietpreise der Living-Architecture-Häuser sind nicht gerade Schnäppchen. Sie kosten mehr als 1400 Euro pro Woche. Menschen mit schmaler Börse werden also weniger über moderne Architektur lernen können.

de Botton: Die Preise sind sehr vernünftig. Wenn man das Haus mit mehreren Leuten mietet, kommt man pro Nase auf circa 25 Euro pro Nacht. Das ist doch demokratische Architektur - absolut leistbar.

STANDARD: Sie sagten einmal, der Unterschied zwischen einem Ferienhaus und einem Hauptwohnsitz sei wie der zwischen einer Affäre und der Ehe.

de Botton: Ferienhäuser können es sich leisten, total durchdesignt zu sein. Dinge können einfach dort sein, nur weil sie gut aussehen. Es muss nicht so praktisch sein. Im Alltag ist es so, dass man viel zu viel Krimskrams anhäuft, den man auch noch verstauen muss.

STANDARD: Angeblich haben Sie Prince Charles eingeladen, einige Tage in einem Ihrer Häuser zu verbringen. Es ist bekannt, dass er nicht als großer Fan moderner Architektur gilt.

de Botton: Ich glaube nicht, dass er kommen wird. Aber er sollte, er würde so viel lernen.

STANDARD: Vielleicht wäre Ihre Silberwippe perfekt für die Flitterwochen von Prinz William und Kate?

de Botton: Aber sicher. Die nächste Generation in England wird modernes Design bestimmt sehr mögen. Vielleicht auch ein bisschen wegen Living Architecture. (DER STANDARD, Rondo, 4.3.2011)

ALAIN DE BOTTON wurde 1969 in Zürich geboren. Er studierte Philosophie und lebt heute in London. In seinen Büchern behandelt er Alltagsthemen und verknüpft seine Betrachtungen mit den Gedanken von Philosophen und Künstlern. Sein Stil wird gern als "Philosophie für den Alltag" bezeichnet. Bekannt wurde de Botton vor allem für seine Bücher "Versuch über die Liebe", "Die Kunst des Reisens", "Glück und Architektur" oder "A week at the airport. A Heathrow Diary". De Botton publiziert regelmäßig in britischen Zeitungen und arbeitete an zahlreichen TV-Dokumentationen mit. Bisher sind drei Häuser von Living Architecture buchbar. Weitere drei Gebäude sind im Entstehen.

Links

www.alaindebotton.com

www.living-architecture.co.uk

Kommentar posten
16 Postings
Adolf Ogi
02
Prinz Charles

ist ein großer Bewunderer der Architektur und gibt zB Unsummen für den Erhalt alter Burgen, Kirchen und auch bäuerlicher Dörfer in Rumänien aus, die bei uns vollkommen unbekannt sind. Nur für diese austauschbare Quadratschachtel-Glasfassaden-Architektur, die sich modern nennt, interessiert er sich nicht.

Compound Interest Is Usury
12
wirtschaftlich nicht wissen was tun?

Also gerade in der Georgian und Victorian era hat sich Britannien zur weltmacht aufgeschwungen. Wer hat Australien, Kanada, die 13 Kolonien der USA und sogar Neuseeland besiedelt? wer hat die industrialisierung eingeleitet? wer hat zwischen stockton und darlington die erste eisenbahn fahren lassen? aus dieser frühen gründerzeit stammen auch die meisten gebäude.

sie haben keine ahnung von britischer geschichte und verzapfen unglaublichen schwachsinn, wie die meisten architekten. nichteinmal die vorzüge von sash windows (schiebefenster mit seilzuggegengewicht) erkennen sie. no can do - sie werden in england keine chance haben.

jun...the rat
00

wenn ich mich bemüh, schaff ichs glaub ich auch sachen falsch zu verstehn. mir hilft dabei vorallem wenn ich mir vorstell jemand greift mich mit seiner aussage persönlich an. aber warum erzähl ich das ihnen- sie wissen ja eh wovon ich rede ;)

Lilith Boessse
 
00
ist das foto in den privaträumlichkeiten von herrn botton gemacht?

a bißl sehr kühl!

gaisbock
00

Ach, was sind das für Schnösel.

BK W. Shoyssel
02
Teletubbie's Barn

so schaut's aus.

Igor Gassner
01
Das Haus

im Bild oben erinnert mich an die Sauställe meiner Kindheit uind damit ist es für mich als zukunftsfähiges Haus schon gestorben. Wieso soll nach der gesamten Entwicklung der menschlichen Kultur der Höhepunkt dieser Kultur ein silbener Saustall sein ?

jun...the rat
00

weil die menschen schweinderl sind. silberne nach außenhin moderne aufgeklärte schweinderl :)

Igor Gassner
02
Also der Ringstraßenbaustiel war nicht gerade

eine tolle Architektur, dennoch seit 100 Jahren versuchen uns Designer einzureden das Schiach gleich modern ist. Schiach ist aber nur Schiach wie fuktionell es auch immer sein mag.

Elegantestes Conversations-Lexicon für alle Stände
12

Moderne Architektur muss nicht hässlich sein. Allerdings muss sie auch nicht funktional sein.

Und da liegt neben "Kälte und schlechten Qualität von Nachkriegswohnbauten" das zweite Problem: Viel moderne Architektur ist hässlich UND unfunktional. Dass diese Kombination unpopulär ist überrascht nur manche Architekten....

Compound Interest Is Usury
26
vergiß es

ein großteil des englischen gebäudebestandes ist victorian, also vor 1904 entstanden:

http://www.eriding.net/media/pho... ith115.jpg

aber auch georgian properties (1780-1840) sind nicht selten:

http://www.findaproperty.com/displayst... oryid=8201

durch die kluge raumaufteilung und die hohe qualität der ziegel sind diese häuser auch heute noch in gebrauch. durch den hohen anteil an handarbeit der holzverzierungen und vertäfelungen haben diese häuser charme. warum sollte man sie durch die heiße luft der selbsternannten wohnphilosophen (architekten) ersetzen?

gucky
31
Weil diese Häuser mit ein Grund sind, warum

das typische britische Einfamilienhaus einen durchschnittlichen Energiebedarf von 1400 kWh/m² und Jahr hat?

Compound Interest Is Usury
12
sie müssen ja nicht heizen

wie lange steht eine österreichische nachkriegszeitbude? 40jahre.

bei den englischen häusern wird die herstellungsenergie aber auf bis zu 250 jahre aufgeteilt. durch die hohe baudichte wird der zersiedelung vorgebeugt (land ist in england knapp) und man ist nicht auf das auto angewiesen. was nutzt ein passivhaus wenn es 15km vom nächsten supermarkt entfernt liegt. in england ist am ende jeder häuserzeile ein cornershop der zu fuß erreichbar ist.

sehen sie sich dieses energetische elendsviertel an:
http://www.ritcheyfamily.com/blog/wp-c... .arp_.jpeg

das kann in sachen eleganz natürlich nicht mit einer niedrigenergieschuhschachtel mithalten.

Raubmordkopierer
42

Ganz ehrlich, aber wenn ich mir aussuchen kann ob ich in ihren Beispielen oder in dem aus dem Artikel wohnen möchte, ich würde mich sofort für dass aus dem Artikel entscheiden.

Compound Interest Is Usury
01
sie sind kein brite

und verstehen sie auch nicht

Sarang He
04
Prinz Charles hat doch nichts gegen moderne gute Architektur

davon gibt´s halt nur zuwenig ;)

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