New York ist das neue Berlin - Franz war das letzte Mal in der Stadt, als die Twin Towers noch standen und das Nichtrauchen gerade erst erfunden wurde
New York ist das neue Berlin. Franz war das letzte Mal in der Stadt, als die Twin Towers noch standen und das Nichtrauchen gerade erst erfunden wurde. Damals zogen die ersten trendbewussten jungen Leute aus Manhattan rüber nach Brooklyn. Das war angenehm, weil Downtown die Clubs nicht mehr so verstopft mit zugereisten Einheimischen waren. Heute wohnt die sich aus Russen, Japanern, texanischen Tänzerinnen namens Sherryl-Lynn, Vertretern der Minimal-Techno-Szene und Webdesignern zusammensetzende Weltjugend längst geschlossen in Berlin. Das lässt in Manhattan mehr Raum für die Touristen, deutsche Supermodels, den zügigen Ausbau von Chinatown, die Wochenendaktion "New Jersey grüßt den Big Apple" sowie Bioläden und Flagship-Hütten, die sich von Kreditkarten ernähren.
Die Pastrami-Sandwiches bei Katz's schmecken nach wie vor vorzüglich. Daneben auf der abgefuckten Houston Street steht eine Riesenfiliale von American Apparel. Die Taxifahrer sind jenen aus Wien mindestens ebenbürtig. Wenn man vom Times Square mit einem Yellow Cab nach Little Italy will, kann man froh sein, wenn man in der Bowery aus dem Wagen geschnauzt wird und nur noch 15 Minuten hatschen muss. Man kann am Vormittag abendessen und um Mitternacht shoppen. Der Wind pfeift so kalt wie am Prenzlauer Berg. Schön anziehen muss man sich nicht. Die Männer laufen wie Werftarbeiter herum, die Frauen so, als ob sie einen Köpfler in ein Caritas-Lager gemacht hätten. Mit fünf Kilo mehr Gepäck flog Franz drei Tage später nach Hause. (Christian Schachinger, Rondo, DER STANDARD, 04.03.2011)