Pistole im Gepäck

18. Februar 2011, 17:15
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Die erotische Kunst des Burlesque-Tanzes erfreut sich international steigender Beliebtheit - Nun ist er auch in den Wiener Clubs angekommen

An einem, so Kathrin Pfeiffer alias Kathi-Katze alias La veuve noire, gebe es beim Burlesque-Tanz nichts herumzudeuteln: "Die Tänzerinnen sind am Ende eines Auftritts mehr oder weniger nackt."

Die Wienerin tritt regelmäßig als La veuve noire bei vor allem in der Bundeshauptstadt derzeit im Trend liegenden Burlesque-Partys auf. "Burlesque", die züchtigere und humorvollere Variante des Striptease, erfreut sich nicht erst seit dem gleichnamigen Kino-Flop von Christina Aguilera und Cher steigender Beliebtheit. Der vor allem in den USA bis herauf in die 1960er-Jahre populäre Showstil, in dem heute sehnsuchtsvoll auf vergangene Zeiten zurückgeblickt wird, in denen die Mode noch schnittiger und die weiblichen Formen noch runder sein durften, hatte sein internationales Comeback schon vor rund zehn Jahren. Mit der US-amerikanischen Tänzerin Dita Von Teese, seit wenigen Jahren aber auch mit der international zunehmend erfolgreicher agierenden heimischen Modemacherin Lena Hoschek zog er von den Underground-Clubs und einem vor allem musikalischen Hintergrund zwischen "Suicide Girls", Tattoo-Szene, Punk, Neo-Swing und Rockabilly während der letzten Jahre breite Kreise.

Was in Berlin laut Antonia Gruber mittlerweile derart ins Kraut schießt, dass in der Stadt ein echter Konkurrenzkampf zwischen einschlägigen Clubbing-Betreibern und hunderten Tänzerinnen entstanden ist, läuft in Wien derzeit noch erfreulich hobbymäßig ab. Die 28-jährige Gruber veranstaltet regelmäßig in der Roten Bar des Volkstheaters und im Wiener Naschmarkt-Club Market den "Cirque Rouge" und die "Black Garter Lounge". Ab März expandiert sie dann mit der 20er- und 30er-Jahre-Dresscode-Nacht "The Big Speakeasy" auch noch ins Wiener Kinsky.

Die Liebe zur Selbstinszenierung

Neben Gruber oder den Betreiberinnen des nicht wirklich innig befreundeten monatlichen "Cotton Candy Club" im Lokal Wirr ist die heimische Szene zwar noch klein. Dank der Tatsache, dass es sich hierbei aber um Veranstaltungen handelt, die zu gut 70 Prozent von Frauen frequentiert werden, die ihren Spaß an aufwändigen, vielfach auch selbstgenähten Abendroben und Musik aus der Rock-'n'-Roll- und Swing-Ära haben, kommen auch vermehrt Männer zu den Burlesque-Partys. Gruber: "Es spricht sich bei den Männern ja dann relativ schnell herum, dass man in einem Anzug besser auf die Mädels wirkt als in einem Humana-Anorak."

Die Liebe zum Verkleiden, nein, zur Selbstinszenierung sorgt dabei laut Kathrin Pfeiffer dann auch auf der Bühne der Burlesque-Clubbings für ein breites Spektrum. "Abgesehen von den klassischen Fächer- und Federboatänzen, die eigentlich bei jeder Burlesque-Show dabei sind, bekommt man es dabei sehr oft auch mit ganz trivialen Problemen zu tun, wie der Aufgabe, durchsichtige Badewannen oder überdimensionierte Teetassen als Bühnen-Accessoires über enge Kellerstiegen hinunter in die Clubs zu bringen." "Ich selbst", so Kathi-Katze alias Kathrin Pfeiffer weiter, habe es bei meinen Auftritten eher mit Waffen. Was mich am Flughafen schon manchmal in komische Situationen gebracht hat, weil beim Einchecken eine Spielzeugpistole ja nicht immer gleich als harmlos erkannt wird."

Wie weit eine Burlesque-Tänzerin bei ihrem Auftritt geht, differiert ebenso stark wie die Bühnenkostüme, die oft nicht nur als nostalgischer Gruß an Ausziehmode der 1950er-Jahre entworfen werden. Man muss auch darauf achten, so Pfeiffer, "dass man sich auf der Bühne nicht würdelos verrenken muss, um aus den Kleidern zu kommen". Ein Nähmaschinenführerschein empfiehlt sich in der Szene auf jeden Fall. Mit zumindest selbstentworfenen Kostümen genieße man in der Szene eine ungleich höhere Achtung als mit von der Stange der Erotik-Shops gekauftem Fummel.

Lasziv und humorvolles Augenzwinkern

Die einzelnen Auftritte der Frauen - und Männer - dauern in der Regel zwischen fünf und zehn Minuten . Wichtig, so Antonia Gruber alias Tigalily, sei auf jeden Fall, "dass während des Auftritts eine Geschichte erzählt und mit dem Publikum kommuniziert wird". Ob man die Shows dann eher derb Richtung Erotikmesse und Tattoo-Convention anlegt und mitunter alle Hüllen fallen lässt oder das Höschen anbehält und die Brustwarzen bedeckt hält, macht Burlesque- beziehungsweise Neo-Burlesque-Abende letztlich spannend. Wobei sich das Laszive und das humorvolle Augenzwinkern günstigerweise ergänzen.

Gruber und Pfeiffer, Letztere betreibt auch einen Online-Shop für Erwachsenenspielzeug, der sich auf Deutsch "Der kleine Tod" nennt, veranstalten regelmäßig am Wochenende Burlesque-Workshops zu den Themen "Vintage Hair" oder "Make-up" mit den Themenschwerpunkten 20er-, 30er-, 40er- und 50er-Jahre. Der Zulauf sei jedenfalls enorm. Gruber: "Es kommen Studentinnen, Akademikerinnen, sehr junge Frauen und auch reifere Kundschaft an die Fünfzig. Viele wollen ihren Freund beeindrucken, die meisten Spaß an ihrer Weiblichkeit haben. Der weißblondierte Typ mit der Bräune aus dem Sonnenstudio ist allerdings so gut wie gar nicht vertreten. In unserer Szene treffen sich eher die Leute, die es nicht so gern haben, wenn sie Sonnenbrand bekommen." (Christian Schachinger/Der Standard/rondo/18/02/2011)

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    Die wohl bekannteste Burlesque-Tänzerin Dita Von Teese.

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