Unter Wasser

11. Februar 2011, 17:32
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Wie kommt der Gärtner im Winter auf seine Rechnung? Zum Beispiel mit einem Pflanzenaquarium - Gregor Fauma erklärt, warum

Mit Gartenarbeiten verbindet man in unseren Breiten Tätigkeiten im Freien. Wem diese sieben Monate zu wenig sind, der befriedigt seinen Grüntrieb mit Zimmerpflanzen. Meine Sache ist das nicht. Zimmerpflanzen haben auf mich immer so eine künstliche Ausstrahlung und wirken oft deplaziert. Das muss nicht sein. Denn es gibt eine weitere, kaum beachtete Möglichkeit, auch in den Wintermonaten den grünen Daumen zu betätigen. Ich spreche von einem Aquarium. Ein Aquarium muss nicht zwingend mit "everything cold and slimy" besetzt sein. In den Niederlanden haben Pflanzenaquarien eine große Tradition.

Die Tätigkeiten sind dem Garteln im Freien ähnlich. Man trägt Sorge um das Substrat, lichtet zu dichte Pflanzenbestände aus, kappt Triebspitzen, düngt, achtet auf die entsprechende Menge Licht und kann seiner Kreativität und Kontemplation freien Lauf lassen. Mit viel Fingerspitzengefühl, ausreichend Düngemittel oder teurer Technik kann man echte Prachtgärten unter Wasser zum Strahlen bringen. Und es ist dieses Strahlen, das den Unterwassergarten vom Überwassergarten unterscheidet. Die bewegte Wasseroberfläche bricht ständig das Licht und lässt Schatten über die Pflanzen tanzen. Gleichzeitig wiegen sich die weichen, nicht verholzenden Triebe und Blätter in der Strömung und verleihen dem Raum eine ganz spezielle Stimmung. Kleinste Luftbläschen bewegen sich unter Wasser wie Schneeflocken über - und blitzen wie Kristalle für Augenblicke auf. Ein typisches Pflanzenaquarium beginnt im Vordergrund mit einem schönen Substrat, zum Beispiel hellem Sand. 

Eine schöne Farbbandbreite

Dahinter folgen lichthungrige Bodendecker, die meist von einem unglaublich zarten Grün sind und sehr kleine Blätter austreiben. Dunkelgrüne Moose können Rasen bilden und alte Hölzer und schön marmorierte Kiesel überwachsen. Je strukturierter der Vordergrund ist, desto größer, tiefer und spannender wirkt selbst ein kleines 45-Liter-Aquarium. Im Mittelgrund ist Platz für halbhohe Pflanzen, deren Blätter eine schöne Farbbandbreite vorweisen können. Von einem tiefen Rot eines Tigerlotus bis hin zum giftigsten Grün geschraubter Vallisnerien reicht die Palette. Die Blattformen sind ebenso vielfältig wie bei den Landpflanzen, gefiedert, rund, spitz, lanzettförmig ... dem Gärtner stehen unendlich viele Möglichkeiten zur individuellen Gestaltung zur Verfügung.

Im Hintergrund drängen sich meist streng aufrecht stehende, über das Wasser ragende Vertreter, um die sich an der Oberfläche treibende Wasserlinsen sammeln. Die Wasserlinse birgt übrigens die kleinste Blüte im gesamten Pflanzenreich, falls dieses Wissen a) wen interessiert oder b) noch gilt. Ein langsam durchströmtes, sachte wogendes Pflanzenaquarium hat eine ungemein beruhigende Wirkung. Der schönste Effekt ist jedoch das Licht, welches im jeweiligen Raum eine ganz spezielle, durch keine Lampe der Welt erzielbare Atmosphäre erzeugt. Und wer jetzt fünf bis sieben kleinste, dezente Fische, aber bitte nur einer Art, in das Becken setzt, hebt die Gesamtwirkung noch einmal deutlich. Leisten Sie sich eine Handvoll bunter Garnelen, und sie werden den Fernseher nur noch für Gartensendungen aufdrehen. Nichts erzeugt so viel inneren Frieden wie das Beobachten eines scheinbar in sich ruhenden, aber trotzdem dynamischen Ökosystems. (Gregor Fauma/Der Standard/rondo/11/02/2011)

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    Es ist dieses Strahlen, das den Unterwassergarten vom Überwassergarten unterscheidet.

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