Meisenknödelglatze

4. Februar 2011, 17:31
4 Postings

Da die kalte Jahreszeit botanisch wenig zu bieten hat, wendet Gregor Fauma das Auge den lieben Vöglein zu - und muss dafür büßen

Als überzeugter Städter wohne ich nach wie vor in einem gemieteten Hinterhaus innert eines gewaltigen Hofsystems in Hernals. Wie es sich für ein anständiges Stadthäuschen gehört, ist ein über den Hof begehbarer Schuppen daran angeschlossen. Waschmaschine, Werkzeuge, Flaschenweine und andere Lebensmittel werden darin verstaut. Da nun die grausliche Jahreszeit botanisch wenig zu bieten hat, empfiehlt es sich, auf andere belebte Systeme zu wechseln: die Tiere. Gerade die Vogerln bieten da genug Projektionsfläche.

Während sie im Sommer gut getarnt und vom Laub versteckt fast ausschließlich akustisch wahrzunehmen sind, bevölkern sie im Winter gut sichtbar den verwaisten Innenhof, stets auf der Suche nach Fressbarem. Altersmilde und gütig habe ich auch rechtzeitig beim Baumarkt Vogelfutter besorgt. Kohlmeisen und Grünfinken vollführen vor dem Wohnzimmerfenster ihre Tanz und picken sich einerseits Körner aus den aufgehängten Knödeln und andererseits gegenseitig die Augen aus. Das Aufhängen der Meisenknödel möchte bedacht ausfallen. Die Futterknödel- und Stangen sollten so angebracht werden, dass die Tiere diese von einem Zweig aus bepicken können, denn im Flug falle ihnen das schwer, wie sie mir voriges Jahr eindeutig mitteilten. Weiters sollte gute Sicht vom Sofa aus gewährleistet sein.

Kohlmeise mit Knödelfülle

Hängt man die Knödel nicht ausreichend hoch auf, so erlebt man mitunter, wie Nachbars Katze diesen Futterplatz ebenfalls für sich in Anspruch nimmt. Kohlmeise mit Knödelfülle gehört zu ihren Lieblingsspeisen. Alle diese Ansprüche an einen optimalen Futterplatz erfüllt bei mir die Lichterkette, die quer über den Hof gespannt ist. Sie ist von meiner Lieblingswaldrebe "Marjorie" dicht überrankt, hängt schön hoch, bietet den Gefiederten Sitzplätze und lässt sich bequem vom Sofa aus beobachten. Die Clematis monatana "Marjorie" ist aber nicht nur meisenknödelaufhängetechnisch eine wunderbare Pflanze, sondern besticht ab März durch immens schnelles Wachstum, hübsches Laub und entzückend schöne, altmodisch pastellfarbene Blüten. Ihre stille Schlichtheit ist ein angenehmer Kontrapunkt in sonst zu lauten Gärten.

Der häufigste Gast am Futterplatz ist die Kohlmeise Parvus major. Ernährt sie sich in der warmen Jahreszeit von Insekten und deren Larven, so ist sie sich im Winter als fakultativer Vegetarier nicht zu gut, auf das zurückzugreifen, was man ihr anbietet: Nüsse, Kerne und Samen, fest in einen fetten Kloß gedrückt und in einem Netz an Pflanzen oder ähnlichem befestigt. Aus Ungarn und Polen wird sogar berichtet, dass sie auch Fledermäuse aus ihren Verstecken ziehen würden, diese erlegten und verspeisten. Mag sein. Mir ist alles recht, ich nehme sogar die Glatze in Kauf, die sie mir bescheren. Denn wenn es mir abends nach Wein gelüstet, muss ich erst durch den stock- dunklen Hof zum Schuppen tappen und dabei unter der Lichterkette hindurchgehen, auf welcher die Meisenknödel hängen. Na wenigstens ein Mal wäre ich gerne durchgekommen, ohne mir einen Knödel durch das eh schon schüttere Haupthaar zu ziehen. Abgesehen von den unappetitlichen Körndlresten in den Haaren ist dort mittlerweile ein kahler Streifen entstanden, die Meisenknödelglatze. Ich sollte weniger trinken. (Gregor Fauma/Der Standard/rondo/04/02/2011)

  • An der Lichterkette mitsamt der Waldrebe Marjorie labt sich die Meise am Futterknödel. So soll es sein.
    foto: gregor fauma

    An der Lichterkette mitsamt der Waldrebe Marjorie labt sich die Meise am Futterknödel. So soll es sein.

Share if you care.