Auf jeden Fall praecox

30. Jänner 2011, 19:03
  • Artikelbild
    foto: paula cremer

    Wenn die Natur besonders gemein sein will, dann schickt sie uns mitten im Winter ein paar ungewöhnlich warme Tage.

Dass es vergangene Woche kurz und frühlingshaft warm war, hatte auf Gregor Fauma ganz und gar nicht den erhofften Effekt

Vorfreude sei die schönste Freude, besagt eine Volksweisheit. Abgesehen davon, dass Völkisches mir immer ein wenig unheimlich ist, halte ich gartentechnisch so rein gar nichts von Stimmungsappetizern.

Mitte Jänner, wer erinnert sich, hatte das Wetter für uns drei Tage Frühling im Programm. Für den Otto Normalsapiens bedeutet das, dass er seine schicksten Sonnenbrillen wieder hervorkramt, die schweren Winterbock gegen leichte Schlüpfer tauscht und im Wettrennen um einen Platz an der Sonne im angesagtesten Gastgarten besteht. Lässig in der Sonne lümmelnd greifen selbst sekundäre Nichtraucher unter Einfluss von leichten alkoholischen Getränken wieder zur Tschick und erfreuen sich diskret hinter ihren Sunshades am aufgemascherlten anderen oder auch gleichen Geschlecht.

In den Zeitgeistblättern werden die besten Flirttipps von szenisch heißen Bildern umrahmt, und Präservativerzeuger bringen saisonale Produktlinien auf den Markt, mit Namen wie "Sunbreeze", "Early Morning Amselschrei" und "avec Primeldüft".

Testosterongesteuerte Amselmännchen

Während es in diesen Fällen doch meist bei der gelebten Vorfreude bleibt, wirken sich solche Tage für mich Laiengärtner doch ganz anders aus. Wenn im Morgengrauen testosterongesteuerte Amselmännchen ihre Lieder anstimmen, wenn Meisen ihre kurzen Rufe in die Milde des Nachmittags setzen, dann ist es so weit, dann beginnen uralte, angeborene Verhaltensmechanismen ihr ewiges Spiel aufs Neue ... (so würde das in einer Universum-Folge von Otto Clemens sonor gelesen werden).

So schnell kann ich gar nicht schauen, beginnen meine Hände auch schon in ruhigen, gezielt gesetzten Bewegungen altes Laub aus den Beeten zu räumen, die Augen rastern die aufgetaute, freigelegte Krume nach grünen Triebspitzen ab und kontrollieren beinah winterfeste Pflanzen auf gesunde, dick geschwollene Augen.

Die im Stiegenhaus geparkten Pflanzen bekommen ein Wasserbad, die Fensterbretter werden vorsorglich abgekehrt, und in stillem Vergnügen bohre ich gedankenverloren im Kompost. Ich sehe in Mauerschlitzen Mäuse flitzen, Schneckengelege im gleißenden Licht glitzern und wünsche den Krähen einen guten Flug.

Gemeinheit der Natur

Endlich geht es wieder los! Vorfreude ist die schönste Freude. Schmeck's. Nichts geht los. Dieses kurze Aufflackern, dieses momentaufnahmenhafte Locken, das verheißungsvolle, warme Licht, die Primeln um einsfünfzig - all das ist nur eine Gemeinheit der Natur und am besten mit absoluter Ignoranz zu strafen.

Von wegen Vorfreude, mitten im Jänner. Wir Gartler und Gärtnerinnen wissen nur zu gut, dass die wirklich gräuliche Periode, die das Land in ihren grauen, lichtlosen Würgegriff nimmt, erst vor uns liegt.

Was helfen uns die paar schönen Stunden mit unseren stummen Freunden, wenn wir wissen, dass die wahre Prüfung noch vor uns liegt? Natürlich, man kann sich mit Gartenbüchern über die Zeit retten - doch gute Gartenbücher hat man bereits, oder es gibt sie nicht. Man kann in Bau- oder Supermärkten die drehbaren Samenpäckchenständer einige Male auf Neuheiten, Raritäten oder andere USPs kontrollieren, doch auch das will Ende Jänner nicht wirklich erfüllen. In Wahrheit sind solche kurzen Lichtblicke keine Vorfreude, sondern ein Vorfrust. Ein Vorfrust auf die noch vor uns liegenden Tage der Dunkelheit, Kälte und Dauernässe. (Gregor Fauma/Der Standard/rondo/28/01/2011)

  • Fauma & Flora

    Lass es brummen! [31]

    TitelbildBienen sind en vogue - Das Halten und Pflegen eines Bienenstocks ist ein Trend, der aus den USA kommt - Wer es nicht ernst meint: Hände weg!

  • Fauma & Flora

    Strebergärten [1]

    TitelbildDas außergewöhnliches Gartenbuch von Georg Grabherr und Lois Lammerhuber animiert zum Strebertum beim Garteln

  • Fauma & Flora

    Heilende Halme [11]

    TitelbildGräser sind einfach da und fordern nichts - Warum das gerade jetzt richtig ist

  • Fauma & Flora

    Pfui, Spinne! [31]

    TitelbildWarum Ameisen und andere Krabbeltiere interessant und hilfreich sind

  • Fauma & Flora

    Großes Glücksspiel [6]

    TitelbildDie Pflanzen stressen den Gärtner: Die eingewinterten Pflanzen drängt es ans Tageslicht, was strategisches Vorgehen erfordert

  • Fauma & Flora

    Ode ans Unkraut [8]

    TitelbildJetzt beginnt das Rätselraten, was da Knospen treibt: Warum auch der Warzige Krähenfuß und der garstige Eiterzahn ihr Gutes haben

  • Fauma & Flora

    Waschen, schneiden, hinlegen [32]

    TitelbildAm Beginn der neuen Saison muss der Garten erst wieder in Fasson gebracht werden - Den Beginn macht das Schleppen der Erdsäcke

  • Fauma und Flora

    Der Garten als Labor [1]

    TitelbildEin Wettbewerb regt zum Gespräch über den privaten Garten als Handlungsfreiraum ein

  • Fauma & Flora

    Zwischenbilanz [22]

    TitelbildNach einem Jahr im neuen Garten gilt es die Quote der Pflanzen festzustellen, die den kalten Februar tatsächlich überlebt haben

  • Fauma & Flora

    Brokkoli als Mediator [4]

    TitelbildGedanklich ist es schon so gut wie fertig, das neue Gemüsebeet im Garten - Ein Hochbeet muss her in der Saison 2012, so viel ist sicher

  • Fauma & Flora

    Grünkohl: Eisig-süßer Genuss [13]

    TitelbildErhöhen Pflanzen die Konzentration ihrer Zellflüssigkeiten, sinkt der Gefrierpunkt - Das weiß der Grünkohl

  • Fauma & Flora

    Apfel statt Eibe [59]

    TitelbildBeserlparks zu Obstgärten, Kanalfluren zu Gemüsebeeten und überhaupt mehr Essbares statt Stachelgrün - das wünscht Gregor Fauma sich von der Stadt

  • Fauma & Flora

    Überraschung! [20]

    TitelbildDer Ritterstern läuft so manchen Erwartungen zuwider und blüht vor dem Wachstum

  • Fauma & Flora

    Schnupfen ade! [35]

    TitelbildÜber die Kraft der Kräuterhexen und ihre Heilmittel aus dem Garten räsoniert Gregor Fauma

  • Fauma & Flora

    Vollmond [30]

    TitelbildMit der Spezies der sogenannten Mondgartler und ihrem Ratgeber am Firmament beschäftigt sich Gregor Fauma

  • Fauma & Flora

    Trumpfkartenniveau [4]

    TitelbildJunggärtner meinen schnell einmal, mehr zu wissen, als den Tatsachen entspricht. Gregor Fauma erklärt, warum er der Jeunesse jardinière dennoch mit Nachsicht begegnet

  • Fauma & Flora

    Der Garten gibt keine Ruh [8]

    TitelbildDie dräuende Vergänglichkeit so deutlich zu spüren gehört zu den Höhepunkten im Gartenjahr

  • Fauma & Flora

    Was läuten hören [2]

    TitelbildMehrjährigkeit, schier endlos dauernde Blühdauer von Mai bis September und Schattenverträglichkeit sprechen für die Glockenblume

  • Fauma & Flora

    Grabenkämpfe [9]

    TitelbildJetzt ist es Zeit, den Boden für das Frühjahr zu bereiten - Vor dem Umgraben muss noch aufgeräumt werden, meint Gregor Fauma

  • Fauma & Flora

    Beziehungsarbeit [5]

    TitelbildWarum Rollrasen gestandene Gartler ganz unglücklich macht, erklärt Gregor Fauma

  • Fauma & Flora

    Herbstzeitlose: Tödlich schön [20]

    TitelbildEin entzückender Vorbote des Winters ist die Herbstzeitlose, sie hat aber auch ihre Tücken, berichtet Gregor Fauma

  • Fauma & Flora

    Entwurzelt [30]

    TitelbildDer Umzug ins Winterquartier ist für alle Pflanzerln und ihren Gärtner kein Vergnügen - Und eine neue Hecke muss auch noch her, klagt Gregor Fauma

  • Fauma & Flora

    Grobe Arbeiten [2]

    TitelbildSaisonal bedingt stehen Tätigkeiten im Garten an, die Schweiß, Schmerzen und Schadenfreude mit sich bringen, meint Gregor Fauma

  • Fauma & Flora

    Torschlusspanik [13]

    TitelbildWenn es herbstelt, werfen sich die Pflanzen noch einmal mächtig in Schale - Das kostet sie Substanz, die sie in Form von Dünger wieder bekommen sollten

  • Fauma & Flora

    Expertenklimax [5]

    TitelbildNicht nur in Großbritannien wird die Vereinsmeierei um den Garten zu edler Blüte gebracht, berichtet Gregor Fauma

Hyla Arborea
01
31.1.2011, 16:51

...damit erklärt sich, natürlich gröbst vereinfacht dargestellt, aber auch selbstredend, warum man zu dieser Jahreszeit so vielen Zwiderwurzen in unseren Breiten begegnet; die Südlichen sind ja sowieso fein raus und außer Konkurrenz, die bedauernswerten Nördlichen in dauerdunkler Depression oder dem Suff ergeben...uns allerdings wird klimatisch in Permanenz die Hoffnung versaut....das ist die echte Klimakatastrophe!

Doktor Leid
11
31.1.2011, 16:28
Lasset den Herrn F. doch über etwas schreiben, von dem er was versteht. Bitte!

rompitasche
00
31.1.2011, 12:38
DER Tschik

Zentner
00

nimmer, heute ist es die Tschick

Gregor Fauma1
 
00
31.1.2011, 17:27
stimmt.

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.