Beim Umblättern Finger befeuchten

20. Jänner 2011, 17:07
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Pro: "Ein Hauch genügt" von Michael Simoner - Kontra: "Im Zweifel für trocken" von Ronald Pohl

+++Pro
Von Michael Simoner

"Das Blatt an einer Ecke anfassen, die Hand an der Kante entlangführen und das Blatt am unteren Seitenrand umwenden." Vielen Dank, bei so einer Anleitung ist es mit der Lust am Lesen auch schon wieder vorbei. Fairerweise muss dazugesagt werden, dass diese Warnung vor dem Feuchtgebiet im unteren Eck aus einer Bibliothek mit historischen Beständen stammt. Wenn altes Pergament so vor Auflösungserscheinungen bewahrt werden kann, soll es sein. Aber sonst führt an der seit Jahrhunderten bewährten Umblätterhilfe kaum ein Weg vorbei.

Wir sprechen hier nicht von Abschlecken, Draufspucken oder Ansabbern, sondern vom zarten Befeuchten des Zeigefingers am Zungenspitzl oder an der inneren Unterlippe. Ein Hauch genügt. Im staubtrockenen Zustand droht hingegen ein ärgerliches Abrutsch-Staccato, das nicht selten damit endet, dass die Lektüre gleich um zwei oder mehr Seiten voranprescht. Spätestens beim Zurückblättern geben die meisten Mikro-Nasszellen-Skeptiker aber dann ohnehin auf.

Kontra---
Von Ronald Pohl

Bücher sind, ganz entgegen ihrem Prestige, trockene und spröde Gesellen. Ihr Rückgrat wird vielfach von Leim gebändigt. Sofort drängen sich die Seiten wie eine Herde verängstigter Schafe zusammen, möchte man, zum Behufe des Umblätterns, mit dem Finger dazwischenfahren. Auch Zeitungen wollen die ihnen gesammelten Herrlichkeiten nicht immer widerstandslos preisgeben. Ein Anlass zu Verzagtheit, gewiss!

Und doch sind es gewissenlose und moralisch gefährdete Personen, die, um die Blätter voneinander zu scheiden, die Kuppe ihres Fingers befeuchten. Kein Stück menschlicher Hautoberfläche scheint denkbar, dass es verdiente, coram publico entblößt und hierauf, unter Zuhilfenahme des zum Überlaufen gebrachten Mundes, eingespeichelt zu werden. Der Kontakt des Speichels mit der Haut schafft eine Atmosphäre der Intimität, die in den Bereich der autoerotischen Sensationen gehört. Vollends das Papier aber kommt wie die Jungfrau zum Kind: Wie hat es die arme, trockene Seite verdient, von der Feuchtigkeit eines tabakbraunen Fingers molestiert zu werden? (Der Standard/rondo/21/01/2011)

  • Wir sprechen hier nicht von Abschlecken, Draufspucken oder Ansabbern. Ein Hauch genügt.
    foto: der standard

    Wir sprechen hier nicht von Abschlecken, Draufspucken oder Ansabbern. Ein Hauch genügt.

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