Design à la Mabuse

24. Jänner 2011, 11:29
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Berlin I: Wer das kürzlich eröffnete Designpanoptikum besucht, kann viel über die Wahrnehmung von Form und Funktion lernen - Ingo Petz war in der skurrilen Wunderkammer

Der Schnee verdeckt alles an diesem Tag in Berlin - den Dreck, die Narben, die Wirklichkeit. Berlin ist ja ohnehin eine Stadt, die ganz gut ohne die Wirklichkeit zurechtzukommen scheint.

Die deutsche Hauptstadt ist sehr damit beschäftigt, sich über sich selbst und seine Wunder zu wundern. Daher ist es nicht leicht, etwas zu finden, was einen tatsächlich noch staunen lässt. Die Torstraße war lange das Schmuddelkind der hippen Mitte. Nun ziehen auch hier die Laptop-Poser, die Latte-macchiato-Pinsel und Boutique-Schnösel ein.

"Einsatzfahrzeug"

An der westlichen Ecke der Torstraße, die der Zeitgeist noch nicht entdeckt hat, steht ein alter roter Kleinbus, der wahrscheinlich einmal in den Diensten der Feuerwehr gestanden hat. "Einsatzfahrzeug" steht auf der Front. Vlad Korneev ist der Besitzer des Busses. Ein Mann mit dunklen Augenringen und wilden Gedanken. Sein Einsatzziel: "Die Menschen zum Träumen bringen. Sie emotional packen. Kleine Götter aus ihnen machen."

Korneev sammelt alte Apparate, Maschinen, Funktionsstühle, Gebrauchsgegenstände, die bizarr, skurril, grotesk, abartig und deswegen auch unheimlich wirken. Die Kategorien, nach denen Korneev diese Objekte aussucht, sind schwer zu definieren. Dies können alte Diaprojektoren, überdimensionierte Reproduktionskameras, Geburtsstühle, Dummy-Puppen, Stanzmaschinen, Keulen, Lederprothesen, Röntgenapparate oder Heizstrahler sein.

Ihnen gemein ist ihr aus heutiger Sicht stark technologieorientiertes Design, das einen zuweilen an Folterinstrumente und Requisiten aus Gruselfilmen erinnert: schwerer, klobiger Stahl, raue Oberflächen, verwinkelte Rohre und Leitungen, ungelenke Konstruktionen. "Heute sehen ja selbst Zahnarztstühle wie Wellnesssessel aus", sagt Korneev.

Durch Entfremdung entsteht der eigentliche Grusel

"Früher war nur die Funktion wichtig, nicht das Aussehen. Die Technik hat sich so sehr weiterentwickelt, dass wir die eigentliche Funktion dieser Gegenstände kaum noch erraten können." Durch diese Entfremdung entsteht für den Besucher der eigentliche Grusel im "Designpanoptikum", wie Korneev seine Schau extraordinaire genannt hat.

In den Räumen an der Torstraße 201, in denen vorher der bekannte Club White Trash Fast Food untergebracht war, hat Korneev, der vor rund 20 Jahren aus Moskau nach Berlin kam, sein schauerliches Sammelsurium ausgestellt - und das nicht, um die Besucher wie in einem Museum über das Design, Designtrends oder die Technologie der bis zu 100 Jahre alten Gegenstände zu informieren. Hinweise, die die eigentliche Funktion der Stücke erklären, fehlen gänzlich. Korneev hat die Stücke zu Installationen arrangiert, die Schauder, Verstörung oder einfach nur Rätselhaftigkeit evozieren.

So ganz genau kann Korneev auch nicht erklären, was er sich bei all dem gedacht hat. "Natürlich geht es mir um die optische Wirkung", sagt er. "Und in gewisser Weise will ich den lächerlichen Versuch des Menschen nachstellen, Gott zu spielen, sich selbst oder die Natur zu kopieren." Naivität sei sicher auch dabei, gesteht er. "Zudem entwickeln sich die Installationen ständig." Ironisch ist das Ganze natürlich auch, vor allem weil Korneev sich auch selbst als Künstler (ein Wort, das er übrigens kein einziges Mal in den Mund nimmt) und als kleiner Gott, der sich sein Wunderuniversum geschaffen hat, persifliert.

Die Schau wirkt

Aber - die Schau wirkt! Wie eine lange Reihe aus bizarren Friseur- und Zahnarztstühlen aus verschiedenen Jahrzehnten in einem weißgefliesten Raum, der sehr an eine Pathologie-Station erinnert. Darauf Süßigkeitsautomaten, Köpfe, in denen Glühbirnen montiert sind. "Die Stühle symbolisieren den Lauf des Lebens", sagt Korneev. Oder ein Dummy auf einem Schleudersitz, dessen Kopf in einer Haube aus schweren Stahlrohren bedeckt ist (nur Eingeweihte wissen, dass es sich bei dieser Haube um eine altertümliche Trockenhaube handelt).

Eine Stahlbadewanne, die für medizinische Moorbäder genutzt wurde, nennt Korneev seine "Seelenbadewanne". In einem kleineren Raum hängt eine Reihe von Schwarz-Weiß-Fotos, auf denen teils nackte Menschen mit eben jenen absonderlichen Technikungetümen, wie sie Korneev sammelt, verwachsen zu sein scheinen. So beispielsweise ein Mensch, der zum Staubsauger mutiert ist.

Der Titel: "Ordnung über alles!" Der 39-Jährige, der 1991 vor dem russischen Militärdienst in den Westen floh, arbeitete lange als Fotograf - auch für die Werbung. Eine Arbeit, die einen Freigeist und Lebenswandler wie Korneev nicht lange bannen konnte. Gesammelt habe er immer schon, sagt Korneev.

Lange hat er mit historischen Designstücken gehandelt; und noch heute kann man ausgesuchte Stücke im Vorraum des "Designpanoptikums" kaufen. Aber die schönsten und absonderlichsten Stücke findet er im Internet, in Trödelhallen oder auf Bauernhöfen. Dafür fährt Korneev mit seinem roten Einsatzfahrzeug lange Strecken. Seine wertvollen Stücke verleiht Korneev auch an Filmproduktionen oder Veranstaltungsorganisatoren.

Wunder- und Kuriositätenkabinette

Korneev belebt mit seinem Panoptikum die Idee der historischen Wunder- oder der Kuriositätenkabinette auf Jahrmärkten, die mit exotischen Exponaten ihre Besucher emotional betörten oder verstörten. Anders als die wissenschaftlich kuratierten Schauen der Museen, wie sie dann im 19. Jahrhundert in Mode kamen und die die rationale Wissensvermittlung als Mission entdeckt hatten.

Es ist wohl wieder Zeit, dem Wundern mehr Raum im Leben einzuräumen. Zumindest, wenn es nach Korneev ginge.

Nach dem traumwandlerischen Rundgang im Designpanoptikum schleicht man vorbei an einer übergroßen Power-Rangers-Figur, die wie ein Wächter zu einer anderen Welt am Ausgang steht. Man weiß: Die Wirklichkeit hat einen wieder. Zumindest die Berliner Wirklichkeit. (Ingo Petz/Der Standard/rondo/21/01/2011)

Designpanoptikum, Torstraße 201. Geöffnet von Montag bis Samstag: 11 bis 20 Uhr. Eintritt 3 Euro. www.invertierpark.com/designpanoptikum/

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  • Als eine Art Disneyland für Erwachsene könnte man das skurrile Museum in Berlin-Mitte bezeichnen.
    foto: designpanoptikum

    Als eine Art Disneyland für Erwachsene könnte man das skurrile Museum in Berlin-Mitte bezeichnen.

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