Angeschnauzt

18. Jänner 2011, 16:40
36 Postings

Kein Element des Autos sagt so viel über sein Wesen wie die Front, sozusagen das Gesicht eines Wagens, sagt Rudolf Skarics.

Nach dem Motto "Nicht alles, was hinkt, ist ein Vergleich" wollen wir es uns verkneifen, Parallelen zwischen automobilen Kühlerhauben und menschlichen Nasen, vorzugsweise Männernasen, zu ziehen. Jedoch kommen wir nicht umhin, die Front von Automobilen als Gesicht anzusehen. Denn immer, wenn ein Autohersteller die Thematik allzu kühl oder technokratisch anging, sich also einen Tinnef darum scherte, was wir denken, wenn wir das Auto im Rückspiegel sehen, ging die Sache grandios schief. Die Front des Automobils prägt ganz entscheidend dessen Charakter. Natürlich spielt die Gestaltung der Scheinwerfer zunehmend auch eine Rolle, vor allem, seit es möglich ist, dank LED-Technik auch noch so etwas wie Augenbrauen oder Lidschatten darzustellen. Trotzdem: Das Kernstück des Ausdrucks ist die Kühlermaske.

Ein warnendes Beispiel für die Missachtung dieser Theorie war einmal ein VW Passat. Die wackeren Ingenieure aus Wolfsburg hatten sich offenbar gegen alle Geschmacksfragen durchgesetzt und mit einem Passat ohne Kühlergrill einen veritablen Imageschaden eingefahren. Rein technisch reichte der Kühllufteinlass unter dem Stoßfänger vollkommen aus. Doch dem Käufergeschmack kam dieser nüchterne Zugang gar nicht entgegen. Flugs bekam dieses Modell auch gleich beim ersten Facelift wieder einen herkömmlichen Kühlergrill verpasst.

Nur vereinzelt gab es in der Geschichte des Automobils erfolgreiche Modelle, die gänzlich ohne prägnantes Maul oder knollige Nase oder wie man das sonst bezeichnen möge, auch tatsächlich Geschichte schrieben. Als herausragendes Beispiel kann man hier wohl den Porsche 911 sehen, dessen motorische Potenz und Kompetenz, dessen dynamische Aura allein ausreichte, um mit einer glatten Front unmissverständlich zu demonstrieren: Hier komme ich.

Wie beim Haifisch

Dies hat ganz eigene Ursachen, die wir noch kurz streifen wollen. Superschnelle Sportwagen besaßen meist Heck- oder Mittelmotor, konnten also nach vorn besonders flach auslaufen und damit besondere Windschlüpfigkeit demonstrieren, so wie sich beim Haifisch die ganze Gefährlichkeit hinter schmalen Lippen verbirgt. Sie durften es sich erlauben, ihre Potenz allein mit ihrem drallen Hintern zu demonstrieren.

Ansonsten gilt: Ein kräftiger Motor will auch seine Außenwirkung haben. Während über Vernunft und Sparsamkeit geredet wird, gilt es noch immer, Kraft und Herrlichkeit über einen mächtigen Vorbau zu vermitteln. Je enger das Korsett der Vernunft wird, umso mehr zählt offenbar der Schein gegenüber dem Sein.

Und wieder Porsche, aber andersrum als beim 911er: Mit dem Cayenne wurde ein Geländewagen geschaffen, der sich zum Schreckgespenst vieler Tagespendler auf den Tangenten und Transversalen unserer Autobahnnetze entwickelte. Wie mit dem offenen Maul eines Raubtiers schiebt er ganz links auf den Überholspuren alles Blechgetier vor sich her, das überwiegend kreuzbrav über die Autobahnen schlurft. Der Erfolg gibt ihm recht. Man motzt zwar ein bissl, wenn ein derartiger Kraftlackl im Rückspiegel auftaucht, doch am liebsten hätte man selber so einen Speed-Schneepflug. In der jüngsten Design-Variante hat man die Aggressivität des Auftritts etwas zurückgenommen, aber das Hierkommich ist noch immer die zentrale Botschaft.

So etwas wie mit dem Passat anno 1988 sollte gewiss nicht mehr wieder passieren, muss man wohl bei Audi gedacht haben, als man den Single-Frame-Kühlergrill etablierte. Eine mächtige Einheit zum Behufe des Lufteinlasses und zur Demonstration von Kraft und Dynamik erstreckt sich über die Höhe der ganzen Wagenfront, nur durch eine schmale Lippe zwecks Montage des Kennzeichens beiläufig getrennt. Das fand recht rasch Nachahmer, etwa bei Peugeot, wo man das Thema wohl ein wenig übertrieb, dass der wenig schmeichelvolle Kosename Breitmaulfrosch die Runde machte.

Ein schönes Beispiel stellen auch die kompakten Transporter dar. Während sie einst bescheiden auf der rechten Spur dahin krochen, machen Botendienste im Zeichen der wirtschaftlichen Dynamik freier Märkte ebenfalls mitunter gefährlichen Druck auf den Überholspuren. Ihr augenscheinliches Mittel zum Zweck, ihr kleiner Ersatz für das Blaulicht, das sie gern trügen: eine mächtige Kühlerhaube, mit sie ihrem drängelnden Wesen vehement Ausdruck verleihen.

Mächtige Signale der Vergangenheit

Während sich die ganze westliche Welt substanziell der Sparsamkeit und Vernunft zum Zweck der Klimabewahrung verschrieben hat, prangen noch immer mächtige Signale einer vergangenen Zeit auf den Fronten der Automobile. Es scheint wie der Angsttrieb des Nadelbaumes, der noch einmal an der Spitze mächtig austreibt, während das Gehölz darunter schon allmählich seinem biologischen Ende entgegenstirbt.

Wenn schon unablässig von einer neuen Ära der Elektromobilität geredet wird, stellt sich die Frage: Wie werden die Insignien der mobilen Macht wohl künftig aussehen? Die Elektroautos haben kein flammendes Herz mehr, das so symbolhaft nach andauernder Kühlung lechzt. Ein feines Netzwerk an Nervenbahnen, das mehrere Aggregate eher wie Organe miteinander verbindet, benötigt zwar auch ein Kühlsystem, aber es werden keine Flammen mehr gezähmt.

Die neuen Zeiten verlangen nach neuen Symbolen des Fortschritts, auch der Macht und vielleicht auch der Cleverness. Reine Attrappen haben jedenfalls noch nie längerfristig Erfolg gehabt. Wie werden die Designer die steile Aufgabe angehen, nicht nur das Auto noch einmal zu erfinden, sondern der ganzen Mobilität einen neuen Kick zu geben? (Rudolf Skarics/RONDO/14.1.2011)

  • Das Kernstück des Ausdrucks eines Wagens ist der Kühler. Das hat VW beim Passat ignoriert.
    foto: volkswagen

    Das Kernstück des Ausdrucks eines Wagens ist der Kühler. Das hat VW beim Passat ignoriert.

Share if you care.