Vier Frauen und ein Dokument des Wahnsinns

13. Jänner 2011, 17:12
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Neues von Anna Calvi, Anika, Tu Fawning, Joan As Police Woman und Dwarr

ANNA CALVI
Anna Calvi

(Domino)

Zuletzt zeigte die junge britische Gitarristin und Sängerin im Vorprogramm von Nick Caves europäischen Grinderman-Shows, dass man Intensität und (sexuell aufgeladene) Aggression auch ohne Brüllerei und im Feedback sterbende Röhrenverstärker über die Bühne bringen kann. Die atmosphärischen, dunklen Songs dieses Albums stellen bei sparsamen Arrangements neben einer verhallten Twang-Gitarre aus der Angelo-Badalamenti-Schule und einer kräftigen, auch zum Vortrag von Drohbriefen geeigneten Stimme vor allem ein akzentuiertes Schlagzeug in den Vordergrund. Produziert hat der von PJ Harvey bekannte Rob Ellis. In Großbritannien wird Calvi als ein Newcomer des Jahres gehandelt. Das geht okay.

ANIKA
Anika

(Invada/Trost)

Im Herbst veröffentlichte die aus Deutschland gebürtige und im britischen Bristol lebende Sängerin auf den Spuren ihres Vorbilds Nico ein beinahe übersehenes Album des Jahres 2010. Gemeinsam mit Geoff Barrow von Portishead und dessen neuer Band Beak> entstanden so lärmige, reggae- und funklastige, minimalistische Hommagen an jene Postpunk-Hochzeiten, in denen vor 30 Jahren mit Bristol-Bands wie The Pop Group schon einmal Versuche unternommen wurden, schwarze und weiße Stile auf Kollisionskurs zu bringen. Darüber singt Anika wie ein teutonischer Todesengel Kinderliedmelodien. Ein harter Brocken.

TU FAWNING
Hearts On Hold

(City Slang / Universal)

Die Band um Multiinstrumentalistin Corrina Repp stammt aus dem Umfeld der Neo-Art-Rocker Menomena aus dem US-amerikanischen Portland. Mit Kriegsgetrommel und einer zum Angriff ohne Rückzugsmöglichkeit einladenden Trompete entwerfen Tu Fawning komplexe, sich dynamisch konsequent verdichtende Songs, die vor allem von Repps in mehreren Schichten übereinandergelegter eindringlicher Stimme geprägt werden. Unter dem Pappmond auf der kunstvoll als Hinterhofgosse eingerichteten Bühne darf dann auch ein wenig als betrunkene Seemannsbraut geschunkelt werden. Manchmal geraten die Stücke gefährlich in die Nähe eines sich nicht zurückhalten könnenden Tom Waits oder auch des unerträglich Richtung Weimarer Republik outrierenden Duos The Dresden Dolls oder auch der Spielzeugland-Diven CocoRosie. Im Großen und Ganzen hat man es bei den Songs von Tu Fawning aber mit spannenden Versuchen zu tun, der guten alten Tante Kunsthandwerks-pop noch ein letztes Mal stimmige Facetten abzuringen.

JOAN AS POLICE WOMAN
The Deep Fields

(Play It Again)

Die nicht gerade für ihre Lebensfreude bekannt gewordene US-Songschreiberin hat sich anlässlich ihres 40. Geburtstags eine positive Weltsicht verordnet. Als ehemalige Begleitmusikerin von Antony oder Rufus Wainwright wahrscheinlich eine notwendige Entscheidung, um ihre Kunst auch einmal von einem heiteren Standpunkt aus zu betrachten. So richtig hedonistisch ohne Genierer klingt das immer noch nicht. Doch Joan Wasser singt nun über Sex (ohne traumatische Folgen) und versucht sich in tageshellen Soul-Bearbeitungen, die möglicherweise die alte Anhängerschaft etwas irritieren könnten.

DWARR
Animals

(Drag City / Trost)

Ein Dokument des Wahnsinns wurde Ende 2010 wiederveröffentlicht. US-Multiinstrumentalist Duane Warr veröffentlichte ursprünglich schon 1986 unter dem Eindruck persönlicher Krisen und diverser Geistererscheinungen und paranoider Schübe ein bizarres Soloalbum, das mit an Halluzinationen leidendem Gesang (Chocolate Mescaline) und quengelig Richtung Käsesynthesizer verfremdeten Gitarren Black Sabbath und Jimi Hendrix nachstellte. Gruselig. (schach, DER STANDARD/RONDO - Printausgabe, 14. Jänner 2011)

  • Die britische Gitarristin und Sängerin Anna Calvi.
    foto: domino

    Die britische Gitarristin und Sängerin Anna Calvi.

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